Tierwerden oder Menschbleiben – Volkstanzverteidigen oder Weltenbrandvermeiden?

Von , am Sonntag, 3. Dezember 2017

An einem Wochenende, an dem uns die Hauptstadtmedien mit dem AfD-Parteitag berieseln, kann mensch durchaus in Verzweiflung geraten wie Sibylle Berg. Sie tut was sie kann, und das ist klasse. Es hilft aber nur begrenzt, allenfalls um der/dem Leser*in zu zeigen: Du bist nicht allein.

Weiter führte dagegen schon heute morgen dieser Essay von Marleen Stoessel: Gastfreudschaft – ein Kulturerbe der Menschheit. Menschliche Kultur ist eine Gegenwehr gegen die Evolution, der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Den ja auch einige, die sich für „links“ halten, gerne mal bestreiten.

Wenn Sie Donnerstag „Monitor“ gesehen haben, sind Ihnen vielleicht wie mir Zweifel daran gekommen. Angesichts der unüberseh- und -hörbaren Versuche, unser Land zu einer rassistischen No-Go-Area für Schwarze umzubauen. Sklavenhandel in Libyen, Vertuschung des Mordes an Oury Jalloh. Der Skandal wäre besser bearbeitbar, wenn nicht in allen diesen Fällen unser Staat, seine Regierung und seine Bürokratie, unmittelbar für diese Verbrechen verantwortlich wären – ganz so, als wenn die AfD schon an der Regierung wäre.

Während wir uns von unseren Strickjackennazis entertainen lassen und bei den Mahlzeiten unsere – angebliche – Regierungslosigkeit beklagen, brennt da draussen weiter die Welt, mit unserer Hilfe:
– in Pakistan wütet der Djihadismus, während seine Elite das Land ans Grosskapital verscherbelt, Militär und Geheimdienst arbeiten mit allen und ziehen an allen Strippen – und haben Atomwaffen (!!!), erworben mit deutscher Hilfe;
– auch in Spanien arbeitet die Zentralregierung mit Terroristen zusammen, wie wir es bei NSU und Amri bei unserer auch schon zur Kenntnis nehmen mussten;
– im Kongo, einem der reichsten Länder der Welt, grassiert ein politisches Elend, das direkt aus der EU gesteuert wird; und da soll mensch nicht abhauen? – Sie wissen schon: Fluchtursachen!
– im Sahara- und Subsahara-Afrika haben sich neue kriminelle Ökonomien gebildet, die sich bestens mit unserer Politik der Selbsteinmauerung und Menschenabwehr arrangieren, massenhafte Todesopfer und Menschenrechtsverletzungen sind dabei leider, leider unvermeidbar.
– unsere Regierungen arbeiten dagegen lieber mit Feudalherren zusammen, die Andersdenkende zügig mit der Todesstrafe behandeln, uns Öl und Gas ver- und modernste Rüstungstechnologien abkaufen, Geschäfte „zum beiderseitigen Nutzen“. Selbst offizielle Regierungsberater geraten darüber schon in – verständliche – Verzweiflung, die übrigens unabhängig davon ist, wie sich unsere Regierung gerade zusammensetzt. Werden sie die strategische Kollision mit Trump und Salman wagen? Wird Sigmar Gabriel noch zum Hoffnungsträger?

Da wird es schon zu einem idyllischen Naturfilm, wenn Markus Schmidt (letzten Samstag ARD) über demokratischen kanadischen Widerstand gegen Megaprojekte berichtete. Eine kleine unbeachtete Perle, 0,7 Mio. Zuschauer, ein Achtel der später folgenden Sportschau. Ich kenne Schmidt aus seiner Zeit im Hauptstadtstudio Bonn, ein äusserlich cooler, aber innerlich brennender Typ, der seinen Weg gemacht hat. Nach der Zwischenstation „Monitor“ ist das ARD-Studio New York der Gipfel dessen, was politische Journalist*inn*en erreichen können – danach kommt nur noch Intendant. Markus Schmidt ist einer, dem ich das von Herzen gönne. Sein Filmchen hat die Nebenbotschaft, in wie idyllischen Verhältnissen wir – bei aller politischen Erregung und Verzweiflung – in einer bürgerlichen Demokratie leben, arbeiten und kämpfen dürfen. Und dass es sich lohnt, das zu verteidigen.

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