EXTRA-DIENST - Fußball

EM: TV-Kommentatoren ins Tor

Von , am Freitag, 21. Juli 2017

Bei der Fifa soll es eine Kommission geben, der heilige Marco van Basten soll ihr angehören, die sich Gedanken über Regelreformen macht. Ich hätte da eine Idee: die TV-Kommentatoren werden ins Aufgebot für das von ihnen zu kommentierende Spiel „ihrer“ Mannschaft aufgenommen. Und bei der ersten Besserwisserbemerkung zum Torwartspiel werden sie sofort zwangsweise eingewechselt und selbst ins Tor gestellt. Bernd Schmelzer (BR) hätte also heute frühzeitig für Russland, und Claus Lufen (WDR) für Italien spielen müssen.
Im spannungsreichen 2:1 der deutschen Ladies gegen Italien entging den meisten Beobachter*inne*n, Weiterlesen

Frauen-EM macht Lust auf mehr

Von , am Dienstag, 18. Juli 2017

In Deutschland bricht, wenn mal eine Fussball-WM oder -EM nicht gewonnen wird, in der Regel sofort eine Krise aus. Die deutsche Vorberichterstattung zur diesjährigen Frauen-EM in den Niederlanden tut gerade so, als ergäbe sich aus dem sechsmaligen Titelgewinn in Serie ein Naturrecht, dass das so bleibt. Die Deutschen und ihr Sportverständnis, Übertreiben der Konkurrenz, Selbstoptimierungswahn, Leistungsfetischismus, gekoppelt mit fehlendem Sinn für Respekt, Schönheit, Muße und Genuss – das alles lässt sich im Fussball studieren.

Darum spielt der Frauenfussball – gegen alle ökonomische Rationalität übrigens – hierzulande immer noch ein Schattendasein. Die Frauenbundesliga dämmert dahin, von den Geldvereinen von VW und diesem Konzern aus dem südddeutschen Raum beherrscht, Zuschauer*innen*schnitt unter 1.000 pro Spiel, TV-Präsenz nahe 0. Folgerichtig wandern die besten Spielerinnen, wie Maroszan oder zuvor Bresonik, nach Frankreich ab. Besser bezahlt, und bessere spielerische Entwicklung. Die Französinnen sind seit längerem das Brasilien des Frauenfussballs: Weiterlesen

Nr. 1 im Pott – „nur der RWE!“

Von , am Mittwoch, 12. Juli 2017

BVB-Fans, Ihr müsst jetzt ganz stark sein.
Einerseits lauert der Chinese Euren besten Spielern auf.
Andererseits werdet ihr Eure schlechteren Spieler nicht los.
Gegen einen Viertligisten habt ihr in jeder Halbzeit eine komplette Mannschaft aufgestellt, also quasi Zwei gegen Einen.
Und 2:3 verloren – gegen RW Essen, historisch die Verein gewordene Tragödie des Ruhrgebietsfussballs. Mein Grossvater verstarb 1974, zu seinem Glück, bevor die Tragödie ihren Anfang nahm, als RWE noch Bundesliga war und am 13.2.1971 beim 3:1 gegen den Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum nicht nur Gegentore, sondern richtige Messer auf Sepp Maier flogen. Mehr Angst und Schrecken als der Messerwerfer verbreitete unter Beckenbauer & Friends der heute zu unrecht fast vergessene Walter Hohnhausen, der dem Sepp zweimal einschenkte. Die Fankurve wurde danach baulich stillgelegt. Mittlerweile ist das ganze Stadion abgerissen und um 90 Grad versetzt neu gebaut worden. Dieses Bauprojekt hat sogar die lebenslängliche Herrschaft der SPD über die Stadt Essen beendet.
Unseren verstorbenen Beueler Fußballfreund Mike Mennen wird es im Himmel freuen, dass sein einstiger Schützling Sven Demandt als RWE-Trainer so einen schönen Prestigeerfolg landen konnte.
Liebe BVB-Fans, wenn Euch Eure Saisonvorbereitung unter dem neuen Trainer wichtig ist, dann müsst Ihr diese schmerzhaften Spielberichte lesen:
hier
hier
und hier.
Zum Trost könnt Ihr die ersten Bundesligaspieltage studieren, zu denen die Termine jetzt festgelegt sind. Da erwarten Euch leichtere Gegner 😉
Neu sind Termine Sonntagsmittags; das letzte Sonntagsspiel ist jetzt 30 Minuten später um 18 h. Für den Reaktionär Rupert Murdoch, Besitzer von Sky, wirft sich die DFL jederzeit in den Staub.

