Archiv für den Monat: Februar 2017

Beyoglu oder Erdogan – wer stirbt zuerst?

Von , am Dienstag, 28. Februar 2017

Vor gut 10 Jahren entsandte mich die Böll-Stiftung zu einem „Friedenskongress“ in einem Hotel am Taksim-Platz in Istanbul. Ein ursprünglich vorgesehener Grüner MdB war kurzfristig ausgefallen. Ich war noch nie dort, in der ganzen Türkei nicht. Ich schrieb mir eilig ein Eingangsstatement, die spätere MdB und studierte Anglistin Katja Dörner übersetzte es mir in Windeseile in professionelles Englisch – aus dieser Konferenzsprache wurde es simultan ins Türkische übersetzt. Ich gewann die Sympathie von über 90% des Kongresspublikums mit meinem Plädoyer für Menschen- und Bürgerrechte, die nicht für angeblich „höhere“ Ziele instrumentalisiert werden dürften – wie ich es seinerzeit z.B. bei Oskar Lafontaine erkannte, was für merkliche Verstimmung bei der ebenfalls auf dem Podium agierenden Linken-MdB und Ex-Trotzkistin Christine Buchholz sorgte.

Nach der Veranstaltung gruppierte sich eine kleine Menschentraube von Grünen-Sympathisant*inn*en um mich, u.a. ein älterer Herr, der sich als auf Bürgerrechte spezialisierter Rechtsanwalt vorstellte und mir anbot, mir noch ein wenig von der Stadt zu zeigen. Es wurde eine durchzechte Nacht in Beyoglu daraus, Weiterlesen

Syrien-Gespräche in Genf

Von , am Dienstag, 28. Februar 2017

von Andreas Zumach

Bei den von der UNO vermittelten Gesprächen zwischen der syrischen Regierung und diversen Oppositionsgruppen in Genf gab es auch am Montag, dem fünften Tag, keinerlei Fortschritte. UN-Vermittler Staffan de Mistura kam weiterhin lediglich zu getrennten Beratungen mit den jeweiligen Delegationen zusammen.
Die Regierungsdelegation unter Leitung des syrischen UN-Botschafters, Baschar al-Dschafari, verweigert weiterhin jede direkte Kommunikation mit den Vertretern der Opposition. Zur Begründung erklärte al-Dschafari, zunächst müssten sich die von UN-Vermittler Staffan de Mistura nach Genf eingeladenen Oppositionsgruppen „auf eine gemeinsame Delegation einigen“.

Im Unterschied zu den drei gescheiterten Gesprächsrunden vom Frühjahr 2016 Weiterlesen

Feminismus

Von , am Dienstag, 28. Februar 2017

Fangen wir mit dem Sex an, weil das die meisten interessiert. Sensation: Frauen, die mit Frauen schlafen, haben öfter einen Orgasmus, als die, die mit Männern schlafen. Ist jetzt schon, 2017, rausgekommen. Wie konnte es so weit kommen? Siegmund Freud könnte schuld sein, und viele weitere Männer, die diese Art Wissenschaft beherrscht haben.
Dann noch das Langweilige, Politik. Anne Wizorek beschreibt die Ausgangslage zum 8. März. Weltweit setzen sich Frauen in Bewegung, Frauenverächter Trump sei Dank. Und hier? Soll sich die Bundeskanzlerin drum kümmern?
Wer bis hierhin weitergelesen hat, bekommt noch einen Sondertip: Barbara Schweizerhof. Sie war in den meisten meiner Freitag-Artikel die wunderbare betreuende Redakteurin. Jetzt ist sie bei epd-Film, und schreibt gelegentlich für die taz, aktuell über Jodie Foster und Viola Davis. Wir waren mal gemeinsam bei Vincent Klink essen, das ist quasi die Garantie für einen schönen Tag. Dieser gesellschaftliche Blick, den Barbara Schweizerhof auf gute und schlechte Filme hat, und dabei eine so uneitle und kooperationsfähige solidarische Redakteurin ist, das ist ein großes Geschenk für guten Journalismus.

