(Einige) Medien in Panik und Auflösung

Von , am Samstag, 22. Juli 2017

Um das Folgende zu verstehen, müssen Sie sich zunächst Folgendes vorstellen. Sie sind Oberhaupt eines Milliardärsclans, der seinen Wohlstand der Arbeit von hunderten qualifizierten Journalist*inn*en zu verdanken hat. Bis vor gut 10 Jahren liefen die Geschäfte. Und Ihre Konten voll.
Und jetzt das: die einstigen Cashcows, die Publikumszeitschriften, und auch die Vorzeigeprodukte, die gedruckten Zeitungen. BILD hat weniger als ein Drittel von dem, was das „Lügenblatt“ (Kittner) einst in den 90ern hatte.
Selbst wenn sie kein Verlegermilliardär (bzw. sein Erbe) sind, sondern mit geringerer Fallhöhe „nur“ z.B. Mitglied der Mitarbeiter-KG des Spiegel, dann sehen sie an diesen Zahlen, wie Ihre komplette Altersvorsorge mit wachsender Geschwindigkeit abkackt. Der Spiegel hat einst, wie der Stern, an der Millionenmarke gekratzt. Ich erinnere mich daran, als wenn es gestern gewesen wäre. Und Focus scheint komplett zu verschwinden …
Oder Sie sind nur da angestellt. Und unter 50. Dann wissen Sie: bis zur Rente kommen Sie mit Ihrem beruflichen Geschäftsmodell nicht durch. Sie müssen was Neues ausdenken/(er)finden, und kein Mensch weiss heute, was das sein kann.
All das verursacht Schnappatmung.

Beispielhaft dafür steht die Reaktion einiger Medien zur in diesem Blog auszugsweise dokumentierten Studie von Michael Haller zur Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise“. Hätte er seine Untersuchungszeit weiter ausgedehnt, hätte er das gleiche Phänomen entdeckt: das „Kippen der Stimmung“ als Produkt von Spindoktor*inn*en, Polit- und Medienstrateg*inn*en. Und auch die Reaktion auf seine Studie bestätigt alle seine Befunde. Sie sind nicht flüchtlings- sondern medienpolitsch. In den untersuchten Blättern FAZ und Welt, in geringerem Masse in der SZ, tobten interne Bürgerkriege zwischen Merkel-Freund*inn*en und -Feind*inn*en; das erklärt die von Haller erkannte „Meinungsfreude“, oder böser forumuliert den dort im Innern grassierenden Missionarismus, und vielleicht auch die Hoffnung auf den karrierefördernden Drehtüreffekt – nicht wenige pendeln zwischen Journalismus und PR. Cool erfasst haben den Vorgang Stefan Niggemeier/uebermedien und Thomas Pany/telepolis.

Verfahren und vertrackt. Sie machen alles immer schlimmer. Was wird nach ihnen kommen? Niemand hat den strategischen Ausweg bisher gefunden. Douglas Rushkoff hat im Jungle-World-Interview ein paar Handlungsvorschläge für uns. Und Frank Stauss verarbeitet die Lage im Interview, ebenfalls bei uebermedien.de, so intelligent, wie es z.Z möglich ist.

Spannende Zeit.

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