Was klappt eigentlich überhaupt in dieser Stadt?

Von , am Montag, 4. September 2017

Vor wenigen Tagen hat Martin Böttger an dieser Stelle die Planungssünden der Stadt Bonn in Sachen Südüberbauung des Bahnhofsvorplatzes geschildert. In der vorigen Woche war ich als Wahl-Bornheimer zugegebenermaßen mit dem Auto in Bonn unterwegs, um in meiner langjährigen Heimatstadt einige Erledigungen zu machen. Natürlich habe ich die beschriebenen Wege nicht alle am Stück gemacht – aber folgen Sie mir auf einer fiktiven Rundreise durch Bonn und begleiten Sie mich auf dem kommunalen Weg von Desaster zu Desaster.

Zunächst ging es zur Zahnärztin nach Bad Godesberg – interessante Verkehrsführung auf der B9 mit Stau in den Sommerferien um 11.30 – das muss einer erst mal schaffen. Weil hier kontaminierter Teer entdeckt wurde, der dringend zu entsorgen war. Man fragt sich allerdings, wieso es in der Stadt, die mal Hauptstadt war und ein Umweltamt hat, bis 2017 dauerte, bis dieser Giftfund aus den 70er Jahren auffiel, Anwohner und Büroangestellte durften vermutlich jahrelang den Abrieb der B9 einatmen. Allerdings nicht auf dem Stück am Landesbehördenhaus entlang – das steht seit bald zehn Jahren leer. Grüße an Stadt und Landesliegenschaftsbetrieb!

Wir sind in Bad Godesberg, am Kurfürstenbad. Dieses kleinste linksrheinische Schwimmbad hätte Anfang der 2000er Jahre durch den Einbau eines Blockheizkraftwerkes rentabel gemacht werden können. Nicht nur der damalige Bäderamtschef, der längst in Rente ist, verhinderte das, sondern auch Stellen der Stadt, die in der gesamten Zeile eine lukrativ zu vermarktende Immobilie sahen, die Dollarzeichen bereits in den Augen. Ein großkotziger Liegenamtschef namens Naujoks wollte eine „Gesamtlösung für alle Bäder“- er stürzte inzwischen nicht nur darüber. So kämpfen Bürger jetzt um ein Fossil, das wohl inzwischen finanziell kaum zu retten ist.

Auf dem Rückweg kommen wir am neuen „tollen“ Projekt der Stadt, dem geplanten Prunkbad im Wasserland vorbei. Angeblich energiesparend mit Abwärme vom Kraftwerk und Blockheizkraftwerk (BHKW). BHKW sind technisch gesehen Gasmotoren, die einen Generator antreiben mit 95% Wirkungsgrad. BHKW plus Fermwärme ist physikalisch ein maultierreitender Esel. Entweder ich nutze Wärme eines BHKW und nutze den Strom oder verkaufe einen Teil des Stroms oder ich habe Ab- (Fern-)wärme eines Kraftwerkes, dann brauche ich kein BHKW. Alles andere ist ökonomischer und ökologischer Unsinn. Genau das aber haben Stadt Bonn und SWB den Bürgern im Wasserland bisher vorgegaukelt. Schaumermal, wie das ausgeht.

Nun zu Knauber, ein paar Gartenutensilien geholt – auf dem Rückweg hinten raus beschlicht mich das Entsetzen über die Industriebrache linkerhand, bevor der Puff kommt. Ziemlich großes Gelände, denke ich, wo wir doch akute Wohnungsnot haben. Verkommen und brach. Auch noch Südlage von den Gleisen aus gesehen – ich rufe einen befreudeten Bauunternehmer an, was er da für möglich hält. Naja, meint er, zur Bahn hin ein Studentenwohnheim mit Schallschutzgrundrissen nach Norden. Das heisst, Zugänge mit Glas abgetrennt, da dann nur Klos, Küchen und Lagerräume auf die Rückseite und vorn schöne Wohn/Schlafräume der Appartements mit Südbalkon. Dann würde das Restgrundstück noch so groß sein, dass man dort z.B. den natürlich vorher entgifteten Grund an Wohnprojekte mit Eigenleistung und sozialem Charakter vergeben könnte Generationenwohnen in der Stadt – das macht die Stadt Tübingen z.B. seit einiger Zeit. Grundstücke nicht an den Meistbietenden, sondern ans sozialste Projekt. Kennt Bonn wohl nicht, sowas.