NRW-Rohrkrepierer Olympia – es ist ein Elend

Von , am Montag, 27. Februar 2017

Aus Schaden wird man klug? Unser Bundesland Nordrhein-Westfalen macht es sich zum Markenzeichen, diese Lebensweisheit zu widerlegen. Nur die Älteren werden sich erinnern: 2003 erlaubten wir uns die Peinlichkeit, eine Olympiabewerbung zu starten, für das Ruhrgebiet, das – Gipfel aller Peinlichkeiten – aber das benachbarte und in der Ruhrgebietsbevölkerung wegen seiner Schnöseligkeit genauso wie in Köln verachtete Düsseldorf vorschickte, um dann aber direkt in der nationalen Vorausscheidung gegen Leipzsch zu scheitern. International war es sowieso alles komplett aussichtslos. Kapuddeneu.
Ex-Westerwelle-Gatte Mronz traf seinen FDP-Parteifreund Thomas Bach, im Hauptberuf Obermafioso des IOC bei seinem Aachener Reitturnier, erntete ein gnädiges Kopfnicken, und setzt den Floh nun der desolaten landespolitischen Szene, die ja sonst für nichts irgendeine Idee hat, ins Ohr.

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Kapitalismus und Essstörungen

Von , am Sonntag, 26. Februar 2017

Vor einigen Tagen hatte ich hier schon einmal einen FAZ-Beitrag zu Selbstoptimierung und Essstörungen verlinkt. Ein Bonner Blog-Aggregator kommentierte das mit den Worten, ich hätte mich darüber „aufgeregt“. Aus dem Alter, mich über die FAZ aufzuregen, bin ich raus. Ich finde es sogar lobenswert, dass sich dieses Organ der Herrschenden in diesem Land überhaupt kontinuierlich dem gesellschaftlich relevanten Problem Essstörungen widmet; die meisten tun es nämlich nicht. Darum verlinke ich auch heute gerne ein FAZ-Interview der wahrhaft aufrechten Journalistin Melanie Mühl mit der Schweizer Professorin Dagmar Pauli.
Nichts, was dort ausgeführt wird, ist falsch. Und doch dreht sich da was im Kreis. Frau Mühl fragt: „Welche Rolle spielt das Elternhaus?“ Frau Mühl fragt nicht: „Welche Rolle spielt der Kapitalismus / die Gesellschaft / der Konkurrenzkampf?“ Im Elternhaus einer betroffenen Person spielen sich – immer! – Tragödien ab, meistens begleitet von extremer Hilflosigkeit; je mehr es in solchen Häusern noch Liebe zueinander gibt, umso schlimmer. Selbstverständlich geben sich die Eltern die Schuld, mindestens die Hauptschuld. So what?

Caesar im Weissen Haus

Von , am Sonntag, 26. Februar 2017

Als ich ihn kennenlernte, hätte er die Klassenanalyse nicht so großzügig weggelassen. Bernd Gäbler sah heute im Beginn der Regentschaft von Trump etwas „cäsarenhaftes“, wie er unter Umgehung der politischen Institutionen und Medien „direkt mit dem Volk“, bzw. dem von ihm bevorzugten Teil davon, kommunizieren wolle.
In einem Satz ergänzt: Der von Trump repräsentierte Teil der herrschenden Klasse kündigt jeden Klassen- und Verfassungskompromiss auf.
Und um im Cäsarenbild zu bleiben: in unserem Lateinunterricht kamen seine kriegerischen „Heldentaten“ großzügig vor, nur damals noch ohne Atomwaffen. Ebenso großzügig wurde im Geschichtsunterricht weggelassen, was wir als Schüler*innen in den 70ern selbst ein- und vorbringen mussten: das Römische Reich war eine Sklavenhaltergesellschaft. Ja, kann sein, dass Trump das wiederhaben will. In Teilen der Welt, wenn wir nur Zeit und Lust haben hinzuschauen, ist sie bis heute noch nicht vorbei.