Update 17.7.: Treffender Kommentar von Küppi, gern gesehener Gast an der Essener Hafenstrasse, zu seinen Borussen: „Verlieren beim Viertligisten Rot-Weiss Essen und zeigen so menschliche Größe. Essen ist moralischer Erstligist in der Anderswelt, in der es kein Redbull und Hoffenheim gibt.“ (Quelle: taz)

Ginter / Regionalliga-Zoff

Von , am Mittwoch, 5. Juli 2017

Ist Ginter Christensen? Wer kann das wissen? Max Eberl wäre bereit gewesen, 20 Mio. für die Bindung von Andreas Christensen an Abramowitschs Chelsea zu zahlen. Das das realistisch gerechnet war, ist daran zu erkennen, dass es Chelsea wichtiger war Christensen zurückzuholen, als das Gladbacher Geld einzustreichen. Nun also 17 Mio. an den BVB, im Erfolgsfall 20 Mio. D.h. Ginter ist billiger als Christensen, es sei denn er wird genauso gut, dann kostet er das Gleiche. Die WAZ kommentiert das durchaus angemessen: Barca will für einen 30-jährigen Innenverteidiger 70 Mio. investieren; die haben das nötig, seit Carlos Puyol aufgehört hat. Und wer bei Christian Streich in der Schule war, kann kein ganz schlechter Kerl sein.

RW-Essen-Präsi Welling hat einen Vorschlag gegen die Misere der Regionalliga (= 4. Liga) in die Debatte geworfen. 90% der Regionalliga West, in der sich der Bonner SC letzte Saison einen feinen Mittelplatz erobert hat, ist sauer. Zu Recht.

Oliver Fritsch zu Fussball in Russland

Von , am Dienstag, 4. Juli 2017

Die Zeit ist Zeitverschwendung. Ihr allwöchentlich papiernes Übergewicht – welchen Body-Mass-Index (BMI) mag sie haben? – und ihr leseunfreundliches Überformat schrecken ab. Also genau richtig für ein Blatt, das elitär sein will. Ich besuche sie auch online nicht regelmässig, weil meine Erfahrung mit ihr ist, dass da das Gleiche drinsteht wie bei den andern, nur viel länger. Wer braucht das?

Eine Ausnahme muss ich machen, reuevoll: Oliver Fritsch. Seine Arbeit habe ich schon wahrgenommen, als er als Wissenschaftler aus Giessen den Blog „indirekter-freistoss.de“ betrieb. Dort hat ihn die Zeit wohl entdeckt und ihn mit einer – hoffentlich anständig bezahlten – Planstelle gelockt. Oliver schreibt
hier zur Leistung der DFB-Elf
hier zu unserer kurzsichtigen Russland-Sicht
– und hier interviewt er einen demokratischen russischen Fussballfan, Anhänger des Spitzenvereins und Armeeclubs ZSKA Moskau; Oliver Fritsch ist ein sehr politischer Kenner der Fanszene.

