WM-Quali Afrika – ja, die gibts

Von , am Mittwoch, 6. September 2017

In einer Mischung aus bräsiger Unkenntnis und rassistischer Arroganz ignorieren selbst die meisten Fachmedien die Qualifikationsrunde Afrikas zur Fußball-WM 2018 in Russland. Dabei geht es in einigen der fünf Gruppen dramatisch zu. Durch Zufall wurde ich über die ZDF-Videotextseite 494 – die ARD, verantwortet vom „Hauptstadtsender“ RBB ignoriert das Geschehen komplett – darauf aufmerksam.

Bisher sind 4 von 6 Spieltagen gespielt. Die ersten zwei wurden schon vor knapp einem Jahr abgewickelt, die nächsten zwei rund ums vergangene Wochenende. Die weiteren zwei Spieltage folgen Anfang Oktober und Anfang November. Die jeweiligen Sieger der 4er-Gruppen sind qualifiziert.

In Gruppe A nahm es einen weitgehend erwarteten Verlauf. Tunesien führt die Gruppe mit 10 Punkten an, nur DR Kongo mit 7 Punkten kann noch gefährlich werden. Der direkte Vergleich zwischen beiden ist schon absolviert und endete knapp (2:1 zuhause, 2:2 auswärts) für Tunesien. Das staatlich derzeit nicht existente Libyen holte seine ersten Punkte gestern mit 1:0 gegen Guinea, das damit seine Chance verspielte.

Auch Gruppe B verlief erwartbar. Favorit Nigeria führt mit 10 Punkten vor dem einstigen Sensations-Kontinentalmeister Sambia mit 7. Die Überraschung ist das dramatisch schlechte Abschneiden Kameruns. Im Vorjahr holte es zwei unbefriedigende Unentschieden und ging dann auswärts in Nigeria 0:4 unter. Endlich rächt sich dort das desolate Management des Fussballverbandes, gesteuert von einer brutalen politischen Diktatur.

Gruppe C bleibt dagegen dramatisch spannend. Die favorisierten Ivorer (7 Punkte) gefährdeten ihre wohl zu sicher geglaubte Qualifikation durch eine 1:2-Heimniederlage gegen Gabun (5 Punkte), nachdem sie das Auswärtsspiel dort noch 3:0 gewonnen hatten. Bemerkenswert: zur Pause lagen sie schon 0:2 zurück, und spielten die 2. Halbzeit in Überzahl (Platzverweis für einen Gabuner). Nun muss das Heimspiel Anfang Oktober gegen Marokko (6 Punkte) gewonnen werden.

Noch spannender die Gruppe D. Die Kapverden, ein Zwergstaat mit weniger als einer halben Million Einwohnern und neben dem leistungsstarken Fussball mit einer global beachteten Musikszene, regelmässiges Urlaubsziel des über 80-jährigen Horizonte-Stammgastes Klaus aus Beuel, haben nach zwei Niederlagen im Vorjahr am vergangenen Wochenende sensationell zweimal gegen die Kontinentalgroßmacht Südafrika (4 punkte) gewonnen: erst zuhause 2:1, und auswärts wieder 2:1 (= 6 Punkte). Ex-Afrika-Finalist Burkina Faso (6 Punkte) und der Weltmeister-Frankreich-Besieger von 2002 Senegal (5 Punkte) komplettieren die Gruppe. Für alle noch alles drin.
Update 7.9.: unmittelbar nach Abfassung dieses Textes wurde gemeldet, das Spiel Südafrika-Senegal (2:1) müsse nach dem Willen der Fifa wiederholt werden, weil der Schiri gesperrt war. Diese Meldung über Unregelmässigkeiten im afrikanischen Fussball schaffte es auch hierzulande in alle relevanten Medien, im Unterschied zum hier beschriebenen sportlichen Geschehen. Im Falle eines Auswärtssieges bei der Spielwiederholung sähe sich der Senegal plötzlich an der Spitze in dieser Gruppe.

Gruppe E könnte als Tragödie für Ghana enden, 2014 in Brasilien noch einer der fussballerisch stärksten Gegner des späteren Weltmeisters Deutschland. Ghana (5 Punkte) verlor bereits im Vorjahr 0:2 beim Mitfavoriten Ägypten (9 Punkte), vergab jetzt wichtige Punkte beim Heim-1:1 gegen Kongo (1 Punkt) und wahrte die letzte Chance durch ein Auswärts-5:1 beim gleichen Gegner. Das Heimspiel gegen Ägypten Anfang Oktober muss nun gewonnen werden, und wäre doch noch nicht ausreichend. Mit im Rennen: Uganda (7 Punkte), das den Direktvergleich gegen Ägypten mit 0:1 dort und 1:0 zuhause ausgeglichen gestalten konnte.

Afrika ist der Kontinent, der die zahlreichsten Talente in die Riesengeldwaschanlage des europäischen Fussballs schickt. Die wenigsten schaffen „es“, dann aber oft zur Freude unseres Entertainment-Business. Die Fussballtribünen Afrikas sind voll mit Angestellten der europäischen Fussballberaterkonzerne. Da ist wohl für europäische Journalist*inn*en oder gar TV-Rechtehändler und -Kameras kein Platz mehr frei. Wir als Publikum sollen doofbleiben.

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