Smartcity Gelsenkirchen-Horst

Von , am Donnerstag, 2. November 2017

Gelsenkirchen-Horst ist nicht nur mein Geburtsort, sondern auch der von Olaf Thon, einem der grössten Fussballtalente, das der FC Schalke 04 jemals hervorgebracht hat. „Ein Horster kann kein Schalker sein“ hiess es mal, vor meinem Leben. Die Begrenzung des Blicks wurde schnell erweitert. Die Rivalen von STV Horst-Emscher stiegen vom Rivalen ab zum Talentlieferanten und enden jetzt beim Jäten des Unkrauts auf ihren ehemaligen Tribünen. Das Fürstenberg-Stadion habe ich nie betreten, immerhin die Veltins-Kneipe gegenüber in der Fischerstrasse. Dort kannten sie noch alle, die mal berühmt waren. Mein Oppa hat mir immerhin noch die Kneipe von Heinz Flotho gezeigt, bei ihm zuhause aus dem Haus nicht rechts zur Trinkhalle, sondern links über die Köttelbecke. Der Gute starb 1974 mit 69 Jahren, für einen mit 100%-Staublunge damals Rekord; und er musste das Elend seines Vereins RW Essen nicht mehr miterleben.

Die bereits legendäre Schalker Jugendarbeit, die noch unter Jens Keller blühte und langjährig von Norbert Elgert verantwortet wurde, soll jetzt, vom neuen, modernen Manager Heidel globalisiert und professionalisiert werden. „27“ Sportstudent*inn*en sollen die Datensätze von 27 Profiligen fortlaufend beobachten und analysieren. Und so sollen in Zukunft aus diesem viel grösseren Beobachtungs-Pool noch bessere Talente eingesammelt werden. Mag sein. Vermutlich ist kein Mensch besser datenvermessen als Fussballprofis: Tore, Torvorlagen, Kilometerleistung pro Spielzeit, Zweikämpfe gewonnen/verloren, Ballkontakte, Pässe, lange, kurze, angekommen oder nicht, Torschüsse, aufs Tor oder daneben, Vertragsstatus, Beraterfirma. Der Haken an dieser Methode: das können die Konkurrent*inn*en auch, die vollprofessionalisierten tun es längst. Offen bleibt dabei vieles Menschliche: ist der Junge glücklich oder unglücklich und warum? Wer sind seine Eltern? Wie ist sein Verhältnis zu ihnen? Hat er Frau, Freundin oder ist er schwul? Oder welches der angeblich 60 von Facebook klassifizierten Geschlechter? Wie kommuniziert er? Macht es im Spass oder ist es ihm lästig? Anführertyp oder Mitläufer? Wie entwickelt und verändert sich das alles?

Kurz: es gibt zu viele Fragen, die sich mit Datensätzen nicht beantworten lassen, zum Glück. Viele Vereine klagen darüber, dass sie tolle Spieler verpflichtet haben, ihre Mannschaften aber nicht funktionieren. Keine Anführer, die in Krisen das Zepter in die Hand nehmen und die anderen mitreissen. Zerfallene Cliquen, deren Zusammenspiel hapert, Intrigen wie überall – und das im Mannschaftssport Fussball. Ähnlichkeiten mit der Politik wären nicht zufällig. Man nennt es Gesellschaft.

Ob die Silicon-Valley-Jungs das je verstehen? Interessiert es sie? Selbst die Monopolisten unter ihnen, Alphabet und Facebook, sind kapitalgetrieben. Sie haben ein Monopol, müssen aber trotzdem weiter fressen. Ohne Wachstum geht das Renditevertrauen der Kapitalgeber, sie glauben fest an Marx‘ tendenziellen Fall der Profitrate, verloren. Der heisseste Scheiss der Datenhändler, die Sau die nun wörtlich durch die Städte getrieben wird, ist „Smartcity“.

Hier Erklärungen was das ist:
FAZ über Alphabet und die Renditefantasien
SZ/Jannis Brühl über die Kontroversen
Evgeny Morozov/SZ über die Gefahren
Leonhard Dobusch/Netzpolitik über kontroverse und komplementäre Konzepte (Sharing City, Open City)
FAZ/Reise über die Fluggesellschaften und – tatsächlich – die Deutsche Bahn, die alles, was wir wollen, schon vor uns wissen.

Zum Abschluss meine Preisfrage: haben Sie in unserer Stadt Bonn schon einen öffentlichen Diskurs darüber wahrgenommen? Eine*n Kommunalpolitiker*in kennengelernt, der/die sich damit auseinandersetzt? Ich fürchte, das spricht sehr für Morozov.

Ein gutes Kontrastmittel zu den digitalen Fantasien diese Reportage von Stefan Laurin/Jungle World aus der AfD-Hochburg Ruhrgebiet.

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