EXTRA-DIENST - Lesebefehle

Nigeria – größter „Failed State“ der Welt?

Von , am Sonntag, 26. März 2017

Ich bin ein engagierter Freund des Völkerrechts. Es sorgt nicht für Gerechtigkeit, noch nicht einmal für Frieden, aber es ist eine Ordnung für schlimmste Konflikte, die unser Überleben als Menschheit in Zeiten von Massenvernichtungsmitteln gesichert hat.
Die „Responsibility to Protect“, die in den letzten Jahrzehnten in den Diskurs eingeführt wurde, habe ich immer eher als Selbstermächtigungsinstrument der Großmächte kritisch gesehen. Die Geschichte lehrt, dass deren Aufrichtigkeit sowieso nicht zu trauen ist, also auch unserer, der Deutschen nicht, der besonders.

Wer sein Bewusstsein dann in einzelne Beispiele vergräbt, dem/der kommen dann allerdings Zweifel an dieser Sicht. Ich muss Sie jetzt wieder vorwarnen: wenn Sie noch an einem schönen Sonntag interessiert sind, hören Sie hier mit dem Weiterlesen auf. Telepolis-Autorin Birgit Gärtner hat sich der aktuellen Lage nigerianischer Frauen, und hier insbesondere der Opfer des heutigen, des „zeitgemässen“ Sklavenhandels angenommen. Sicher, er macht deutlich, wie bigott „unser“ Migrationsdiskurs ist, und dass „Wir“ die Letzten sind, denen man eine „Responsibility to Protect“ zuordnen sollte. Aber ein Land und eine Regierung (plus ihrer Freund*inn*e*n in Europa, die fröhlich mit ihnen zusammenarbeiten!), die das in ihrem Staatsgebiet zulassen, die gibt es nicht mehr.
Zu befürchten ist: Nigeria wird hier nur ausgeleuchtet, ein Einzelfall ist es wahrscheinlich nicht, nur ein besonders Großer.

Zeitpolitik und Selbstoptimierungsirrsinn

Von , am Sonntag, 26. März 2017

Zeitpolitik ist dieses Wochenende mal kurz angesagt, weil uns eine Stunde gestohlen wurde. Schlimm genug, auch wenn ich persönlich immer dafür bin, wenn es abends länger hell ist, aber im Kern geht es um viel mehr, um unsere Souveränität als Subjekt, als Ich. Wer bestimmt, wie ich meine Zeit verbringe? Wie weit habe ich darüber überhaupt Entscheidungsfreiheit? Will ich selbst entscheiden? Oder bin ich zufrieden mit dem Objektsein? Will ich als Mensch die Technik beherrschen? Manche von uns streben das auch über die Ökologie und die Natur an. Will ich über Ökonomie und Politik mitbestimmen? Oder genügt mir das Beherrschtwerden? Zeitpolitik handelt auch von der Individualisierung dieser Fragen.

Auf die Spitze wird das dann mit dem Selbstoptimierungsirrsinn getrieben. Wie weit er schon unsere Kinder erfasst, beschreibt mit Ursula Kals eine weitere Autorin der FAS mitfühlend und richtig, um dann den alten Fehler ihres Mediums zu wiederholen. Es ist nicht das System, es ist nicht die Gesellschaft, es sind nicht Ökonomie und Politik verantwortlich. Es sind die Mütter!
Kinder nehmt mich vonne Zeche …..!

ila / Slowfood

Von , am Sonntag, 26. März 2017

Die neue Ausgabe der Zeitschrift ila (Informationsstelle Lateinamerika in Bonn) hat das Schwerpunktthema „Alter in Lateinamerika“. In einem Beihefter geht es um die Auswirkungen von Freihandelsabkommen, und Gert Eisenbürger hat ein Buch von Leo Löwenthal von 1949 entdeckt, dessen Lektüre uns noch heute im Widerstand gegen Trump helfen kann.

