Amin

Von , am Donnerstag, 14. September 2017

von Doro Paß-Weingartz

Herbst 2015 – Hunderttausende Flüchtlinge sind auf dem Weg nach Europa. Viele wollen nach Deutschland. Täglich liefern die Medien Bilder von flüchtenden Menschen – und dann die Frage: Kann das klappen? Über Angela Merkels Antwort »Wir schaffen das!« bin ich froh. Ein so reiches Land wie Deutschland kann die Tische größer machen und kann Menschen aufnehmen. Die HelferInnen bei den Registrierungsstellen zeigen mit ihren Spenden, mit ihrer Unterstützung das freundliche Deutschland, das Land, das Menschen in Not willkommen heißt.
Doch was machen wir persönlich, was könnten wir tun, um einen kleinen Beitrag in dieser Situation zu leisten? Als ehemalige Politikerin sind mir die Sorgen der Kommune im Hinblick auf die Unterbringung der vielen neuen Menschen vertraut. Ganz besonders liegen mir die unbegleiteten jungen Flüchtlinge am Herzen. Wie können sie es schaffen, nach einer fast unmenschlichen Fluchtleistung hier inmitten einer fremden Umgebung so etwas wie Heimat zu finden?

Die Gedanken

Mein Mann und ich diskutieren. Bisher haben wir unser ehemaliges Kinderzimmer im Souterrain auf einer Vermietungsplattform angeboten. Gibt es jetzt nicht andere Prioritäten? Könnten wir nicht stattdessen einen jungen Menschen aufnehmen und ihm unsere Unterstützung anbieten? Andererseits – nach drei Kindern – und in vergleichsweise hohem Lebensalter: Schaffen wir das noch? Es gibt Berichte zuhauf über traumatisierte Jugendliche, die auch für ihre Helfer und Helferinnen zur Belastung werden.
Wir sprechen mit unseren Kindern. Die sind sofort begeistert und ermutigen uns, den Versuch zu wagen.
Wir entscheiden uns, diesen Schritt zu gehen und die Herausforderung anzunehmen, von der wir noch nicht wissen, wie sie aussieht….

Es dauert…

Wir informieren das Jugendamt, dass wir gerne einen jungen unbegleiteten Flüchtling bei uns zu Hause aufnehmen wollen. Doch es vergehen Monate. Während in anderen Städten mit Anzeigen und Internetauftritten Gasteltern für unbegleitete Flüchtlinge gesucht werden, scheint in Bonn Funkstille zu herrschen. Dabei steigen die Zahlen der unbegleiteten Flüchtlinge kontinuierlich an. Immer wieder berichten Medien – auch die Lokalzeitung –, wie überlastet die Jugendämter mit der hohen Zahl der unbegleiteten Flüchtlinge sind. Dann, gegen Ende des Jahres erhalten wir die Einladung zu einem ersten zweitägigen Seminar für zukünftige Gasteltern.

Die neuen Gasteltern

Ich gebe zu, ich bin ungeduldig. Ein zweitägiges Seminar, nachdem wir uns schon Monate vorher gemeldet haben. Wir sind ja schließlich keine Anfänger, was Kinder und Jugendliche angeht. Im Nachhinein entwickelt sich dieses Wochenende dann allerdings doch als sehr hilfreich, unterstützend und auch lehrreich. Hilfreich und unterstützend, weil sich herausstellt, dass der Kreis der potentiellen Gasteltern eine Runde interessanter Menschen ist, die sich alle – auch mit Ängsten – zu dem Schritt entschlossen haben, einen jungen Flüchtling aufzunehmen. Unterstützend, weil die anwesenden Mitarbeiterinnen des Jugendamtes mit ihren Erfahrungen und Kenntnissen aus der Arbeit mit unbegleiteten jungen Menschen berichten und uns unsere in Teilen irrationalen Ängste nehmen können. Zu guter Letzt ist auch für mich das intensive Eintauchen in die Flüchtlingsthematik und hier insbesondere in die Problemlagen der unbegleiteten minderjährigen Ausländer neu.