Zu letzterem noch ein Nachwort: kürzlich musste ich bei einer Party unter politisch Gleichgesinnten wieder feststellen, wieviel Ahnungslosigkeit über die politischen Verhältnisse in der Fussballfanszene besteht. Das kommt wohl noch aus einer Zeit, in der man es sich leisten zu können glaubte, den Fussball zu ignorieren. Die Zeiten sind vorbei. Wer in einer sich segmentierenden Gesellschaft glaubt, sich für relevante gesellschaftliche Felder nicht analytisch interessieren zu müssen (was ja nicht heisst, dass sie einer*m auch gefallen), der/die wird bestraft, wie z.B. z.Z. ungefähr die Grünen.

Teammaschine schlägt Kampfmaschine

Von , am Montag, 3. Juli 2017

Respekt vor dem Gegner ist eine Tugend, die, nunja, nicht typisch deutsch ist. Chile, verdienter Gewinner der Copa America 2016, hat sich den verdient. Mit gerade einmal einem internationalen Star, Alexis Sanchez, und dem auffälligen Testosteronbomber und besoffenen Ferraricrasher Vidal im Aufgebot, der wegen Verletzung nur zeitweise mitspielen konnte, schlugen die Chilenen das stargespickte Argentinien (Messi, di Maria, Higuain u.v.m.) knapp aber verdient. Bei dieser Auseinandersetzung zeigte sich wie so oft, dass eine ausgeprägte Hierarchie der Stars, in Argentinien, wie nach Guardiola auch bei Barca, mit der absoluten Herrschaft des Messiclans, sich im Endergebnis negativ auf die komplette Mannschaftsleistung auswirkt. Wenn im Weltspitzenfussball die Kleinigkeiten entscheiden können, ist das keine Kleinigkeit mehr.

So auch gestern Abend. Weiterlesen

Super – zum Start 3 Punkte für VfL Borussia

Von , am Donnerstag, 29. Juni 2017

Selten genug ist die profitgierige DFL („Deutsche Fussball-Liga“) zu loben.
Genau genommen tu ich es hier zum ersten Mal.
Sie haben uns an 1. Spieltag als Gegner den 1. FC Köln zugeteilt.
Das sichert einen optimalen Saisonstart.
So wie es aussieht, treten wir gegen Modeste und Cordoba gleichzeitig an. Unser ehemaliger Torwart Jörg Schmadtke ist heftig dafür zu loben, dass er sich von der „Berater“-Mafia nicht am Nasenring durch die Arena ziehen lässt. Allein dafür hätte der FC einen Ehrenpunkt verdient. Den muss er sich aber woanders holen.
Das erinnert uns daran, dass wir noch einen Ersatz für Christensen brauchen. Manche meinten schon, das solle Jantschke machen. Und was ist, wenn der alte Mann sich mal wehtut? Eberl war schon gut unterwegs. Aber Christensens Leistungsstabilität wächst nicht an den Bäumen Fussballeuropas, sondern ist eher mit der Verborgenheit des Trüffels vergleichbar.
Eine weitere gute Nachricht: Martin Stranzl wurde wieder an den Verein gebunden, als Co-Trainer der U19. Wenn er dort vergleichbares leistet wie einst als Spieler, wird es dabei nicht bleiben.

Mexiko-Fussball / Spatzen / Bullen / Hass

Von , am Mittwoch, 28. Juni 2017

Mexiko spielt seit vielen Turnieren regelmässig bei WMs mit und immer eine wichtige Rolle in amerikanischen Kontinentalmeisterschaften; die USA rangieren bis heute im Fussball da drunter. Sein nationaler Fussballmarkt ist unter dem amerikanischen Grosskapital bereits aufgeteilt und hemmt, auf allerdings besagtem global wettbewerbsfähigem Niveau, die sportliche Weiterentwicklung wie das Fussball-Fachblatt Handelsblatt analysiert.
Enthüllungen gegen die Fifa in BILD? Da liegt die Frage nahe: wem nützt es. Der Fussball ist längst Gegenstand globaler Strategien der Weltpolitik und verdeckter Strippenzieher. Mitleid gegen Russland und Katar und ihre jeweiligen Diktatoren ist sicher nicht angebracht, das macht ihre Gegner in den USA und Saudi-Arabien (und bei BILD) allerdings keinen Deut sympathischer – hier Fifa-Experte und everybody’s enemy Jens Weinreich im Interview mit der Funke-Mediengruppe.

