Tuchel hat Recht

Von , am Montag, 17. Oktober 2016

Welchen Fußball wollen wir sehen? Den „Männersport“? Dann sage ich: nein, danke. Als im Tennis männersportlich die Aufschlagspiele jeweils durchgeprügelt und richtige Ballwechsel eingespart wurden, begann die eigentliche Konjunktur des Damentennis, wobei die Ladies, wie in allen anderen Sportarten auch, in punkto Athletik stark zulegten. Das können die Fußballer auch haben, wenn sie wollen: bei den olympischen Spielen war das Fußballdamenfinale an Sehenswert dem der Herren gleichwertig. Der Fußballgott war eine Göttin und hiess Maroszan.

Borussia Mönchengladbach erlebt derzeit in der Champions League, wie man spielerisch gegen die Milliardärsteams untergehen kann, wenn man auf brutale knochenbrechende Gegenwehr verzichtet. Oftmals ist das taktische wie das brutale Foulspielen die Notwehr der „Kleinen“. Kann sein, dass viele ihrer Fans das sehen wollen. Da, wo ich herkomme, im Ruhrgebiet erwarten die Fans, dass der Fußball noch „gearbeitet“ wird. Moralisch ist dieser Anspruch auch berechtigt. Doch die moderne Arbeit sieht heute so aus, wie die von Fußballlehrern wie Tuchel und Löw. Sie können gar nicht mehr aufhören zu arbeiten, sie tun es aber auch längst, zusammen mit ihren Stäben, auf wissenschaftliche Weise, etwas was das Ruhrgebiet kulturell so erst mit der Gründung seiner Hochschulen in den 70ern kennenlernte.

Ich habe mich 1965 nicht wie meine Klassenkameraden in Gladbeck zwischen RW Essen und Schalke 04 entschieden, sondern für den damaligen Regionalliga-West-Meister und Bundesligaaufsteiger Mönchengladbach, weil sie „schönen“ Fußball spielten. Foulspiele dagegen sind nicht nur regelwidrig, sie sehen auch scheisse aus. Wer sie nicht nur zum taktischen, sondern sogar zum strategischen Mittel machen will, sollte sich lieber in irgendeine „männliche“ Kraftsportart verabschieden.

Es gibt noch ein anderes Problem, das viele mit Tuchel haben. Es ist arbeitssüchtiger Fleiss, sein Bestehen auf fachlicher Kompetenz, sein unverborgener Ehrgeiz. Da war sein Vorgänger Klopp der mit Abstand bessere Entertainer, immer in der Lage eine rhetorische Pointe rauszuhauen. Darum waren seine Ausflüge ins TV-Geschäft, insbesondere als Co-Kommentator nach Liveübertragungen, immer Höhepunkte seines beruflichen Schaffens. Für die Trainingsarbeit hatte er seine Leute. Tuchel geht das TV-Drumrum sichtlich eher an die Nerven, er beharrt auf Fachlichkeit, was ihm Journalisten sofort als „Arroganz“ auslegen, ein Problem, das schon Jens Keller in Schalke hatte. Das stört seine Vereinsführung, die gerade erst beginnt, „Echte Liebe“ global vermarkten zu wollen. Das ist wohl der eigentlich Konfliktkern beim BVB, dass Tuchel dafür nicht „kompatibel“ genug ist. Bei mir steigt er so in Respekt und Achtung.

Hier noch eine etwas ältere konstruktive Kritik an den „Konzepttrainern“ von dem von mir sehr geschätzten Kollegen Oliver Fritsch.

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