Unbegleitete minderjährige Ausländer (UmA)

Wer ist ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge?
Jeder Mensch, der das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, soweit die Volljährigkeit nach dem auf das Kind anzuwendenden Recht nicht früher eintritt, gilt als minderjährig und bedarf eines gesetzlichen Vertreters. In Deutschland übernehmen im Normalfall die erziehungs- und sorgeberechtigten Eltern diese Aufgabe.
Da UmA jedoch als Drittstaatenangehörige oder Staatenlose unter 18 Jahre gelten, die ohne Begleitung eines gesetzlichen oder eines verantwortlichen Erwachsenen in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates (EU) einreisen, muss für sie ein Sorgeberechtigter festgestellt werden.
Die Eltern von UmAs halten sich häufig noch im Herkunftsstaat unter schwierigen und desolaten Lebensbedingungen auf oder befinden sich selbst auf der Flucht oder sind verstorben. Aus diesen Gründen stellt das Familiengericht fest, dass die Eltern unerreichbar sind und auf lange Sicht nicht die elterliche Sorge ausüben können. Sie ordnen das Ruhen der elterlichen Sorge an. Der Minderjährige erhält einen Vormund. Dabei empfiehlt das Jugendamt erfahrungsgemäß nahe Verwandte, die es für geeignet hält, oder JugendamtsmitarbeiterInnen selbst.
Seit dem 1. November 2015 werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gleichmäßig auf Bundesländer und Kommunen verteilt. Anfang 2016 lebten rund 68.000 junge Geflüchtete in Deutschland (Stand April 2016, Quelle: Niedersächsisches Landesjugendamt), die ohne Eltern und Sorgeberechtigte eingereist sind. 12.748 waren im Februar 2016 in NRW untergebracht (Quelle: Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport). Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen, die die Jugendämter in NRW unterbringen, sind männlich (92%). Über 42% stammen aus Afghanistan, 28% aus Syrien und 11% aus dem Irak.
Die Schließung der Balkanroute hatte auch Auswirkungen in NRW. Während im November 2015 noch 2400 junge Menschen untergebracht werden mussten, waren es im März 2016 nur noch rund 600.

Anfang März 2016

Nach zwei Gesprächen mit dem Jugendamt lernen mein Mann und ich zum ersten Mal den Jugendlichen kennen, den das Jugendamt für uns als Gastsohn ausgesucht hatte. Dem Jugendamt gegenüber hatten wir als Wunsch formuliert, dass wir gerne einen vergleichsweise jungen Mann aufnehmen wollten, mit dem wir möglichst noch lange Zeit zusammen leben können. Das passte zu Amin, der zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt ist. Der junge Mann, der da an einem großen Tisch mit vielen Erwachsenen sitzt, wirkt auf mich ein wenig verunsichert. Er spricht erstaunlich gut Deutsch und äußert sehr klar seinen Wunsch, in einer Familie leben und aus seiner Jugendunterkunft wegziehen zu wollen. Immer wieder schaue ich ihn mir genau an – auch weil ich befürchtete, meine Sympathie, die ich sofort empfinde, könnte mich täuschen.
In diesem sogenannten Hilfeplangespräch werden – geleitet und moderiert durch das Jugendamt – die nächsten Ziele für Amin auf dem Weg der weiteren Integration in Deutschland formuliert. Beispielsweise morgens pünktlich aufstehen, damit kein Schulbesuch versäumt wird. Oder etwa das Rauchen aufgeben. Auch wir haben als zukünftige Gasteltern unsere Wünsche formuliert: Wir wollen uns gegenseitig mit Respekt behandeln und wir möchten auch seine Freunde kennenlernen. Und natürlich: Wir sprechen in unserem Haus deutsch.
Am Ende des Gesprächs ist klar: Wir und Amin wollen es zusammen versuchen.

31.3.2016

Der Einzug Amins in unser Haus gestaltet sich völlig unproblematisch. Mein Mann holt Amin aus der Jugendwohngruppe ab. Mit seinen wenigen Kleidungsstücken hat er sich schnell eingerichtet und schlägt vor, zusammen noch am selben Tag gemeinsam ein Theaterstück anzuschauen.
Es ist ein guter Einstand. In den Osterferien hat das Theater der Stadt Bonn ein Flüchtlingsprojekt organisiert und viele junge Flüchtlinge stehen zum ersten Mal auf der Bühne.

Das erste Frühstück

»Hast du Toast?«, ist die erste Frage beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen. Amin sitzt mit uns am Tisch und wir drei sind alle zusammen unsicher. Daran anschließend der erste gemeinsame Einkauf, um herauszufinden, was er gerne mag. Auch für mich ist das interessant. Wir haben Nüsse, arabisches Brot und vieles andere eingekauft, was es nur beim türkischen Händler um die Ecke gibt, was Amin aber offensichtlich an das heimische Essen im Iran erinnert.
Der Einkauf hat Spaß gemacht, die Gespräche sind sehr interessant – von meiner und von seiner Seite. Mal sehen, wie es weitergeht.