Spatzen – Cord Riechelmann beschreibt in der FAS die historische Entwicklung unseres Verhältnisses zu ihnen. In meiner Kindheit galten sie als minderwertig gegenüber „Singvögeln“ (Meisen, Rotkehlchen, Finken), heute versetzt uns ihr „Verschwinden“ in ökologische Furcht. Weiterlesen

Löw 100 / EPAs mit Afrika – kappuddeneu

Von , am Montag, 26. Juni 2017

Jan Christian Müller hat sich als Sportchef der FR in harter Arbeit ein eigenes Standing erarbeitet, sich zu einer eigenen journalistischen Marke gemacht, mit dem Standortvorteil Frankfurt/M., Sitz von DFB, DFL und DOSB. Seine heutige Würdigung von Joachim Löw, anlässlich seines 100. Länderspielsieges als Bundestrainer, kann als Muster in Journalist*inn*enschulen genutzt werden. Fussballjournalismus ist immer „eingebettet“, wie in Diktaturen, sonst kriegt man nichts mehr erzählt. Dennoch werden es geübte Leser*innen schaffen, auch Kritik zu entdecken, gut versteckt.

Hier wurde schon auf den Widerstand Nigerias und Tansanias gegen die EU-Freihandelsdiktate hingewiesen. Und siehe da, das ist bis zur Bundeskanzlerin vorgedrungen, von der aussenpolitisch desinteressierten deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet. Die deutschen und EU-Verhandler*innen agieren zwar weitgehend empathiefrei, aber als strategische Realist*inn*en. China ist in Afrika bereits viel weiter gekommen, Konkurrenz belebt das Geschäft. Vor allem für Parlamente, die sich auch mal ein „Nein“ trauen.

Stindl / 4. Liga erneut in Aufruhr

Von , am Freitag, 23. Juni 2017

Wenn der Confed-Cup für irgendwas gut ist, dann für das Fussballerleben von Lars Stindl. Das ist eine Freude. Im Spätsommer, von Herbst ist noch nichts zu spüren, seiner Karriere ist seine Begeisterung, auf einer globalen Bühne der Weltklasse mitspielen zu dürfen für jede*n sichtbar. Mit 28 Jahren führt er nicht nur Borussia Mönchengladbach als Kapitän, sondern auch die zweite Reihe der Nationalmannschaft, in der gestern gegen Chile der ernannte Kapitän Draxler mit seiner schwankenden Form etwas unsichtbar geworden ist. Chile, diese Pressingkampfmaschine, vor allem in der 1. Halbzeit, zu Recht Amerikameister gegen Argentinien geworden, mit der ersten Reihe angetreten, wurde wirkungsvoll Paroli geboten. Nicht zu übersehen war dabei die gewachsene Bedeutung des Uwe-Kamps-Schülers Marc-Andre Ter Stegen, dessen Fuss(!)ballkunst für das 1:1 eine notwendige Bedingung war.
Klasse-Lars, wir freuen uns auf die nächste Saison mit Dir, und wenn Dich jemand abwerben will, bist Du auf jeden Fall ordentlich teuer geworden. Jetzt bloss nicht noch verletzen!

Chinas U20 soll nächste Saison in der Regionalliga Südwest mitspielen, also das, was früher mal der SV Alsenborn gewonnen hat. Die habens nötig. Bei uns im Fussball-Westen findet das niemand mehr lustig. Die Kritik tut den jungen ehrgeizigen Chinesen sicher unrecht, dem DFB und der DFL aber ganz sicher nicht.