Dienstleistung und Depression

Von , am Mittwoch, 9. August 2017

Es gab ein Diskursfenster in Deutschland, nach dem Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke. Es wurden nicht nur Sonntagsreden rund um seine Trauerfeier gehalten, es schien bis hin zum damaligen DFB-Chef Theo Zwanziger ein ehrliches Bemühen zu geben, danach nicht so weitermachen zu wollen wie vorher. Dass das eine Illusion war, war materialistisch geschulten Gemütern schon immer klar. Etwas war aber, zumindest über mehrere Monate, neu: es wurde offener und öffentlich gesprochen über die Volkskrankheit Depression. Ich erlebte eine Szene am damaligen Kaffeestand von Sara Monteiro-Gashi auf dem Bonner Marktplatz, bei der eine mir – ich sprach gerade über Enke – völlig fremde Person sich mir gegenüber zu ihrer Erkrankung bekannte. Für Depressive ein geradezu revolutionäres Verhalten, und zu dieser Zeit kein Einzelfall.

Ein weiteres Symptom fällt mir zunehmend auf: in Geschäften, in denen ich Stammkunde oder -gast bin, bekomme ich vom in der Branche normal fluktuierenden Bedienungspersonal ungewöhnliche Zuneigung entgegengebracht. Warum? Nach meinen Massstäben verhalte ich mich normal freundlich. Ich grüsse beim Eintreten, und sehe die Gastgeber*innen dabei an, nur sekundenlang; ich habe mich orientiert, was ich wünsche, und spare ihnen Zeit; ich bedanke mich kurz aber deutlich, wenn ich das Gewünschte erhalte; bei Fehlern schimpfe ich nicht, sondern weise präzise und freundlich, ohne Vorwurf („kann passieren“, wer ist ohne Fehler?) darauf hin; in der Gastronomie gebe ich nach dem Genuss von Mahlzeiten ein Trinkgeld nicht unter 1 Euro. Vielleicht liegt es im Kern daran, dass ich Respekt und Hochachtung vor der geleisteten Arbeit habe, und das, ohne dass ich darüber spreche, durch mein Verhalten Ausdruck findet? Ist das alles nicht mehr normal? Ist das zuviel verlangt? Es sieht so aus. Respekt vor Arbeit ist im neoliberalen Deutschland ein seltenes Gut geworden.

Es gibt zu diesem Thema, wie zu fast allem, eine breit entwickelte wissenschaftliche Forschung, die gestern ein interessantes Feature von DLF-Kultur ausbreitete. Der bekannte Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer hat gerade ein neues Buch veröffentlicht, in dem er die Zusammenhänge zum aktuellen Dienstleistungskapitalismus nicht weglässt. Informativ auch die Carta-Beiträge von Jo Wüllner (schreibt auch beim immer lesenswerten Oxiblog) zu Amazon, vor allem auch sein Interview mit ver.di-Gewerkschafter Thomas Voß. Wer dann noch lieber „bequem“ einkauft, und sich samstags bei DHL in die Warteschlange stellen will, dem/der ist eben nicht zu helfen. Dann möge Jeff Bezos unser Führer werden ….
In unserer Demokratie haben wir die Wahl. Wollen wir so weitermachen? Oder umsteuern?

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