Borussia – Boateng – Balotelli – Togo

Von , am Sonntag, 19. November 2017

Jetzt nicht durchdrehen, für ein paar Stunden Dritter und auf einem Champions-League-Platz, dritter Auswärtssieg in Serie von einstigen „Auswärtsdeppen“, Tabellenführer der konzernunabhängigen Vereine. Es sind noch 19 Punkte bis zu den Klassenverbleib sichernden 40. Seht nur den Saisonverlauf des – börsennotierten – BVB!

Ich erinnere mich noch gut an ein Heimspiel 1995 gegen den späteren deutschen Meister (noch mit Sammer) BVB am Bökelberg. Wir lagen 1:3 zurück, und hatten schon alle Hoffnung fahren lassen. Auf der Gegengeradentribüne stand wenige Reihen hinter mir ein Gladbach-Fan der in einem unaufhaltsamen kritischen Wortschwall über unseren angeblich lauffaulen eigenen schwarzen schwedischen Mittelstürmer Martin Dahlin herzog. Die Pointe des Spiels war, dass genau er in der Schlussphase noch zwei Tore zum Ausgleich machte. Danach habe ich mir von dem Spiel bei einem Dienstleister eine VHS-Kassette gekauft (kein TV-Kommentator, nur Stadionton, das wäre auch heute eine Steigerung der TV-Qualität).
An dieses Erlebnis erinnerte ich mich heute, als ich dieses SZ-Interview mit Kevin-Prince Boateng las. Seine Vorstellungen von Zuschauerüberwachung zeugen von einem nicht ganz ausgereiften politischen Denken, aber weisse Deutsche müssen solche Ausführungen wenigstens zur Kenntnis nehmen, für einen intellektuellen Perspektivenwechsel. Wer zu dem gedanklich nicht bereit ist, gibt das Zusammenleben in unserer Gesellschaft auf.

Im Boateng-Interview wird Mario Balotelli erwähnt, der einzige Fussballer auf der Welt, der in der Lage war, Jogi Löw und Klassensprecher Mats Hummels mit einem Karriereknick zu bedrohen. Letzte Saison lief für ihn, seinen Verein OGC Nizza und seinen Trainer Lucien Favre sehr gut. Bis zum Ende der Saison konnten sie die Milliardärstruppen von PSG und AS Monaco bedrängen. Diese Saison siehts schlechter aus: kurz vor den Abstiegsplätzen, ein Formverlauf wie leider so oft bei Favre-Mannschaften. Der verletzungsanfällige Balotelli hatte nur in 8 von 12 Spielen Einsätze, aber schon wieder 6 Tore verbucht.
Balotelli hat, wie die Boatengs familiär ghanaische Wurzeln, wurde aber von italienischen Eltern adoptiert. Seine Sozialisation ist also pur schwarzitalienisch, also das, was es nach Überzeugung rassistischer Fans gar nicht gibt.

Wir Deutschen, insbesondere unser exotischer Volksstamm der Bayern, haben, die meisten von uns wissen das nicht, besondere Beziehungen zu Togo. Einer unserer bedeutendsten und meistgehassten Politiker Franz-Josef Strauss pflegte freundschaftlichste Geschäfte zur bis heute in Togo herrschenden Diktatorenfamilie, Geschwister im Geiste, Hautfarbe egal. Die Tage, an denen wir in deutschen Medien heute was über das Land erfahren, können im Kalender rot angestrichen werden. Und ich frage mich: was sagt die CSU von heute wohl dazu? Bedauerlich, dass da die Schwarzen wieder aufeinander einschlagen? Und wie sollen – im Vergleich dazu – die aktuellen Balkonverhandlungen in Berlin beschrieben werden?
Noch weniger wird berichtet über deutsche und französische Einmischungen (und Anheizungen) der dortigen Konflikte. Besser wir wissen da nichts drüber. Aber Bernhard Schmid, Autor für Jungle World und telepolis, mit Zugang zu wesentlich qualifizierter berichtenden französischen Medien, berichtet trotzdem. Danke.

In Erinnerung an Bachirou Salou, einen Helden unserer Gladbacher Krisenjahre. Überall, wo er gespielt hat, denken die Fans gern an ihn. Zuletzt spielte er hier um die Ecke: in Meckenheim!

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