Riesling – bedroht von der Finanzbranche

Von , am Freitag, 22. September 2017

1999 besuchte ich zusammen mit der damaligen Pressesprecherin des NRW-Umweltministerium das Slowfood-Festival in Lübeck. Neben dem Besuch des Marzipan-Herstellers Niederegger, ich bin marzipanabhängig, bleibt eine Veranstaltung mir im Sinne des Wortes am „nachhaltigsten“ in Geschmackserinnerung: eine Vergleichsverkostung von Rieslingen „aus vier Jahrzehnten“. Die Probeflaschen kamen nicht aus professionellen Lagern und Vertrieben, sondern waren aus privaten Kellern gestiftet worden. Ich hatte es als interessierter Laie bis dahin nicht für möglich gehalten, dass Weissweine so lange in der Flasche geniessbar „überleben“ können. Was wir dort präsentiert bekamen, übertraf nicht nur alle Erwartungen. Danach schmeckte man nichts Anderes mehr, jeder Käse versagte. Der Gaumen war den Rest des Tages belegt.

Mich lehrte dieses Erlebnis, was für ein wichtiges Kulturgut der Riesling ist. Und wie dankbar wir den nachgewachsenen Winzer*inne*n seiner diversen Anbauregionen sein müssen, die sich um seine Qualitätssteigerung, seine landschaftsgerechte und ökologische Weiterentwicklung verdient machen. Stark vereinfachend formuliert: der fortlaufende Generationenwechsel im deutschen Weinbau hat, zumindest in meiner jetzt 60-jährigen Lebenszeit, dem Riesling speziell und dem deutschen Weinbau insgesamt, sehr, sehr gut getan.

Umso mehr erfasste mich Schrecken und Entsetzen, als die FAZ heute online ihr Finanzressort (!!!) mit einer Reportage über eine Rieslingversteigerung aufmachte. Der Text war offensichtlich in ihrer letzten Sonntagsausgabe FAS schon gedruckt erschienen. Wenn die Finanzspekulant*inn*en eine Weinregion oder in diesem Fall eine Rebsorte „entdecken“, das wissen Menschen die heute eine Wohnung in einem Ballungsraum suchen, ist unsere Enteignung nicht mehr weit. Eine Ware, die zum Spekulationsobjekt wird, wird dem Massenkonsum, zu dem ich mich selbst zählen würde, enteignet. Durch in Kürze eintretende Unbezahlbarkeit.

Am gleichen Tag fand ich im Postkasten die neue Ausgabe des Slowfood-Magazins (aktuelle Ausgabe noch nicht online). Schwerpunktthema: Wein (sic!): „Junge Hipster entdecken Neues, im Weinkeller wird experimentiert, und zwischen brillantem Aromenspiel und alten Socken ist alles drin.“ So die Einleitung der Redaktion. „Slower Wein nicht ohne bio“, heisst es. „Warum polarisiert … gerade ein Getränk, das entbehrlich für das Überleben ist, und vorrangig dem Genuss dienst?“ Als „Foodhero“ wird die Winzerin Christine Bernhard aus der Pfalz vorgestellt. Weitere 11 Winzerbetriebe verschiedener Regionen begründen in Testimonials ihre Umstellung auf Biowein.

Politisch noch bemerkenswerter als dieses Schwerpunktthema ist die Tatsache, dass der nächste „7. Internationale Kongress“ von Slowfood zur Monatswende Sept./Okt. in China, in Bonns Partnerstadt Chengdu, stattfindet, das „mit nur 7% der verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche ein Fünftel der Menschheit ernähren“ müsse. Es habe dazu „in der Vergangenheit auf starke Industrialisierung und die großflächige Verwendung von chemischen Substanzen wie Pestitiden und synthetischen Düngemitteln gesetzt. … mit gravierenden Auswirkungen auf die Umwelt …, und zwar überall auf der Welt.“ Unter diesen Umständen mit dem wichtigsten politischen Ereignis der Bewegung dort hin zu gehen, zeugt von strategischem Weitblick und Ehrgeiz.
Es gibt viel zu retten, nicht nur den Riesling.

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