Pornoindustrie – eine unserer vielen dunklen Seiten

Von , am Sonntag, 10. September 2017

Der Pornobranche wird zurecht nachgesagt, dass sie ein Treiber neuer Medientechnologien ist. Was sich in ihr durchsetzt, hat auch gesamtökonomisch beste Chancen. Das gilt aber nicht nur für Techniken, sondern auch für Geschäftsmodelle: was hier als Ausbeutung funktioniert, das ist auch woanders durchsetzbar. Darum ist es für uns alle ratsam, das zu sehen und nicht auszublenden, nur weil wir das pfuibah und ekelig finden.
Darum ist es verdienstvoll, dass sich die WDR-Reihe „Die Story“ dieses Themas angenommen hat. Diese Reihe ist eine der rar gewordenen Existenzberechtigungen öffentlich-rechtlicher Medien. Ich bin so alt, dass ich mich noch erinnern kann, dass sie um 21 Uhr lief, dann um 21.45 h, jetzt ist sie im WDR-TV bei 22.10 h angekommen. Die Beiträge im ARD-Programm haben frühestens um 22.45 h eine Sendechance. Die Programmdirektionen, die das zu verantworten haben, denken wohl, dass sie schon Ruhestand sind, wenn ihr Mediensystem abgewirtschaftet ist – wozu sie selbst gegenwärtig emsig beitragen – nach mir die Sintflut. Aber das ist ein anderes Thema ….

Der Film der Französin Ovidie (Mediathek bis Anfang Oktober, und nur von 22-6 Uhr) vom WDR offensichtlich angekauft (oder coproduziert), zeigte die aktuellen Möglichkeiten und Systemgrenzen von Recherchepräsentation. Das Fundament bildete eine Recherche des Springerblattes „Die Welt“, die schon ein paar Jahre alt ist. Ovidie ergänzte sie um authentische und inhaltlich unbedingt bereichernde Zeuginnenaussagen ihrer ehemaligen Arbeitskolleginnen. Wo es aber darum ging, die Welt-Recherche ins heute fortzuschreiben und die Strippenzieher des Finanzmarktes zu identifizieren – da ging es leider nicht mehr weiter.

Hier hätte es dem Film gutgetan, wenn der mit viel PR-Aufwand betriebene Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ mitinvestiert hätte, Finanzen und Recherchepower. Aber an sowas Schmutzigem wollen sich die Jungs wohl keine dreckigen Finger machen, peinliche Genderdiskussionen im eigenen Betrieb inklusive.

Die Lücken: der Aachener Fabian Thylmann war offensichtlich ein Strohmann im Dunkeln bleibender Investoren. Seine Firmen machten in der Pornobranche das, was Amazon auf dem Buchmarkt, Spotify und Apple auf dem Musikmarkt, Facebook auf dem Nachrichtenmarkt und Google bei der Suchmaschine und mit Youtube auf dem Videomarkt realisierte (im Lebensmittel- und Gastronomiemarkt findet dieser Krieg gerade statt): die Branche komplett umpflügen (Disruption), selbst eine Monopolstellung erobern und anschliessend alle, die weiterexistieren wollen, Schutzgeld zahlen lassen. Thylmann behauptete bei einem öffentlichen Auftritt mal, er mache einen Monatsumsatz von 40 Mio. Das dürfte weit untertrieben gewesen sein. Denn er wurde, wie Uli Hoeness und Al Capone, anschliessend wegen Steuervergehen strafverfolgt. Sein Dichthalten über seine Hintermänner dürfte hochgerechnet ca. 10mal wertvoller gewesen sein, als das von Hoeness über seine Aufsichtsratsbrüder von adidas, Audi/VW, Telekom, Allianz usw. Gegen eine hohe zweistellige Millionensumme wurde Thylmann freigekauft. Von wem? Dann verkaufte er sein „Manwin“ genanntes Imperium. An wen? Es wechselte seinen Namen in „Mindgeek“ und zog von der Steueroase Luxemburg (= EU!) nach Kanada (Ceta-Abkommen!) um. Wer ist es? Wer investiert? Wer profitiert?