Die ersten gemeinsamen Termine

Mein erster Termin mit Amin führt mich zum Ausländeramt. War ich früher schon zu anderen Gelegenheiten dort gewesen, so erstaunt mich die hohe Zahl von Flüchtlingen, die an diesem Morgen dort sind. Die Mitarbeiter im Amt finde ich trotz hoher Arbeitsbelastung sehr freundlich und geduldig. Amins Duldung wird um ein halbes Jahr verlängert. Wir werden freundlich darauf hingewiesen, doch bald einen Antrag auf Asyl zu stellen.
Danach gilt es dann, Amins Zahnstatus zu klären. Bei vielen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, müssen erst die Zähne untersucht werden. Die lange Zeit der Flucht und das ungesunde, teils sehr süße Essen haben Folgen an den Zähnen hinterlassen.

Der neue »Sohn« lernt die Familie kennen

Wir sind eine große Familie, das ist oft für Neue – in diesem Fall unseren Gastsohn – durchaus eine Schwierigkeit. Ich bin gespannt auf das erste Zusammentreffen zwischen Amin und unseren Kindern. Aber es ist von beiden Seiten sehr freundlich, wenn sich auch Amin beim ersten Mal sehr schnell wieder in sein Zimmer verzieht. Bei der nächsten Gelegenheit – dem Hoffest meines Sohnes -, zu dem neben meiner Familie auch noch einige Freunde eingeladen waren, ist er schon deutlich lockerer. Vor allem begeistert ihn ein Freund meines Sohnes, der mit dem Fahrrad den Iran – die Heimat Amins – durchquert hat.
Jetzt – nach über einem halben Jahr Aufenthalt bei meinem Mann und mir – ist Amin schon sehr vertraut mit meiner Familie. Wir haben wunderbare Abende erlebt, zu denen unser neuer Sohn seine ehemalige Lehrerin und seinen Gitarrenlehrer eingeladen hatte. Und wir haben zum ersten Mal zusammen gekocht – deutsch/iranisch. Amin hat den Reis auf persische Art zubereitet – eine sehr aufwändige Kochaktion, die über sieben Stunden dauert, weil der Reis nicht gekocht, dafür aber gedämpft wird.

Unterstützende Netzwerke

Amin ist unser Gastsohn, die Vormundschaft hat das Jugendamt. Von dessen Seite wurden ihm noch einige Sozialarbeiterstunden pro Monat zugewiesen. Das heißt konkret, es gibt einen Mitarbeiter, der sich mit ihm trifft, der ihn in Alltagsdingen unterstützt und der auch meinen Mann und mich entlastet.
Wichtige Angelegenheiten, wie zum Beispiel die Einrichtung eines Kontos, übernimmt der Vormund. Jede/r Mitarbeiter/in im Fachdienst für unbegleitete Flüchtlinge hat ca. 50 Jugendliche, für die die Vormundschaft übernommen worden ist. Das Ziel sei, jeden Jugendlichen mindestens einmal im Monat zu sehen, erklärte mir die Mitarbeiterin. Allerdings sei das aus Kapazitätsgründen oftmals überhaupt nicht zu schaffen.
So haben wir versucht, ein enges Netzwerk zu knüpfen, mit dem wir alle Fragen, die Amin betreffen, besprechen können. Zu diesem hilfreichen Netzwerk gehört das Gastelterntreffen. Der regelmäßige Austausch, auch der Bericht über Schwierigkeiten, sind extrem wichtig. So war in diesem Jahr die Zeit des Ramadan das Hauptthema beim Treffen. Es ging um gläubige Jugendliche, die ohne Essen und Trinken tagsüber z.B. Sport machen mussten und dabei umkippten, dafür aber nachts, wenn die ganze Familie im Bett lag, die Küche unsicher machten.

