Hans Schäfer 90

Von , am Donnerstag, 19. Oktober 2017

Die Saison 1964/65 war die erste, in der ich mich für Fussball interessierte. Meine Grosseltern in Essen-Karnap hatten schon einen Fernseher, gabs damals nur in schwarz-weiss. Samstags und Sonntags war da Fussball drin, die Sportschau. Die weiss gekleideten Mannschaften sahen am besten aus, sie spielten auch am besten: Borussia Mönchengladbach in der Regionalliga West, in der seinerzeit auch Rot-Weiss Essen spielte, der Lieblingsverein meines Opas, in dem nach dem Krieg auch ein Verwandter meiner Grosseltern mit August Gottschalk, einem späteren kongenialen Partner von Helmut Rahn zusammengespielt hatte.
Ich vergab meine Sympathien den Mannschaften in weiss. Das war mein erster Kontakt zu Hans Schäfer. Er war Kapitän und Regisseur des 1. FC Köln, im reifen Alter von 37 Jahren, und in dieser, seiner letzten Saison erspielte er sich, von Verletzungen geplagt, noch einmal die Vizemeisterschaft, hinter Werder Bremen. Von dieser Saison hatte ich auch ein fast vollständiges Sammelalbum. Ich weiss nicht, wo es hingekommen ist, aber die Bilder habe ich noch im Kopf, das von Hans Schäfer kann meine Hirn-Festplatte jederzeit abrufen. Er hat noch mit dem echten hier in Bonn geborenen Toni Schumacher zusammengespielt, ebenfalls eine Legende, durch eine schlimme Verletzung aus der Karriere geworfen.
Ich besass auch Sammelbilder von den Jahren zuvor. 1962 gab es noch keine Bundesliga. Im Finale um die deutsche Meisterschaft schlug der vermutlich beste 1. FC Köln, den es je gab, unter Schäfers Führung den 1. FC Nürnberg mit 4:0. Die erste Bundesligasaison 1964 wurde ebenfalls souverän gewonnen.
Schon 54 war Schäfer als einer der Jüngsten in der Nationalmannschaft Weltmeister geworden, damals noch als Linksaussen. Mit Horst Eckel ist er der letzte Überlebende dieser Mannschaft.

Viele Jahrzehnte später besuchte ich mit einer Arbeitskollegin und guten Freundin, die dem Kölner Stadtrat für die Grünen angehörte, ein Spiel der 2. Bundesliga zwischen dem 1. FC Köln und Rot-Weiss Essen. Das Hinspiel in Essen hatte ich noch im alten Stadion an der Hafenstrasse erlebt: RWE führte nach 80 Minuten mit 2:0, der FC war schon geschlagen; aber er hatte Podolski, es endete 2:2. Das war für beide richtungsweisend: RWE stieg ab, der FC auf. Das Rückspiel in Köln war nur noch eine 0:0-Langeweile, ich schlief im Lehnsessel direkt unten an der Aussenlinie ein. Aber in der Pause stellte Bettina ihn mir vor: den echten Hans Schäfer, den Weltmeister von vor meiner Geburt.
Ein netter und vernünftiger Kerl, allürenfrei, kein Promi, sondern ä kölsche Jung. Macht, auch heute am Geburtstag, nichts mit Medien. Er hasst es, wie das ganze Gewese um den Fussball den jungen Talenten den Kopf verdreht, und den Spass am Spiel verleidet. Wenn es seine Gesundheit zulässt, besucht er noch Heimspiele, weil er so bekloppt ist wie wir. Aber das Geschäft, das Business, wird ihm in diesem Leben nicht mehr gefallen.
Später im Himmel wird er neben Hennes Weisweiler, dem andern grossen Kölner, den Ehrenplatz bekommen, den er sich im Erdenleben längst verdient hat.
Schande über den FC von heute, der selbst zu Hans‘ 90. in Borissov/Belorussland keinen Punkt und kein Tor in der Europaliga zustande brachte (0:1). Das tut Schäfers Gesundheit nicht gut und ist, nur darum, gemein und ungerecht.

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