Alle diese Fragen beantwortet Ovidies Film nicht. Aber unsere Steuerfahnder*inne und Staatsanwält*innen, unsere Behörden und Ministerien scheint es ebenfalls nicht die Bohne zu interessieren. Realsatirisch wird der Film mit einem Interview eines New Yorker Finanzexperten, den er sagen lässt: nein, Hedgefonds oder Goldman-Sachs-Leute würden niemals in solch einem Geschäft investieren. Der Zuschauer weiss es besser. Und die Filmproduzentin ist für die getroffenen Aussagen nicht verklagbar.

Für eine Weiterreise der Filmmacherin von der US-Ostküste zur kalifornischen Westküste, dem eigentlichen Zentrum der US-Pornoproduktion, hats wohl leider nicht gereicht. Ebensowenig wurde der asiatische, japanisch beherrschte Markt ausgeleuchtet. Zwar besteht das Kerngeschäft von allen heute im grenzenlosen Einsammeln von Daten. Die Methoden unterscheiden sich aber. Und die verschiedenen mafiösen Strippenzieher scheinen noch nicht global zu kooperieren sondern noch zu konkurrieren.

Die kalifornischen Pornoproduzenten versuchen mit digitalen Abos weiterzuleben, ähnlich den Digital-Abos von Spiegelplus, Fazplus oder Sky, und den anderen Video-on-demand-Anbietern. Gleichzeitig lassen sie Rechtsanwaltsarmeen und deren Algorithmen die ehemals Thylmannschen Plattformen durchsuchen und ihre Filme dort immer wieder aufs Neue entfernen. Don Quijote hätte es nicht anders gemacht. Weil das Geschäft immer schlechter läuft, werden die Pornoarbeiterinnen immer schlechter bezahlt, die Produktionskosten immer weiter gesenkt. Auf Qualität kommts bei Wichsvorlagen ja sowieso nicht an – so diese Branchenphilosophie.

Die Japaner sorgen ebenfalls für das Entfernen ihrer Werke auf europäisch-amerikanischen Plattformen. Stattdessen machen sie sie lieber selbst. Und die hinter der Pornoindustrie zu vermutenden Yakuza-Gruppen scheinen, zumindest vordergründig, den Markt harmonischer untereinander aufgeteilt zu haben. So gibt es japanische Seiten, die fast komplette Filmkataloge diverser Pornostudios anbieten, in voller mehrstündiger Länge. Wenn man den Zahlenangaben dieser Seiten glauben kann, diese Einschränkung muss angesichts der Manipulationsmöglichkeiten einer Mafiabranche immer sein, werden sie nicht wie die Thylmanschen Seiten millionenfach, sondern allenfalls hundertfach frequentiert. Denn ihre digitalen Abomodelle sind viel kundennäher konstruiert, immer verfügbar, und die Spuren am eigenen PC zuhause lassen sich schnell wieder löschen. Der „Vorgang“ dauert, grob geschätzt, 15 Minuten. Da kann man Anthologien von 3-4 Stunden gefahrlos ins Netz stellen, ohne dass einem ein Millionenpublikum das ganze Geschäft wegguckt.
Das ganze Geschäft sind, da unterscheiden sich Asiaten und Westler nicht, die gesammelten Daten. Die meisten Filme lassen sich ohne Cookie-Freigabe nicht anschauen. Damit ist der Spion im Rechner und kann nach Herzenslust Gold schürfen. Wer sich das Zeug auf einem öffentlichen Marktplatz anschauen würde, hätte auch nicht mehr Publikum. Schnell würde sich eine Menschentraube bilden, mit zahlreichen Minderjährigen. Nun, das ist digital heute ganz genauso.
Die Japaner arbeiten noch mehr, als Europäer und Amis sich trauen, mit automatischen Weiterleitungen an ihre Anzeigenkunden – der asiatische Pornokonsument scheint das zu tolerieren, bzw. wird so auf benutzerfreundlichere Aboseiten gelockt. So dürfen sie alle beim Datengoldschürfen mitmachen. Und verdienen ihre Milliarden (und nicht nur „40 Mio. monatlich“) ganz genau so wie Facebook: sie verkaufen das Gold weiter an all die, die bereit sind, dafür gut zu bezahlen. Im nu ist alles sauber gewaschen im normalen kapitalistischen Geldkreislauf.