Strukturen

Wenn man sich ein bisschen in der Flüchtlingsarbeit auskennt, dann weiß man, dass das Hauptproblem für viele Flüchtlinge die mangelnden Tagesstrukturen sind. Sie warten oft monatelang auf die Bearbeitung ihres Asylantrages, können nicht arbeiten und sitzen den ganzen Tag herum. Sie würden gerne arbeiten, aber sie dürfen es nicht.
Bei jungen unbegleiteten Flüchtlingen fehlen oft die Schulplätze. Die Städte haben vielfach aufgrund der hohen Zahl junger Flüchtlinge, die ein Recht auf Beschulung haben, zu wenig Plätze in den öffentlichen Schulen anzubieten. Oft springen freie Träger ein, die den jungen Menschen zumindest Sprachkurse anbieten, bis sich endlich die Aussicht auf einen Schulplatz eröffnet.
Wir haben bei unserem Gastsohn großes Glück. Seine Sprach- und Mathebegabung ist sehr schnell erkannt worden. Mit der Unterstützung einer engagierten Lehrerin hat er ein einmonatiges Praktikum auf einem Gymnasium absolvieren dürfen, was ihm viel Arbeit abverlangt, aber schlussendlich den Weg in die Oberstufe dieser Schule eröffnet. In der Kommunikation mit der Schule haben wir immer wieder feststellen müssen, wie wichtig es gerade bei jungen Flüchtlingen ist, dass sich LehrerInnen für sie einsetzen, sich engagieren und auch die alltägliche Leistung honorieren, die dieser Mensch neben dem Spracherwerb erbringen muss.
Ob die Institution Gymnasium dann am Ende die Schulform ist, die in der Lage ist, zieldifferent zu arbeiten, wird sich zeigen.
Wir wissen von anderen Gasteltern, dass sie durchaus mit der fehlenden Schule oder mit der mangelnden Schulbegeisterung bei ihren Schützlingen Probleme haben. Insofern wissen wir die Leistungsbereitschaft unseres Schützlings sehr zu schätzen und betrachten sie als Geschenk.

Konflikte

Ja, es wäre naiv zu glauben, es hätte keine Konflikte gegeben. Uns hat auch hin und wieder – um ehrlich zu sein – an der einen oder anderen Version, die Amin über sein Leben erzählt, Misstrauen beschlichen. Aber wie ein Gastvater es bei einem Treffen der Gasteltern treffend formuliert hat: Wir sind angetreten, diese jungen Menschen zu unterstützen. Da sollte es uns nicht vordergründig interessieren, mit welchen Geschichten sie kommen.
Aber wir sind von Seiten unseres Gastsohns nie respektlos behandelt worden. In der Erinnerung an meine leiblichen Kinder, die in der Pubertät manchmal auch schwierig waren, kommen wir sehr gut miteinander aus. Und wie in einer guten Familie sind Streitigkeiten eine innere Angelegenheit, die nicht auf den Markt getragen werden muss.

Die Religion

Je länger unser Schützling bei uns lebt, umso mehr interessiert mich das Land und das kulturelle Umfeld, aus dem er kommt. Ich lese zur Zeit mit großem Interesse, aber auch in hohem Maße mit Entsetzen das Buch von Ramita Navai »Stadt der Lügen: Liebe, Sex und Tod in Teheran«. Was ich darin erfahre, erklärt mir so manche Schwierigkeit, die wir als Gasteltern zusammen mit Amin in der Anfangsphase unseres Zusammenlebens hatten.
Ein großes Problem ist für Amin unser Essen: es schmeckt ihm selten. Er macht es nie besonders deutlich, aber ich habe gesehen, wie schnell das für ihn reservierte Essen in der Biotonne verschwindet. Nach dem Buch der aus dem Iran stammenden Autorin ist nach der erfolgten Islamisierung des Iran die Hauptrolle der Frauen der Aufenthalt in der Küche. Dort können sie dann tagelang die tollsten Gerichte für die Männer und die männlichen Kinder zusammenstellen. Die Küche ist der Ort der Kommunikation der Frauen, alles andere ist nicht mehr ihr Ding!
Wenn mein Mann und ich kochen, so ist unser Hauptanliegen Frische, Gesundheit und, wenn es geht, Bio. Aber wir kochen keinen Reis sieben Stunden lang. Amin hat mit mir zusammen diese Art der Reiszubereitung bei einem gemeinsamen Essen für Freunde praktiziert. Mittlerweile schmeckt ihm – zumindest äußert er sich so – auch mein Reis, der nur 10 Minuten köchelt.
Aber nicht nur die Küche ist für unseren Schützling eine Herausforderung. Das gilt auch für unsere Haltung zur Religion oder sagen wir besser zur Religiosität. Unsere Haltung zur Religion ist recht distanziert. In dem Buch, das ich zur Zeit über die Haltung einer großen Mehrheit der iranischen Gesellschaft lese, bedeutet Religion – also der schiitische Islam – eine tägliche Aufgabe, die es zu erfüllen gilt. Je mehr man sich engagiert, umso angesehener ist man. Und nun ist Amin in Deutschland, in einem Land, in dem die Kirchenaustritte zunehmen und die Kirche für viele Menschen ein Glaubwürdigkeitsproblem hat.
Es gibt häufig Diskussionen zwischen uns, und wir reden oft über Religion. Amins Vater war Imam, insofern hat dieses Thema in seiner Familie eine große Rolle gespielt. Hier in Deutschland gibt es diese Umgebung für Amin nicht. In die Moschee ist er nicht ein einziges Mal gegangen, und ich habe ihn auch noch nie beten gesehen.
Anders verhalten sich Schützlinge in anderen Gastfamilien. Der Ramadan ist da für einige der Familien die Zusammenlebenskrise schlechthin.

