ZDF – das neue Erste?

Von , am Mittwoch, 8. November 2017

Schon seit längerem führt das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), allenfalls bedrängt von der Summe der Dritten, die deutsche Einschaltquotentabelle an. Wenn es einen Staatssender gibt, dann ist es dieser. Das Bundesverfassungsgericht musste immer wieder eingreifen, um die grundgesetzlich vorgeschriebene Staatsferne bei der Zusammensetzung seiner Aufsichtsgremien durchzusetzen. Die öffentlich-rechtliche Konkurrenz von der ARD profitiert von und leidet unter dem Föderalismus. Sie setzt sich aus 9 Anstalten zusammen, sogar die Zwergstaaten Bremen und Saarland haben immer noch eigene. Während Bremen früher durch kreative Programminnovationen glänzte, erinnert sei an das Interviewergespann Christian Berg und Michael Geyer oder an die Frühzeit der Talkshow „III nach neun„, können sich die meisten Zuschauergenerationen daran schon nicht mehr erinnern. Das Saarland hatte früher mit Jochen Senf zumindest einen skurril-originellen Tatort-Kommissar (der Gourmet mit dem Rennrad), kennt heute auch keine*r mehr.

Trotz komplizierter Aufsichtsstruktur dürfte also das ZDF die kürzeren anstaltsinternen Entscheidungswege haben. Und während wir es in der alten BRD-Zeit noch als „CDF“ bezeichneten, also als Verschmelzung von Kohl-CDU und Fernsehen, haben sich auch diese Unterschiede abgeschliffen. Die ARD-Sender wurden rechter, mindestens harmloser, das ZDF weniger reaktionär. Fortschrittliche Nischen gab und gibt es in beiden Strukturen.
Davon scheint es mittlerweile im ZDF mehr zu geben. Schon seit längerem ist spürbar, dass es im Fachgebiet Kabarett und Satire der ARD meilenweit den Rang abgelaufen hat. Der selige Dieter Hildebrandt war noch vom reaktionären ZDF („Notizen aus der Provinz„) zur ARD unter dem Dach des SFB (heute RBB) geflohen („Scheibenwischer„), und hat dort Großes geleistet. Nach seinem Abtreten landete der kostbar eroberte Sendeplatz irgendwann in den Fängen des Konkursverwalters Dieter Nuhr, der sich keine weitere Kommentierung verdient hat.

Das ZDF ist nun nicht nur Marktführer mit der heute-show, die die ARD notdürftig mit der NDR-Übernahme extra3 zu kontern versucht. Es führt in seinem Angebot auch den vordergründig albernen im Kern aber giftig-politischen Jan Böhmermann, mit einer kreativen Produktionsfirma in Köln-Ehrenfeld im Rücken, und Die Anstalt, die im politischen Raum seit langem Standards setzt. Die Anstalt füllt am radikalsten die Lücken, die der immer schwächer werdende Journalismus der gleichen Anstalten hinterlässt, bestes Bildungsfernsehen für gestern z.B. 2,1 Mio. Zuschauer*innen. Dazu addieren sich dann noch die Mediathekabrufe. Von dieser Reichweite können politische Bewegungen hierzulande nur noch träumen, ausgenommen nur die Datensammler*innen von Campact.
Auch der Fictionbereich des ZDF sticht die ARD heute aus. An erster Stelle nenne ich die Krimireihe Nachtschicht von Lars Becker, von der bewusst nur eine Folge pro Jahr produziert wird. Das merkt man dann auch jeder Folge an: sorgfältig gearbeitet, tolle Leistungen von Drehbuch, über Regie bis zum exzellenten Casting und Ensemble. Selbst beim Import britischer und skandinavischer Ware scheint das ZDF immer wieder in der Vorhand zu sein, und zwar schon seit vielen Jahren, z.B. mit Der Adler, Scott & Bailey, The Killing, Line of Duty, No Offence oder jüngst Countdown Copenhagen. Vordergründig Krimis, im Kern aber hartes Sozial- und Politkino.

Und als kürzlich die Gralshüter deutscher Zeitgeschichtsschreibung den freiheitlich-demokratische-Grundordnung-Untergang-zur-Hauptsendezeit durch einen kritischen Dominik-Graf-Tatort näherkommen sahen, konterte das ZDF mit einem Dengler-Krimi, der sich den NSU-Vertuschungsskandal zur Brust nahm, unter grossem Geheule von die dilettierende Bundesanwaltschaft begleitenden Berichterstatter*innen.

Das ZDF nutzt mit ZDFneo seinen Experimentierkanal viel intensiver als die ARD ihr ONE. Was gut läuft, darf sich im Hauptprogramm ausprobieren. Oft ist es in der Nische aber ein besseres Arbeiten.
Bei aller Freude über gutes politisches Kabarett: es sind die publikumsstarken und mit stattlichen Etats ausgestatteten Fictionproduktionen, die es noch schaffen, den politischen Diskurs aufzumischen. Früher war unser WDR dafür mal berühmt: Schimanski, Monitor, ein kritisches Hauptstadtstudio, aufwühlende Diskussionsabende in seinem Dritten Programm. Ärger bekommen war wie Orden sammeln. Johannes Raus Kanalarbeiter und ihre Nachkommen räumten dann auf. Ärger vermeiden steht heute über allem. Dass ich das ZDF eines Tages im Vergleich loben würde, konnte ich mir damals noch nicht vorstellen.

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