NRW&WDR: Symbiose, fruchtlose

Von , am Samstag, 12. August 2017

Es ist Sommerloch. Die TV-Sender schicken alle Redaktionen, sofern sie überhaupt noch welche unterhalten, in die „Sommerpause“, die aber nicht so kurz ist, wie bei den Schulkindern, sondern gerne doppelt so lang. Freie Mitarbeiter*inn*en bleiben in dieser Zeit auftragslos, so werden Kosten gespart. Sportsenderechte müssen versendet werden, was an Lücken bleibt, füllen Tatort-Wiederholungen. Eine „kreative“ Idee darüber hinaus ist, Volontär*inn*e*n ins Archiv zu schicken, und sie dort ein paar schöne, alte Schwarz-Weiss-Bilder neu zusammenschneiden zu lassen. Das kostet (fast) nichts, und das Ü70-Publikum, und das sind viele, freut sich an den Erinnerungen.
Andreas Rossmann, FAZ-NRW-Korrespondent mit badischem Migrationshintergrund, in Köln lebend, mit einer tiefen Liebe zum Ruhrgebiet, hat sich eine dieser Sendungen vorgenommen, mit einem schweren Denkfehler: er nimmt sie inhaltlich ernst, und kritisiert sie entsprechend qualitativ. Wie naiv von dem alten Mann, kurz vor seinem Rentenalter, gehört insofern also fast schon zur Zielgruppe.
Die sonntägliche WDR-Sendereihe „Mein Verein“ ist nach dem gleichen Muster gearbeitet (meine Anfrage nach dem Verbleib von „Sport inside“ ist seit einer Woche unbeantwortet). Die Folge über S04 schien zunächst ein rührseliges, schmalztriefendes Werbestück zu werden, bis glücklicherweise der eingebettete „Zwischenruf“ von Tom Theunissen kam. Auch hier blieben wichtige Fakten unberücksichtigt: es fehlte die zentrale Rolle von S04 im Bundesliga-Bestechungsskandal von 1971 (besonders alt). Da ging es um Summen, bei denen heute niemand mehr ein Zucken der Augenlider bekäme, damals führte das zu einer ernsthaften Zuschauerkrise in der gesamten Liga. Und was fehlte (topaktuell) ist die Tatsache der bis heute fortdauernden Verschuldung der Blauen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages, gut mittlerweile (!) deutlich weniger als der Neymar-Transferbetrag, aber genug, um ein Toptalent wie Leroy Sane verkaufen zu müssen.
Womit der strategische Strickfehler der historisierenden WDR-Billigprodukte bereits gekennzeichnet ist. Die Produzenten halten das überalterte Publikum für doof genug, dass es mit Billig-Billig zufriedenzustellen ist. Wenn es jedoch inhaltlich um Erinnerungen geht, dann hat das Publikum mehr Expertise als die jüngeren Produzent*inn*en. Es weiss besser, wie es damals war. Und verzeiht schwere Fehler nicht, im Gegenteil, es nimmt gerne übel.
Den Programmstrateg*inn*en ist das aber egal. Mit Tränen der Rührung nehmen sie zur Kenntnis, dass die von Rossmann kritisierte „1970″-Sendung 460.000 Zuschauer*innen mit einem „Marktanteil“ von 7,7% gehabt haben soll = alles richtig gemacht, in dieser Denkweise vom Privat-TV nur insofern zu unterscheiden, dass für Letzteres Ü50-Zuschauer*innen als Währung nicht existieren.

Es ist diese Mentalität, die genauso das aktuelle Geschäft um die Olympia-Senderechte kennzeichnet. Die Chance zu einer Umkehr zu kritischem Sportjournalismus wird absichtsvoll vermieden, öffentliche Rechenschaft über die aufgewendeten Kosten von unserem Geld wird autistisch-ähnlich abgelehnt. An dem Ast, auf dem sie selbst sitzen, sägen sie weiter.

Ein Verbesserungsvorschlag zum Schluss: statt Unkundige alte Filme neu zusammenstoppeln zu lassen: digitalisiert und öffnet Eure Programm-Archive. Es sind nämlich unsere. Wir haben sie bezahlt, und zahlen weiter.

2 Kommentare zu “NRW&WDR: Symbiose, fruchtlose

  1. Roland Appel

    Die Zuschauer des ÖR-Rundfunks werden von der „Sportindustrie“ reihenweise über den Löffel balbiert. Damit selbst das Schnürselkelbinden der Bayern-München Ersatzspieler noch live vermarktet werden kann – wieso berichtete die ARD eigentlich gestern in der 1. Pokalrunde ausschließlich über das Gemetzel der Bayern und des BVB an irgendwelchen Fünftligisten? Gähnend langweilig, null informationswert! Damit sich die kleinen 7-Jährigen Jungs noch mehr Bayern-Trikots kaufen? Damit sich die ÖR Medien diesen ewigen Fußball-Scheiß, der mir längst an den Ohren rauskommt, leisten und Milliarden in die Hände der Fußballmafia leiten, muss ich mir als Urlauber zuhause tagsüber auf zwölf Landeskanälen täglich mindestens 6-8 Stunden lang Zoo-TV, reinziehen, nachmittags dann die dümmsten Wiederholungen derselben TV-Novelas von „Sturm der Liebe bis „in aller Freundschaft“. In den Nachrichten laufen von Sendung zu Sendung dieselben Schnitte. Kritische Reportagesendungen sind zusammengestutzt, in die Spätzeit verschoben, im Sommer gar ausgesetzt, sogar die „Heute show“. Dazu schein-live Polizeiklamotten wie bei den privatsendern. Gehts noch? Meine bettlägrige 94 jährige Mutter konnte in den 2000er Jahren wenigstens noch hin und wieder einen alten Heinz-Rühmann-Film sehen. Aber selbst für die alten UFA- und Hollywood-Schinken ist kein Abspielgeld mehr da. Alles bei Bayern München, BVB und Neymar, Ronaldo und anderen Holzköpfen, die nur kicken und Steuern hinterziehen können. Und demnächst soll dann das deutsche Pokalendspiel in Shanghai stattfinden. Soll es. Aber ohne jeden Byte Übertragung nach hier und schon gar nicht aus meinen Fernsehgebühren. Ich will es nicht sehen. Ich zahle für Journalismus und Aufklärung, nicht für die Geschäfte der FIFA-und DFL-Verbrecher.

    Antworten
    1. Martin Böttger Beitragsautor

      Lieber Roland, erstens achte bitte auf Deine Herz-Kreislauf-System und rege Dich nicht über Sachen auf, die sich nicht lohnen, zweitens ist Deine inhaltliche Krtitik am öffentlich-rechtlichen TV natürlich berechtigt, aber drittens ist nicht dieses sondern Rupert Murdoch über seinen Sender Sky derjenige, der ungefähr die 5-10fache Summe in den deutschen, britischen und Uefa-Fussball pumpt.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.