Gastfamilien und der Markt der Träger

Wir haben in einer Stadt mit 300.000 Einwohnern und ungefähr 300 unbegleiteten Flüchtlingen mittlerweile sieben Gasteltern. Fünf bis sechs weitere Familien haben gerade das zweitägige Vorbereitungsseminar durchlaufen. Wenn man bedenkt, dass die Institutionen, die junge UmAs aufnehmen, 140 – 335 Euro pro Tag an Bezahlung vom Jugendamt verlangen, so sind Gasteltern ein vergleichsweise kostengünstiges Angebot für die Kommune. 930 Euro, entsprechend dem Satz für Pflegeeltern, bekommt jede Gastfamilie, die einen jungen Menschen aufnimmt.
Die Gasteltern finanzieren von diesem Geld alles, was der junge Mensch zum Leben braucht: Taschengeld, Kleidung, Computer, Schulsachen, Ferien …

Die Reaktionen

Ich habe es schon erwähnt, dass unsere Kinder unseren Schritt, einen jungen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen, vorbehaltlos unterstützt haben. Mittlerweile gibt es eine lebendige Kommunikation und es ist selbstverständlich, dass Amin zur Familie gehört.
Die Reaktionen von Verwandten waren und sind teilweise schon etwas anders. Das Spektrum reicht von vollkommenem Unverständnis bis Desinteresse. So, als wäre das eine Entscheidung aus einer anderen Welt.
Im lockeren Freundeskreis gibt es oft ein vielsagendes Schweigen, in Einzelfällen aber durchaus rassistische und herabwürdigende Äußerungen. Auch unsere Nachbarn haben die Veränderung durchaus misstrauisch beäugt – allerdings sind die vermuteten Ängste mittlerweile wieder in normale Bahnen gelenkt worden.
Aber es gibt auch schöne Reaktionen: z.B. das Geschenk eines Freundes meiner Tochter, der seine ganze Garderobe danach durchsucht hat, was er weitergeben könne. Amin trägt alles immer noch mit Stolz. Das hat mich sehr gerührt.

Bürokratische Hürden oder »Wir schaffen das!«

Mehr als acht Monate wohnt Amin nun bei uns. Wie alle anderen Gasteltern haben wir auf Anraten des Jugendamtes den Antrag auf Kindergeld gestellt. Unser Gastsohn ist schließlich beim Einzug 16 Jahre gewesen und die Beziehung und das Wohnen bei uns ist auf längere Zeit angelegt. Das Jugendamt Bonn hat das Kindergeld von unserem Pflegegeld abgezogen mit dem Hinweis, dass es Aufgabe des Landes sei, das Kindergeld zu zahlen. Nach einigen Wochen dann das Ergebnis der Landeskindergeldstelle: das Kindergeld könne nicht gezahlt werden, weil in diesem vergleichsweise »hohen« Alter unser Sohn keine emotionale Beziehung mehr zu uns aufbauen könne. Uns kam diese Begründung wie ein Witz vor oder wie ein durchsichtiger Versuch, Kosten abzuwälzen. Seit wann wird die Zahlung von Kindergeld an die Existenz einer emotionalen Beziehung zwischen Eltern und Kindern geknüpft? Und wer beurteilt, dass wir zu unserem Gastsohn so etwas nicht haben??? Wir wenden uns an die Landesregierung und erhalten von Frau Kraft, der Ministerpräsidentin des Landes NRW, eine sympathische Antwort, in der sie unser Engagement würdigt, aber auch darauf hinweist, dass für die Zahlung des Kindergeldes das Bundesamt für Steuern zuständig sei und sie würde unser Anliegen wohlwollend weiterleiten. Bis wir uns in dem Zuständigkeitswirrwarr zurechtgefunden und dann »zuständigerweise« an Herrn Schäuble unser Anliegen weitergeleitet haben, vergehen wieder Wochen. Ende November gibt es schließlich von dort die Mitteilung, wir hätten einen Anspruch auf Kindergeld.

