Istanbul – Gecit / Übergang / Transition

Von , am Mittwoch, 2. August 2017

von Ertan O. Erdogan

Ich war bis ca. Anfang Juli zweieinhalb Monate in meiner Geburtsstadt Istanbul und habe für eine Doku gedreht:
„Gecit / Übergang / Transition“.
Am Beispiel der Bauindustrie und der einhergehenden Stadtteilplanung und -entstehung versuche ich zusammen mit Pressekommentaren und Gesprächspartnern vor Ort den scheinbaren Erfolg einer Volkspartei zu verstehen, so die Kurzbeschreibung. Eine aktuelle filmdokumentarische Reise durch Istanbul unter dem Bann von Halbmond und Stern – plus einer Daniel-Düsentrieb-Glühbirne, dem Markenzeichen der AKP.


Fragestellungen:

– Welchen Änderungen seit ca. 13 Jahren (Beginn der AKP-Ära) ist Istanbul als Ganzes bautechnisch ausgesetzt, hinsichtlich der Nachbarschaft & Gentrifizierung, der Umwelt / Natur und ihrer Rodung?

– Welche Entwicklung haben konkret die Stadtteile Ataköy, die klassische Satellitenstadt aus den 1980er Jahren (Sozialdemokraten/CHP) und Sirinevler, der Ort der Zuwanderer aus Anatolien, die mehrheitlich AKP wählt, durchgemacht?
Beide Stadtteile sind mit einem Fussgängerüberweg über die Europastrasse 5 verbunden.

Da ich bereits die erste Hälfte mit AKP-Wählern und Stimmen aus dem Volk des nun 90-Minüters fertig geschnitten hatte, fehlten mir für die zweite Hälfte Aussagen von Fachleuten wie Architekten, Stadtplanern und Aktivisten. Und die waren zunächst oft Mangelware. Wenige waren bereit vor der Kamera Fragen zu beantworten, die eigentlich mit der AKP und deren Politik direkt nichts zu tun hatten/haben.
Ausser wenn man in Betracht zieht, dass „bereits zum achten Mal in Folge die türkische Bauwirtschaft nach China, aber vor den USA, auf der Liste der 250 grössten Bauunternehmen den zweiten Platz belegt“. Und das „während der Markt um 4,1% schrumpfte, gelang es türkischen Unternehmern sowohl ihren Marktanteil als auch ihre Erlöse zu vergrössern.“
(>https://www.nachrichtenxpress.com/2015/08/bauwirtschaft-tuerkische-bauunternehmen-weltweit-noch-vor-den-usa-auf-platz-zwei/)
Wie ist das möglich?

Von daher waren meine Fragen doch allzu politisch, wovor sich viele im Vorfeld abgeschreckt gefühlt haben könnten. Einige waren jedoch bereit, Tacheles zu reden.
Viele Gesprächspartner der akademischen Welt drehten sich ständig um beim Reden, waren nervös, oder redeten irgendwas Unbrauchbares daher, ohne konkret auf meine Fragen einzugehen.
Was kein Wunder war, ist doch gerade diese Zielgruppe Opfer von Erdos Repressalien.
Manche nahmen kein Blatt vor dem Mund, die ich aber lange, lange suchen musste und u. a. durch eine Recherchekollegin auch fand.

Eine Pogromstimmung macht sich in manch westlich orientierten Stadtteilen breit, eine recht ungemütliche Atmosphäre weht um einen herum, die mich an Ostberlin erinnerte, als ich 1980er Berliner war…
Wenn man sich jedoch als unpolitischer Tourist unters Volk mischt, merkt man nichts von alldem.
Also im unbekannten Terrain einfach politisch die Klappe halten.

Welche Art von politischem Engagement und mehr oder weniger öffentlicher Artikulation ist noch ratsam, fragst du? Kommt darauf an. Erstmal ist keinerlei direkte öffentliche Artikulation ratsam, da zu viele Denunzianten und Speichellecker rumlaufen, selbst hier in Deutschland!! Unfassbar.
Je diffenzierter und ausgeglichener man argumentiert, umso besser, wenn man bedenkt, dass mind. ein Viertel der AKP-Abgeordneten (des Schwerpunktes Wirtschaft) ihren eigenen Vorsitzenden am liebsten absägen will. Erdo fährt die türkische Wirtschaftskarre gerade gegen die Wand.

Über 100 000 Menschen sitzen im Knast, über 160 Presseleute ebenso, fast alle unabhängigen Medienhäuser sind geschlossen.

Erfolgserlebnisse?
Ich durfte als Doppelstaatler nach Deutschland in die zweite Heimat ausreisen.

Der Autor lebt und arbeitet als Filmemacher und Medienkünstler in Düsseldorf und reagierte mit diesem Text auf eine Anfrage der Redaktion. Herzlichen Dank.
Dass es für Flüchtlinge aus islamistischer Herrschaft nur wenig Hoffnung auf christlich-abendländische europäische Gastfreundschaft gibt, verdeutlicht dieser vom DLF-Magazin „Europa heute“ präsentierte Fall eines Palästinensers, der vor der Hamas-Herrschaft geflohen ist.

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