Der digitale Kapitalismus deutscher Zeitungsverlage

Von , am Dienstag, 10. Oktober 2017

Didier Eribon wurde hierzulande mit 7 Jahren Verspätung berühmt. So lange brauchte es für die Übersetzung seines Buches „Rückkehr nach Reims„. Darin beschrieb er die Verwandlung seiner einst kommunistisch orientierten Verwandtschaft zu Wähler*inne*n der rechtsradikalen FN. Was hierzulande gerne totalismustheoretisch gelesen wird (linksradikal=rechtsradikal), sieht Eribon ganz anders: Ursache sei der Verrat einst angeblich „linker“ Parteien an den Interessen ihrer Wähler*innen. Dennoch hat er ganz vernünftig im 2. Wahlgang den Präsidenten Macron gewählt. Den sieht er heute als Gefahr für Freiheit, Kultur und Zivilisation: seine Verachtung die die arbeitenden Menschen, seine neoliberale Anti-Sozialpolitik, seine Steuerumverteilung zugunsten der sich Bereichernden zu Lasten derer, die nicht mehr viel haben an Respekt und Selbstachtung.
Darum hat Eribon auf seine goldene Ehreneintrittskarte zur Frankfurter Buchmesse gerne verzichtet und es mit einem flammenden Text im SZ-Feuilleton begründet.

Ich hoffe, die SZ hat dem Mann wenigstens ein faires Honorar bezahlt. Denn das Interesse des Verlages geht wohl dahin, eine grössere Verbreitung des Textes zu vermeiden. Er ist nämlich online nur hinter ihrer Paywall zu lesen.
Das ist exakt die „Digitalstrategie“ der deutschen Verleger*innen. Zu überlegen, wie der zu verkaufende Stoff aufgewertet werden kann, ist zu anstrengend, waghalsig und teuer. Sie kaufen lieber alles auf, was Verkaufbares auf dem Markt ist. Und versuchen das dann knapp zu halten, die alte Neoklassik der VWL-Student*innen, wie sie auch die Ölhändler Putin und Saud oder Drogenhändler*innen gelernt haben und praktizieren.

Diesen Protagonisten auch in anderer Hinsicht ähnlich, versuchen die Verleger*innen immer wieder aufs Neue, uns auch von unserem öffentlichen Eigentum zu enteignen. Diese öffentlich-rechtlichen Medien (ARD und ihre Mitgliedssender, ZDF, Deutschlandfunk) werden von uns allen, der Öffentlichkeit, bezahlt, um uns mit Information, Bildung und Unterhaltung frei und unzensiert zu versorgen. Ein Auftrag des Grundgesetzes, eine Lehre aus den Verbrechen des deutschen Faschismus und den Schrecken des 2. Weltkrieges, den Deutschen durchaus aufgenötigt, federführend seinerzeit von der britischen Besatzungsmacht.
Handverlesen von den Besatzungsmächten waren auch die Deutschen, die eine Lizenz zum Zeitungsdrucken erhielten, und damit, wie sich später herausstellen sollte, allesamt Multimillionäre oder gar Milliardäre wurden. Damit sie das auch weiter bleiben, wollen sie nun unser öffentliches Eigentum daran hindern, seine Arbeit auf dem aktuellen Stand technischer und kultureller Entwicklung zu erledigen.

Es ist eine Fachdebatte, die nur ein halbes Dutzend Verlage, die genannten öffentlich-rechtlichen Sender und vielleicht zwei Dutzend Medienjournalist*inn*en interessiert. Und die füttern die Staatskanzleien der 16 Bundesländer. Denn die, die Bundesländer, sind zuständig für Medien- und Rundfunkspolitik, die sie über sog. Staatsverträge vereinbaren und regeln. Die Inhalte solcher Staatsverträge werden von den Ministerpräsidenten bei ihren regelmässigen Konferenzen, und am liebsten an deren Rande bei Kamingesprächen, Rauchwaren und Cognac besprochen. Die Landtage dürfen dazu danach nur noch Ja oder Nein sagen. Vorbereitet wird das Ganze von den Leitern der Staatskanzleien bzw. deren Rundfunkreferent*inn*en. Eine übersichtliche Zahl von Personen, noch geringer die Zahl derer, die unter ihnen meinungsführend sind (eine*r CDU, eine*r SPD), für jede*n professionelle*n Lobbyist*in eine gut lösbare Aufgabe.

Jetzt fragen Sie sich: wo bleiben wir dabei, die Eigentümer*innen? Ja, suchen Sie mal schön …..

Update 11.10.: Stefan Niggemeier kommentiert das gleiche Thema heute auf uebermedien.de, nur verschwindet sein Text nach einigen Zeilen auch hinter einer Paywwall. Nach dem für mich sichtbaren Eindruck sieht er es ähnlich.

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