Ausblick

Den ersten Advent haben wir, wie inzwischen die meisten Sonntage, miteinander verbracht. Gemütlich frühstücken und dann die Frage an Amin, welche Pläne er an diesem Sonntag hat. Seine Antwort: Lernen, mit meinem Mann Geschichte und mit mir Englisch. Ein strammes Programm, was ihm das Leben in Deutschland abverlangt.
Fast neun Monate lebt Amin nun bei uns. Wenn er mich heute anschaut, dann erlebe ich viel Offenheit, viel Vertrauen. Vielleicht haben wir das zusammen geschafft, was Bodo Kirchhoff, Träger des Deutschen Buchpreises 2016, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 20.10.2016 formulierte: »Wenn ich in mein Leben einen Anderen oder die Liebe hineinlasse, dann ändert sich alles. Dieses Öffnen der eigenen Tür, das Hereinlassen des Anderen im Privaten, ist im Kleinen genau dasselbe wie das Hereinlassen des Fremden im Großen. Es bedeutet, dass ich nicht bleiben kann, wie ich bin…«
Ich finde, es ist sehr treffend formuliert. Es sind nicht nur die Veränderungen, die Amin an sich feststellt, sondern es sind vor allem die Veränderungen, die mir an mir selbst auffallen. Plötzlich lese ich ein Buch einer iranischen Journalistin, das mich vor Jahren nicht interessiert hätte. Ja, der Horizont weitet sich und auch die Toleranz, unterschiedliche Ansätze im Leben wahrzunehmen und auch zu akzeptieren.
Es ist schön, dass Amin bei uns ist – ein Gefühl, von dem ich hoffe, dass es mehr ist, als nur eine Momentaufnahme.

Nachtrag
(3. März 2017)

Heute muss ich sagen: es war schön, dass Amin bei uns war und uns fast ein Jahr mit seiner Anwesenheit, mit seinem Anders sein bereichert hat. Vor zwei Wochen ist er auf eigenen Wunsch – für uns sehr plötzlich – ausgezogen. Wir sind uns nicht sicher, wo die eigentlichen Gründe für diese Entscheidung liegen.
Um nicht so sehr ins Detail zu gehen: es war vieles seltsam in den letzten zwei Wochen unseres Zusammenlebens. Wir konnten uns einiges nicht erklären. Aber wie im ganzen letzten Jahr haben wir zusammen beschlossen, diese neue Phase auch gemeinsam durchzustehen. Es wechselten Momente der gewollten Distanz, d.h. Amin kam praktisch nachts nicht mehr nach Hause, sprich zu uns. Aber es gab auch Situationen, die mich sehr berührt haben. Umarmungen, spontan und für mich manchmal verstörend … Die letzte Zeit war ein Wechselspiel der Emotionen. Man oder frau kann schlussfolgern: er wollte ausziehen, weil er selbstständig sein wollte, es kann aber auch sein, dass er sich nicht wieder so stark emotional binden wollte.
Aber letzten Endes ist das auch nicht so wichtig. Wir haben uns zusammen bemüht und konnten ihn hoffentlich in seiner weiteren Integration in dieses Land unterstützen. Es war für ihn und auch für uns eine neue Erfahrung, die mein Mann und ich nicht missen wollten.

Die Autorin ist (zusammen mit Ellen Klandt) Herausgeberin des Buches „Wir machen das“, aus dem dieser Text mit ihrer freundlichen Genehmigung und Einverständnis des Kid Verlages entnommen ist. Am Sonntag, 15. Oktober findet im Rahmen der 2. Bonner Buchmesse in der Beueler Brotfabrik eine öffentliche Lesung u.a. aus diesem Buch statt.

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