Freibad oder Fussball?

Von , am Freitag, 4. August 2017

Für Jugendliche im Ruhrgebiet der 70er Jahre war das die tägliche Sommerlochfrage.
Selten liess sich beides so gut verbinden wie am 5.6.1971. Ich hörte die Schlusskonferenz des letzten Spieltages der Bundesliga im Freibad Gladbeck. Ich glaubte kaum an ein gutes Ende, denn Borussia Mönchengladbach schien durch die Wertung des Torpfostenbruchs im Spiel gegen Werder Bremen (Spielstand wenige Minuten vor Schluss 1:1, Spielwertung danach 0:2) die Chance zur Titelverteidigung gegen den Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum, verspielt zu haben. Doch dann gelang am letzten Spieltag der kaum zu erwartende 4:1-Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt. Bis zur 70. Minute stand es 1:1, Bernd Nickel hatte die Führung durch Netzer mit einem seiner berühmten Hammerweitschüsse ausgeglichen, alle Fingernägel waren abgekaut. Dann traf Horst Köppel zum 2:1, und Jupp Heynckes machte mit zwei weiteren Treffern den Sack zu. Um 17.25 h hiess es im Freibad: schnell die Klamotten zusammenpacken, aufs Fahrrad geschwungen, um zur Sportschau um 18 h zuhause zu sein.
„Das beste Fussballspiel, das es in Deutschland je gab“, ereignete sich zwei Jahre später im Pokalfinale zwischen der Borussia gegen den Karnevalsverein am Sitz der Bezirksregierung Mittelrhein. Christian Eichler, Gladbach-Fan bei der FAZ, und dort zur Berichterstattung über den Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum verurteilt, hat ein Buch geschrieben, in dem er dieses Spiel mit vielen Zitaten aus Günter Netzers Autobiographie angemessen würdigt. Ich sah es, verurteilt zum Sommerurlaub mit meinen Eltern in einem deutschen Mittelgebirge, in einem „Dorfgemeinschaftshaus“ in Nordhessen, überfüllt durch Urlauber der Ruhrkohle AG. Die meisten jubelten wie ich über den gerechten Ausgang des Spiels, an den wir uns in all den Jahrzehnten ja wunderbar bis heute gewöhnt haben.
Klimawandel? Beide Tage der 70er Jahre waren – gefühlt – so unfassbar heiss, dass ich glaube, dass es danach nie wieder so heftig war. Aber das sind natürlich nur gefühlte Erinnerungen. Heute gehe ich nicht mehr in diese pralle Sonne.
Zur Geschichte deutscher Freibäder lieferte DLF-Kultur diese Woche ein hörens- und lesenswertes Feature. Für die Zeit, die ich beurteilen kann, wird alles richtig beschrieben. Viel scheint sich seitdem nicht geändert zu haben.

Noch eine weitere gute Nachricht für Gladbach-Fans. Nicht nur RB Salzburg ist wie jedes Jahr an der Champions-League-Quali gescheitert. Auch Ajax Amsterdam. Das allein wäre kein Grund zum freuen. Ajax-Besieger als Trainer war aber Lucien Favre, der nicht zum BVB kam, sondern in Nizza geblieben ist. Nach 1:1 in Nizza endete es in Amsterdam 2:2, Auswärtstorregel. WIr werden Lucien immer dankbar bleiben, er war nach Hennes Weisweiler, zusammen mit Jupp Heynckes und Hans Meyer, einer unserer jemals besten Trainer.
Update 5.8.: zur Absurdität und moralischen Verkommenheit des Fussballbusiness schreibt heute Holger Gertz in der SZ auf Seite 3, und wird von seinen Verlegern dem breiten Onlinepublikum wie immer vorenthalten.

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