Wie alle illegalisierten Märkte wäre es erforderlich das Pornogeschäft ins legale Licht zu ziehen, um die Extraprofite dieses Fleischmarktes zu bekämpfen. Bisher weiss die geheime Lobby der Profiteure das wirkungsvoll zu bekämpfen. Arbeitsrecht, Gesundheitsschutz, Tarif- und Gewerkschaftsrecht – das sind gegenwärtig alles kostentreibende Fremdwörter und regelrechte Gefahren für die Branche, wie sie heute ist. Datenschutz könnte das Geschäft, wie es heute läuft, mehr ruinieren als bigotte Pseudostrafverfolgung. Konsumentenrechte, Produktqualität, Kompetenzvermittlung zuhause und im Schulunterricht – damit könnte man die bigotten Puritanermassen, an denen die Mafiosi so viel Freude haben, so auf die Bäume treiben, dass die unter der Last zusammenbrächen – ein schönes Bild, aber ich weiss, nur eine Fantasie.

Es wird also weitergehen wie bisher. Ganz wie bei den Großschlachtereien verdingen sich auch auf diesem Fleischmarkt Billiglohnkäfte, die auf besseren Arbeitsmärkten keine Chance bekommen. 1-2% von ihnen, wie Ovidie, Princess Donna, Sasha Grey oder Maria Ozawa versuchen mit mal mehr mal weniger Aussicht auf Erfolg, das als Übergangsphase ihrer Berufsbiographie und Sprungbrett in lukrativere „sauberere“ Entertainmentbranchen (oder wenigstens besser bezahlte Rollen als Autorin, Regisseurin, Produzentin), zu nutzen. Nach 3-4 Berufsjahren, das wissen nur die Klügeren unter ihnen, werden sie im Sinne des Wortes von der Branche wieder ausgeschissen. Der Kapitalismus liefert beständig ausreichend neues Frischfleisch.
Der Staat müsste eingreifen in diese sklavereiähnlichen Produktionsbedingungen. Doch er ist wohl schon zu schwach dafür. Den Neoliberalismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Update 11.9.: Die Sp-on-Besprechung einer neuen Serie des US-amerikanischen Pay-TV-Senders HBO beschäftigt sich mit dem gleichen Thema, anhand eines weiter zurückliegenden Zeitraums. Der Spiegel hat schon immer gerne den Grenzbereich zur Pornografie bespielt, wenig publizistisch, aber gerne unternehmerisch. Dass HBO nun eine solche Produktion ermöglicht, ist Ausdruck der Mainstreamingstrategie der Branche. Wenn sie gelingt, wird dies zu einem weiteren Strukturwandel führen: raus aus dem Dunkel mit den Extraprofiten in den Illegalitätsräumen, rein ins breiter aufgestellte, populäre Massengeschäft des „normalen“ Kapitalismus. Damit greifen die Produktivkräfte auf den schon stattfindenden Kulturwandel zurück: Ökonomisierung des Sexes und der Liebe, Selbstoptimierung der Individuen, Expert*innen*tum schon bei 8-10-jährigen. Wer sich dagegen wehren will, muss zuerst das Schweigen beenden. Zuhören und Reden, zuhause und in der Schule – es kann kaum übertrieben werden.

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