Medienblase

Von , am Dienstag, 29. August 2017

Heute mittag beim Videorecorderprogrammieren bekam ich einen kurzen Zapping-Blick in die Berliner Pressekonferenz der Bundeskanzlerin, die der „Ereignis“kanal Phönix selbstverständlich live übertrug. Frau Merkel und ihr Auftritt ist bestens bekannt, einer gleicht – absichtlich – dem andern. Schockierend war für mich der Blick in ihr Publikum, in den vollbesetzten Saal von Journalist*inn*en. Sie sahen – gefühlt – alle so gleich aus. Gut, die Geschlechterparität ist bei Journalist*unn*en, die (noch) arbeiten müssen, und nicht nur Befehle erteilen („delegieren“), ganz gut gewährleistet. Und es werden sicher nicht nur Deutsche gewesen sein, die dort sassen. Aber soziokulturell sahen sie alle so gleich aus: Hochschulabschluss, wahrscheinlich auch die Eltern schon, nicht uniform aber einheitlich casual gekleidet, beim gleichen Friseur gewesen, gleicher Geschmack – und wie wir Leser*innen wissen: verdammt ähnliche Ansichten. Das Vorlesen der Presseschauen im Radio sollte verboten werden, die Gleichheit ist geschäftsschädigend für die zitierten Zeitungen. So wie Autofahrer*inne*n vorgehalten werden kann, dass sie nicht in einen Stau geraten, sondern selbst der Stau sind, so gilt für die meisten Medien, die über „Filterblasen“ schwadronieren: selber!

Der Medienmarkt ist ein Markt, bei dem es diesbezüglich noch Gerechtigkeit gibt. Prominentestes Beispiel ist BILD, die von ihrer Auflage der 90er Jahre heute nur noch weniger als 40% verkauft. Das hindert die andern nicht, ständig ihrem Agendasetting hinterherzudackeln, hilft ihnen aber auch nicht. Hochgerechnet sind die meisten gedruckten deutschen Tageszeitungen in weniger als 30 Jahren ausgestorben.

Manche versuchen dagegen anzukommen, indem sie ihre eigene Filterblase online immer enger ziehen. Das Handelsblatt stellt rund die Hälfte seiner Onlineinhalte hinter eine Paywall. Ein Regionalmonopol wie die WAZ im Ruhrgebiet versucht es ihr nachzutun. Sie machte gerade ein Relaunch ihrer Onlinepräsenz und nennt sich jetzt wieder derwesten.de, dafür sind frühere journalistische Ressort- und Lokalinhalte jetzt noch schwerer hinter den clickbettelnden Boulevardschlagzeilen zu finden. Update 30.8.: heute ist waz.de wieder da; da hats wohl einen Unfall gegeben. Dafür ist ab heute Wuppertal wieder zu erreichen.) Die FAZ experimentiert ebenfalls mit Paywall, hat ebenfalls ein Online-Relaunch gemacht, was aber nach meinem ersten Eindruck – noch – zu keiner Serviceverschlechterung geführt hat. Dort waren viele gedruckte Inhalte sowieso nicht online gestellt worden, was die publizistische Qualität schon länger stark beeinträchtigt.
Selber schuld, sie wollen eben Geld verdienen. Solange sie im Besitz reaktionärer Milliardäre sind, werden sie von mir keinen Cent sehen.

Es ist aber nicht alles schlecht. Es gibt genug Lesenswertes, auf das ich hier nach Kräften hinzuweisen versuche.
So können wir uns heute am schlechten Geschäft von Pro7Sat1 erfreuen, einst Teil des pleitegegangenen Imperiums des Kohl-Freundes und- Spenders Leo Kirch, heute „börsennotiert“, also im Besitz von Spekulant*inn*en und Investmentfonds. Wer schlechtes Fernsehen macht, macht also manchmal auch schlechtes Geschäft. Schön. Danni Lowinski, und Der Letzte Bulle, wie lange ist das her? Danach kam nichts mehr.
RTL gehört zu Bertelsmann, das der Familie der Multimilliardärin und Merkel-Freundin Liz Mohn. Ich weiss nicht, ob sich der Thoma grämt. Zu seiner Zeit war der Laden Marktführer vor ARD und ZDF, mit rund 16-18% Marktanteil. Jetzt sind es noch 8, also ungefähr wie die AfD. Ohne Formel 1 und Länderspiele wäre es noch weniger. Mitleid oder gar Trauer sind nicht angebracht 😉
Wer dort noch „irgendwas-mit-Medien“ arbeitet, sollte sich beeilen, den Job zu wechseln.

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