Wahlkämpfe – Frankreich und Deutschland im Vergleich

Von , am Samstag, 25. Februar 2017

Es kann auch an den beiden hier hervorzuhebenden Autoren liegen.
In Frankreich wird ein Staatspräsident gewählt. Also nicht Parteien, sondern eine Person. Dennoch gelingt es Bernhard Schmid in seiner Beschreibung der Ausgangspositionen bei Telepolis politische Sachfragen und die jeweils alternativen Angebote der Bewerber darzustellen. Als wenn es tatsächlich ein politischer Wahlkampf sein oder werden könnte.
Albrecht v. Luckes Darstellung in den Blättern dagegen kreist fast ausschliesslich um strategische Kalküle und Manöver. Auf der Suche nach politischen Positionen, Sachfragen oder gar -antworten findet man ….. nichts, fast nichts. Liegt es nur an dem talkshowerfahrenen Autor (diese Woche auf Phoenix, morgen im ARD-Presseclub) und seiner deformation professionelle? Erst wenn es im deutschen Wahlkampf gelingt, ihn mit Sachfragen und Alternativen der Parteien zu durchdringen (Digitalisierung und Arbeit, friedliche Außenpolitik, Klimawandel etc.) könnte er noch wirklich interessant und spannend werden.

Türkei – Der Bundespräsident ist gefragt

Von , am Freitag, 24. Februar 2017

Der Türkische Ministerpräsident Yildirim hat mit seiner Veranstaltung in Oberhausen Werbung für die Verfassungsänderung in der Türkei und damit Agitation für ein antidemokratisches System der Alleinherrschaft des größenwahnsinnigen Präsidenten Erdogan betrieben. Dieses System setzt auf Lüge und Verleumdung ohne jeglichen Beweis und Sippenhaft: Das Märchen, der ehemalige Kampfgefährte Erdogans, Fethullah Gülen sei der Initiator des stümperhaften Putschversuchs vom Sommer vergangenen Jahres, dient seitdem als Vorwand für „Säuberungen“, berufliche Existenzvernichtung, Rufmord und Willkürjustiz gegen jegliche innenpolitische Gegner seines Regimes. Zu seinen politischen Rufmordkampagnen gehört es, jegliche demokratische Opposition, sogar Oppositionsabgeordnete der kurdischen demokratischen Partei HDP und jeden kritischen Journalisten mit dem Vorwurf des Terrorismus zu überziehen. Ihm geht es nicht nur darum, Menschen mundtot zu machen, sondern sie darüber hinaus auch noch existenziell zu vernichten und in politischen Willkürprozessen jahrelang hinter Gittern verschwinden zu lassen. Weiterlesen

Lars Stindl Fußballgott

Von , am Freitag, 24. Februar 2017

Zu Lars Stindl ist in diesem Blog eigentlich alles gesagt. Bei seinem Platzverweis gegen ManCity war ich im Stadion dabei, ein Witz, aber spielentscheidend (1:1). Was für ein guter Typ er ist, wurde vor einigen Monaten in diesem 11-Freunde-Interview sichtbar.
Allen Hecking-Skeptikern sind die Argumente jetzt wohl ausgegangen. Bemerkenswert nicht nur der bemitleidenswerte Westergard, um den sich hoffentlich jemand kümmert, sondern auch, dass der durch viele Täler durchgewanderte Jonas Hofmann an allen 4 Gladbacher Toren beteiligt war.
Jetzt nicht überschnappen. Einstelligen Tabellenplatz erobern. Eberl-Frage klären. Alles, was darüber hinausgeht, ist dann Kür.

Update: Diese Kür führt nun zu einem etwas absurden Terminkalender, hier vom Webmaster dieser Seite in seinem Westfalenblog kommentiert.

Trump-Panik bei EU und Bundesregierung verdichtet sich

Von , am Donnerstag, 23. Februar 2017

Michael T. Klare macht der EU in den Blättern (Übersetzung durch ihren ehemaligen Bonner Redakteur Karl D. Bredthauer) wenig Hoffnung, von Trump ernstgenommen zu werden. Seine Strategieanalyse bildet den Hintergrund für ein heisses Gerücht, das über die global agierende Nachrichtenagentur Reuters über einen Besuch des mutmasslich rechtsradikalen Gottseibeiuns Bannon in der deutschen Botschaft in Washington gestreut wird. Es sieht nach einem absichtlichen Durchstich aus, und kaum nach „Fake-News“; das würde ich sonst in diesem Fall gerne bevorzugen.