Sportjournalismus, Reste des guten

Von , am Montag, 21. August 2017

Die Pest im Fussball und seinen eingebetteten Medien ist, dass sie den unabhängigen Sportjournalismus weitgehend zur Strecke gebracht haben. 95% dessen, was uns private und, was noch schlimmer ist, öffentlich-rechtliche Medien als Sport zeigen, ist sponsorengerechte und durch umfangreiche von bestbezahlten Jurist*inn*en ausgearbeitete Vertragswerke (selbstverständlich nichtöffentliche) abgesichert: Produktpräsentation, also Werbefernsehen.
Das Tempo dabei bestimmt heute der australische Medienzar Rupert Murdoch, der in den USA („Fox“) und UK („Sun“) die Massenmedien beherrscht, Trump zu seinem Wahlsieg geführt hat, und sich nun wie andere Teile des Grosskapitals in altersgerechtem Tempo, der Mann ist Ende 80, langsam in die Büsche schlägt. Hierzulande gehört dem Mann der Pay-TV-Kanal Sky, er ist also Hauptfinanzier der DFL genannten ersten und zweiten Bundesliga.
Auf diesem Hintergrund bin ich weiterhin empört, dass der WDR als unser Eigentum das einzige sportjournalistische Format des deutschen Fernsehens „Sport inside“ seine Sommersendepause verlängert und stattdessen die weiteren Folgen seiner „Mein Verein„-Reihe absendet.

Das vorausgestellt nun zur Kritik, ich will ja nicht nur meckern. Die Folge über S04 (Einschaltquote: 290.000) hatte sich an Geschichtsschreibung ordentlich verhoben, wie ich hier schon erwähnt habe, und wie es auch Andreas Rossmann (FAZ) mit weiteren Belegen untermauert. Die Folge über Bayermonsanto (Einschaltquote: 250.000) geriet zu einer unfreiwilligen Realsatire, weil sie um das ungelöste Strategieproblem kreiste, einen unpopulären Verein endlich populär zu machen. Erst die gestern gesendete Folge zum BVB (Autor: Marc Schlömer, Einschaltquote: 350.000) verdient ein Lob.
Schlömer versuchte sich gar nicht erst an der Geschichtsschreibung zu verheben, sondern legte den Schwerpunkt auf die Fanperspektive. Ihm gelang so die Hervorhebung des Kontrasts zwischen den westfälischen Dickschädeln Watzke und Zorc, die auf dem Standpunkt stehen, dass das Geschäft nun mal so sei, wie es sei, solange die Fans das former known as Westfalenstadion vollmachen, könnten sie ja nichts falsch gemacht haben. Entsprechend misslungen war und ist ihr Krisenmanagement bei der Trennung von Vorjahrestrainer Tuchel und im Ablösetauziehen um ihr Supertalent Dembele (was Schlömer aber wohlweislich wegliess, weil es seinen Film zerfasert hätte).
Und auf der anderen Seite den Hunderttausenden, vielleicht Millionen Fans, deren Überdruss und Kritik wächst. Ein Blogkollegin von schwatzgelb.de sagte ganz richtig voraus, dass die Fanmassen weiter kommen werden. Aber es werden Andere sein, mit weniger Herz aber mehr Geld. Besonders gut gefallen hat mir, dass Schlömer drei junge Frauen zeigte, die genau wie ich in der letzten Saison, mehr Gefallen an der Regionalliga West (= 4. Liga) gefunden haben, in der tolle Spielpaarungen mit anspruchsvollem Fussball zu zumutbaren Preisen zu sehen sind.

Sehr gelungen war ausserdem am gestrigen späten Abend das Deutschlandfunk-Sportgespräch zur Ultraszene – ein starker journalistischer Kontrast zur wahlkampfbegleitenden BILD-Kampagne.

Zuguterletzt: liebe FC-Fans, ich habs euch doch gesagt, Ihr braucht nicht zu weinen!
Empfehlenswerte Spielberichte: seitenwahl.de und Theweleit/Sp-on.

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