Hidir Eren Çelik, die Macht des Schreibens

Von , am Donnerstag, 11. Mai 2017

Das Wort als friedliches Mittel für die Menschlichkeit
von Giorgia Sogos

Rezension von: Hidir Eren Çelik: Ich stehe vor deinen Toren

In seinem neuen Gedichtband „Ich stehe vor deinen Toren. Gedichte zu Flucht, Vertreibung, Krieg und Frieden (2017)„, im Free Pen Verlag erschienen, lässt der Autor Hidir Eren Çelik seinen Gedanken über die aktuellen Probleme unserer Gesellschaft durch seine Poesie freien Lauf. Schon im Titel des Bandes konkretisiert sich das Bild des Flüchtlings, dessen Darstellung in unseren Ländern und Städten eine Wirklichkeit geworden ist, auf der verzweifelten Suche nach einer Zuflucht. Das gleichnamige Gedicht „Ich stehe vor deinen Toren“ präsentiert sich daher als eins der wichtigsten Leitmotive dieser Sammlung, die aus 60 Gedichten besteht. Gegenüber dem Hilferuf eines fremden Menschen aus der Ferne bleibt der Dichter nicht gleichgültig, mittels eines Einfühlungsprozesses übernimmt er dieses Unbehagen, und so wird er selbst der Fremde.

Ich stehe vor deinen Toren
Ich bin ein Fremder aus der Ferne,
dennoch bin ich ein Kind Gottes.
Ich bin die weiten Wege gereist,
verfolgt, verhungert,
verschollen in Meeren dieser Erde
[…]
Ich stehe vor deinen Toren
In meinen Träumen strömt der Fluss aus meiner
Heimat in die Fremde.
Ich habe unzählige Berge und Flüsse überquert,
um bei Euch in Freiheit zu sein
[…]
Es trieb mich meine Würde zu Euch, als Mensch
Frei zu leben.
[…]
Lass mich rein, um ein Teil deiner Zukunft zu
werden,
um mit Dir gemeinsam den Frieden zu gestalten
für unsere Kinder.

Nur durch dieses metamorphische Vorgehen, das die Aufnahme des Leidens mit sich bringt, kann der Dichter bei dem Leser Verständnis wecken. Die tragische Erfahrung eines unerwünschten Krieges, der sein Leben für immer zerrissen hat, bis zum Punkt, ihn zu einer ewigen Flucht in die Freiheit zu zwingen, hat aber dieser Mensch in seiner Würde nicht zerstört. Çelik fordert jeden Menschen, vor allem den Gläubigen, zur Nächstenliebe und zur Vernunft auf, um die Toren seines Herzens zu öffnen. Sein Kampf gegen Hass und soziale Ungerechtigkeit spiegelt sich u.a. in dem Gedicht „Sprache des Hasses“ wieder, das sich in einer dichotomischen Struktur zwischen „Eurer Sprache“ und „Meiner Sprache“ aufbaut. Hier entfalten sich die Kernpunkte der Sprache des Dichters, der die Worte „Liebe“, „Frieden“, „Freiheit“, „Versöhnung“ und „Vielfalt“ als Säule seiner Weltanschauung definiert.
Wie schon in seinem Roman „Der Fluss meiner Träume. Lebensreise eines Wanderers“ (2008) und in seinem Gedichtband „Nomaden“ (2012) deutlich ist, betrachtet Çelik die Dichtung nicht nur als kreative Dimension, in der die Phantasie frei entfaltet werden kann, sondern als ein wirksames und friedliches Mittel, das zur konstruktiven Reflexion dienen und Lösungen bieten sollte. Denn der Kampf des Intellektuellen baut sich gegen jede Art von Ideologien auf der schriftlichen Ebene: Nur das Wort kann die Welt verändern und die Menschen zur Vernunft führen, wie in „Mit den Worten“ ausgedrückt wird.

Mit den Worten, mit denen wir Bücher schreiben,
werden wir Hass und Gewalt besiegen.
Mit den Worten, mit denen wir Geschichten
erzählen, werden wir die Welt der Anderen
kennenlernen.

Auch in diesem Sammelband fließt die Scharfsinnigkeit des Politologen und Soziologen mit der Sensibilität des engagierten und pazifistischen Intellektuelles zusammen, der an die Macht des Wortes stark glaubt. Çeliks Philosophie basiert auf einem bedingungslosen Vertrauen zu dem Menschen als Träger der Vernunft, mit der er die Welt ändern kann. Sein Glauben setzt sich so in Kontinuität mit der Tradition der Aufklärung, da es mit der Idee eines menschlichen Fortschritts verbunden ist, dessen Ziel die Toleranz und der gegenseitige Respekt ist. Bei der Erreichung dieses Zwecks ist die Aufgabe des Dichters, die Jugendlichen zu erziehen, damit sie auf den richtigen Weg gehen. In dieser Hinsicht entsteht das Gedicht Aufruf an die Jugend. Der Intellektuelle übernimmt die Rolle des Pädagogen und fleht die Jugendlichen an, an die Kraft der Vernunft zu glauben, da nur dank dieses Mittels kann die Jugend in die Falle der Ideologien, der Gewalt und des Hasses nicht gehen kann.

[…]
Lass Dich nicht als ein Instrument der Macht missbrauchen.
Was Du auch suchst, such es in Dir, denn Du bist der Mensch.
Nur Du bist das heiligste Wesen dieser Welt,
die Zukunft gehört Dir, bau sie auf mit der Vielfalt dieser Erde.

Çelik hört nie auf, den Menschen zu erwecken und ihn in seinen versöhnlichen Plan hineinzuziehen, der die Absicht hat, die Gesellschaft zu kritisieren und ihre Untätigkeit anzuzeigen. Der Glaube wurzelt sich in die Ratio ein; das unermüdliche Streben nach einem harmonischen Zustand unter den Menschen ist romantisch, die Verwirklichung dieses Ideals drückt sich in einem rein vernünftigen und menschlichen Traum aus, der sich gleichermaßen an alle richtet. In einer Welt, in der die Trennung, das Misstrauen und das Unverständnis herrscht, findet der Dichter in der Dunkelheit ein Licht, das Licht der Hoffnung, dank dem neue Perspektiven eröffnet werden können. Dieser Lichtblick muss immer am Leben gehalten werden. Das letzte Gedicht des Bandes „Mein ICH wird dein SEIN werden“ stellt in diesem Zusammenhang eine Einladung an die Symbiose mit dem Anderen dar, die der romantische Pantheismus wieder wachruft. In dieser Hymne auf die Gleichheit feiert Çelik die Toleranz und die Brüderlichkeit, deren Voraussetzung aus einem gegenseitigen und bedingungslosen Vertrauen besteht.

Mein ICH wird dein SEIN werden,
denn wir atmen die gleiche Luft der Erde,
träumen unter dem blauen
Himmel voller Sterne,
haben die Sehnsucht,
als Menschen in Würde zu leben.
Mein ICH wird dein SEIN werden,
es ist unsere Sehnsucht,
als Mensch frei zu leben.

Die Autorin (Dr. phil.) ist Literaturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin.

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