Weiter über die Viktoriabrücke – seit über einem Jahr eine Gefahrenstelle für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen aller Art. Zu doof, eine Ausschreibung für den Abriss einer Brücke auszuschreiben, hab ich vor Monaten im GA gelesen, sei wer auch immer gewesen. Jedenfalls gibt es wohl keinen, der bisher das marode Gestell abreissen, geschweige denn etwas neu aufbauen wollte. Aber was solls – Rost ist auch schön. Was aber die geplante Rechtsabbiegerspur Richtung Bahnhof soll, erschließt sich mir nicht: Vielleicht, damit man die Moschee nicht so sieht?

Weiter vorn liegt rechterhand das Frankenbad. Denkmalgeschützt, aber eine Energieschleuder mit Einscheibenfestern, die auch an der SWB-Fernwärme hängt. Schönes Grundstück – was wollen einige da bauen? Schon wieder ein Einkaufszentrum? Gibts doch schon in 150 m Entfernung Luftlinie an der Bornheimerstraße! Oder ein schönes Bürgerzentrum mit Schwimmbad – aber dafür müsste man Energiespartechnik einbauen und die Stadt die Knebelverträge mit der SWB über verteuerte Fernwärme lösen. Das könnte einen schönen Sozialraum schaffen. Aber dafür müsste man ja Entscheidungen treffen. Und das Spiel mit der SWB – linke Tasche – rechte Tasche funktionierte dann auch nicht mehr.

Rechts vom Frankenbad gibt es hinter dem Sozialwohnblock eine wilde Brachfläche. Dort wollte vor vier Jahren ein privater Investor ein ökologisches Gebäude für ein Generationenwohnprojekt bauen. Ein interkultureller Begegnungsraum sollte nach den Plänen der Initiative „Granatapfel“ entstehen. Dafür hätte der Bebauungsplan geändert werden müssen. Lückenverdichtung – bundesweit reden alle Stadtökologen in den Ballungsgebieten davon. Aber CDU und Grüne knickten vor einer Interessengemeinschaft von Hauseigentümern ein, denen der Generationenbau ein Dorn im Auge war, weil er ihre Aussicht auf eine Fläche verstellt hätte, die 30 Jahre lang nur eine hässliche Industrieruine war. Das älteste Mitglied des Generationenprojekts war damals 74 – naja, sie wird sich nun in ein konventionelles Altenheim eingemietet haben. Weil sich die Eigentümer vorgaben, für „Grün in der Altstadt“ zu kämpfen, hatten sie Erfolg. Trau keinem Erben über dreissig.

Nachdem ich bei meinem Freund Sefer Can im Kiosk am Frankenbad meinen Lottoschein abgegeben habe, gehts stadtauswärts in die Kölnstr. wo ich meine gebügelten Hemden in der Wäscherei abhole. Über die Römerstraße kann ich nicht in die Stadt zurück, weil da die Stadt Bonn eine Dauer-Einbahnbaustelle eingerichtet hat – gefühlt seit einem Dreivierteljahr. Keine Ahnung, wofür man das braucht. Vielleicht, damit ich nicht aus Versehen am Hochhaus der ehemaligen Pädagogischen Fakultät vorbeikomme, in dem ich Politikwissenschaft studiert habe und sehe, dass das auch leer steht?

