Selbstgemachte Niederlage für Rot-Grün in NRW

Von , am Sonntag, 14. Mai 2017

Mit knapp über dreissig Prozent für die Sozialdemokraten und auf um die sechs Prozent praktisch halbierten Grünen hat die Koalition in NRW eine saftige, selbstgemachte Niederlage erlitten. Diese Niederlage ist hausgemacht und selbst verschuldet. Mit Ralf Jäger hatte die SPD einen unfähigen und uneinsichtigen Minister am Hals. Er dilettierte sich selbst und die Koalition immer tiefer in den Eindruck hinein, dass diese Regierung aus NRW ein Land der Unsicherheit gemacht habe. Kraft fehlte der Mut, sich von Jäger zu trennen. Löhrmann fehlte der politische Killerinstinkt, den auch eine Grüne stellvertretende Ministerpräsidentin braucht, entweder intern auf Kraft Druck auszuüben, ihn zu entlassen oder sich und ihre Partei öffentlich klar gegen Jäger zu positionieren. Sie war völlig auf ihr Ressort fixiert und verlor die Gesamtstrategie grüner Politik aus dem Auge. Sie und ihre Mitstreiter durchschauten nicht, mit welcher geschickten Taktik es der CDU gelang, sich in Sachen Amri, NSU, und innerer Sicherheit selbst zu exkulpieren und eigene Versäumnisse gegen NRW zu wenden. Überhaupt schienen die Grünen strategisch völlig kopflos zu agieren, weil niemand erkannte, dass nur mit Bildungspolitik keine Wahlen zu gewinnen sind.

Anders ist nicht zu erklären, dass die beiden anderen grünen Minister, Remmel und Steffens in der Öffentlichkeit praktisch nicht vorkamen. Während Landtagsgrüne politisch verbürokratisierten, ging die Landespartei noch einen Schritt weiter: Sie entpolitisierte sich, verteilte Schokoladenherzen, führte eine grottenschlechte Wahlkampagne ohne erkennbare politische Themen, tauchten in die Virtualität sozialer Medien ab, während CDU und FDP mit den Medien über Politik redeten – ein wesentlicher Beitrag zum schlechten Wahlergebnis. Wer bei den Diskussionen in grünen Kreisverbänden dabei war, konnte den Unmut der Basis besonders von älteren Mitgliedern darüber schon vor der Wahl deutlich hören. Die Grünen NRW werden sich in den kommenden Jahren grundsätzlich neu aufstellen müssen. Die Reduzierung der politischen Inhalte auf Regierungsthemen, die mangelnde Lebendigkeit in der innerparteilichen Diskussion und das Fehlen einer politischen Strategie haben entscheidend zum grünen Wahlergebnis beigetragen. Dass Löhrmann als Erfolg feierte, dass Grüne nicht unter fünf Prozent gefallen sind, ist ein Armutszeugnis.

Auch die SPD trägt eigene Verantwortung für ihre Niederlage in ihrer Herzkammer. Inhaltsleer und ohne Zukunftsentwurf hat die Zuspitzung auf Hannelore Kraft völlig versagt. Die SPD hat es wie die Grünen nicht verstanden, Inhalte zu vermitteln. Sie hat sich aus der Umklammerung der CDU in der Berliner GroKo nicht gelöst, nicht erklären können, warum NRW sozialer ist, als CDU-regierte Länder. Es war schon irritierend zu beobachten, wie Bundesinnenminister De Maizière in NRW der SPD die Verantwortung im Fall Amri zuschob, während gleichzeitig SPD-Parteisoldat Oppermann neben dem feixenden De Maizière in Berlin gemeinsame Gesetzesverschärfungen verkündete. Der Schulterschluss in der großen Koalition im Bund ließ einen thematischen SPD-Kurs nicht erkennen. Die Quittung dafür hat Kraft bekommen. Ihr Rücktritt ist nobel, stürzt die SPD aber auch in eine tiefe Krise.

CDU und FDP haben die besten Ergebnisse ihrer Parteien eingefahren, weil sie es verstanden, die Landespolitik strategisch geschickt zu politisieren und die Rot-Grüne Koalition erfolgreich in die Ringecke zu treiben, in der sie inhaltlich ausgeknockt wurde. Ob dabei immer alles gestimmt hat, was Kraft und Löhrmann zugeschrieben wurde, ist am Wahlabend nicht mehr relevant. Laschet und Lindner haben offensichtlich die Stimmung der Wählerinnen und Wähler getroffen. Und wie Niki Lauda das als Kommentator gern bei verdienten Formel 1-Siegern macht, ziehe ich in diesem Fall vor beiden die Kappe. Ob sie die Probleme der Integration und öffentlichen Sicherheit besser lösen, als rot-grün, müssen sie jetzt in den kommenden fünf Jahren zeigen.

Dieser Beitrag erscheint auch bei rheinische-allgemeine.de

Update 15.5.: Für die nun zahlreich stattfindenden Nachhilfestunden bei Roten und Grünen dieses DLF-Interview mit der Kognitionsfortscherin Elisabeth Wehling als kostenloses Unterrichtsmaterial.

3 Kommentare zu “Selbstgemachte Niederlage für Rot-Grün in NRW

  1. Claus-Jürgen Cohausz

    Nicht zu vergessen das Chaos um G8 und Inklusion, Dauerstaus und No-go-Areas wie Duisburg-Hamborn, in denen die AfD fast 25% geholt hat.

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    1. Martin Böttger

      Lieber Claus-Jürgen, das mit den „No-Go-Areas“ halte ich auf das Ruhrgebiet bezogen für propagandistisches Schlecht-Gerede, das dort insbesondere die engagierten Anwohner*innen empört und demotiviert. In Duisburg-Marxloh und Essen-Altenessen habe ich mich persönlich davon überzeugt. Missstände gibt es dort selbstverständlich auch ohne das reichlich.

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  2. martin köhler

    Sehr treffende Analyse ! Und wenn die BundesGrünen es nicht schaffen, klare -auch eskalierende- Botschaften und Aktionen öffentlichkeitswirksam rüberzubringen dürfte das Ergebnis ähnlich enttäuschend ausfallen. Die sogenannte „konstruktive“ Fachpolitik in der Berliner Opposition findet zwar hin und wieder die Anerkennung der CDU-FDP-Anhänger, aber zu selten ihre Stimme. Sie muss begleitet werden von klaren profilierenden Aussagen – die allerdings von Grünen WahlkämpferInnen kommen, denen man ein echtes Anliegen zutraut, das sie mit Leidenschaft überzeugend vermitteln… Nur nach Doppelpass ein Tor im September !

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