Also irgendwie zurück ins Zentrum und ab nach Beuel zum Bioladen Momo. Auf dem Weg ist ein Unfall, also einen kleinen Umweg, bei dem ich vor der „Tapetenfabrik“ rechts nach Beuel zurück abbiege. Vorher blicke ich auf der Königswinterer Straße noch links auf eine große Freifläche, auf der mal die „Degussa“ eine Fabrik betrieb. Evonik würde das Gelände gerne verkaufen, sagte man mir dort. Eine Bürgerwerkstatt hat 2002 dafür plädiert, dort einen Wohnblock mit einem Einkaufsmarkt im Parterre zu bauen – das ist dokumentiert. Das Stadtplanungsamt lehnt das aber ab, weil man „die Gewerbetreibenden in der Beueler Fußgängerzone dagegen schützen“ müsse. Also passiert gar nix. Schräg gegenüber, auf dem alten Gelände des Güterbahnhofs ist seit Jahren Stillstand der Rechtspflege, sind keine Planungen möglich. Weil das Verkehrsamt dort einen Kreisel statt der Ampelanlage plant und weil niemand weiss, wie groß dieser ausfallen soll. Hier blockiert ein Teil der Verwaltung den anderen. Das einzig gute: Lidl hat da aufgegeben. So ist das dort seit 2007 – nichts passiert, keine Wohnungen, keine Belebung des Stadtteils, kein Ernstnehmen des Bürgerwillens.

Zurück über die Kennedybrücke, rechts ab bis zur Beethovenhalle – wieder eine Baustelle, an der nicht klar ist, wie sie sich entwickelt, wie hoch die Kosten sind, wann die Renovierung abgeschlossen sein wird. Ein Groschengrab, wäre untertrieben. Dann unter der Brücke durch, rechts die Oper – ohje, das nächste Groschengrab. Links ab und dann vor dem „Koblenzer Tor“ zum Viktoriabad. Eine Bauruine seit Jahren, hätte längst stillgelegt werden müssen, schon 2003 stand in den Maschinenräumen unter jedem Rohr ein Eimer gegen tropfende Dichtungen. Statt den Bürgern von vornherein reinen Wein einzuschenken, verbreitete die Stadt Illusionen über mögliche Konzepte. Nun nervt eine Initiative für den Erhalt der Ruine. Nun wurden vier Entwürfe der Öffentlichkeit vorgestellt – zwei davon wieder mit Geschäftsräumen. Hallo? Wo verteufelt sollen die ganzen Einkäufer herkommen, wo ständig Läden in der Innenstadt pleite gehen und leerstehen, die Kaiserplatz-Passagen, das Friedensplatz-Karee…Brauchen wir wirklich noch vor dem Bahnhof und am Viktoriabad Geschäfte, die sich gegenseitig kannibalisieren?

Nach unserem Abstecher zum Viktoriabad fahren wir durch den Cityring und links ab am Kaiserplatz vorbei, zurück auf die B9, am Auswärtigen Amt stehen die nächsten Bauruinen. Schräg gegenüber vom Juridicum könnte man ein fußläufiges Studentenwohnheim bauen. Stattdessen vergammelt hier ein Nebengebäude des ehemaligen „AA“ als Ruine in Bundesbesitz. Studis sollen lieber 20 €+ pro qm und mehr in der Alt- oder Südstadt zahlen. Bravo, Bonn!

Eine letzte Runde geht nach Lengsdorf und von dort aus über Dransdorf nach Bornheim. In Lengsdorf sehen wir ein Wohngebiet direkt an der A 565 hinter Lärmschutzwälle gequetscht, wo ich die täglichen Stickoxidwerte lieber nicht wissen will. Auch in Ückesdorf und Endenich hört man ja ständig die A 565. In Beuel liegen neue Wohngebiete gern an Autobahn oder Bundesstraße. Das Gewerbegebiet Dransdorf an der Landstraße nach Bornheim liegt dagegen in ruhiger Natur und ohne jeden Lärm – ein bisschen Bahn vielleicht.

Ich frage mich, wer in Bonn seit Jahren eigentlich Wohngebiete an Autobahnen und Industiegebiete in der ruhigen Natur plant. Meine These: Sie können es einfach nicht. Bundesstadt Bonn: In dieser Stadt klappt nichts, aber dabei arbeiten unfähige Verwaltung und unfähige Koalitionen seit Jahren Hand in Hand, Faust auf Faust.

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