Die neue Ausgabe des Slowfood-Magazins legt uns das Berchtesgadener Land ans Herz, befasst sich mit den Debatten um Veganismus, Vegetariertum und Fleischessen, portätiert als „Foodhero“ die Kölner Konditorin Lea Leimann (z.Z. Patissière im „Ox und Klee“), und Carlo Petrini weist auf die Willkommenspolitik des Libanon hin und fragt: „Wie können wir in Europa auch nur daran denken, Mauern und Absperrungen für Migranten zu bauen?“

Wir werden alle arbeitslos (II) – Wirtschaft 4.0

Von , am Samstag, 25. März 2017

Hier hatte ich erstmals auf diese steile These hingewiesen.
Nun interviewte das Handelsblatt den israelischen Zukunftsforscher Yuval Noah Harari, der diese These im Prinzip bestätigt. Einerseits können wir uns beruhigen: es ist in der Menschheitsgeschichte meistens anders gekommen, als die Zukunftsforscher*innen vorausgesagt haben. Andererseits ist diese Forschung in Israel Weltspitze. Durch die Militarisierung von Gesellschaft und Politik wird dort an Forschungsqualität nicht gespart. Die meisten Menschheitskonflikte und -probleme werden dort viel zugespitzter ausgetragen, ein Ausweichen oder Verdrängen ist so gut wie unmöglich. Harari muss also doch nicht so falsch liegen, wie es die Zukunftsforschung oft getan hat.

Bei der IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter im oxiblog-Interview klingt das gleiche Problem etwas bodenständiger in der Praxis verankert, aber auch nicht beruhigender. Nervös macht eher ihre in gemässigter Sprache formulierte Bestätigung des Befundes.

Trump verstehen – Schulz verstehen

Von , am Dienstag, 21. März 2017

Vorsicht: das Befolgen der folgenden Lesetipps gefährdet Ihr Wohlbefinden.

Nein, die beiden Herren sind sich nicht ähnlich. Diese frühe These der CDU-Gegenpropaganda hat sich schnell als Rohrkrepierer erwiesen. Tragisch ist jedoch, wie einstige Erkenntnisse marxistischer Geschichtswissenschaft auf dem Müllhaufen öffentlicher Erinnerung gelandet sind, und heute wieder alle Darstellungen und Projektionen von politischen Prozessen auf Personen reduziert werden. Wenn es „Lügenpresse“ wirklich gibt, dann weil sie fast geschlossen diesem Narrativ folgt und uns damit dumm hält.

Das vorausgeschickt kommen wir noch mal zu Martin Schulz. Immer noch reibt sich die Konkurrenz die Augen, Weiterlesen

Überraschende Kunst – in Dubai

Von , am Dienstag, 21. März 2017

Wissen die arabischen Feudalherren, worauf sie sich einlassen? So eine „Herrscherfamilie“ kann ja ganz schön heterogen sein. Ex-Bonner Ingo Arend berichtet in der taz von einer Kunstmesse in Dubai, die Freiräume ausreizt, die in mancher Demokratie nicht ermöglicht werden.

Chiglobalisierung

Von , am Mittwoch, 15. März 2017

In Bonn Kunstgeschichte studieren … das kann ja nichts werden? Ein lebendes Gegenbeispiel ist FAZ-Autor Mark Siemons. In seinen 10 China-Jahren war er ein Quell der Information über das Leben in dieser aufstrebenden Weltmacht. Jetzt ist er wieder im provinziellen Berlin gelandet, aber dank Internet und Sprachkenntnissen kann er seine publizistische Rolle weiterspielen. Lesen Sie seine aktuelle Deutung der chinesischen Außenpolitik, und Sie sind klüger als zuvor.

FAS: Die Wissenschaft vom Scheissen

Von , am Dienstag, 14. März 2017

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wird oftmals als liberales Kind der konservativen Mutter FAZ gesehen. Das ist in wichtigen Ressortteilen falsch. Die strategischen Köpfe des FAZ-Hauptstadtbüros Bannas und Sattar, beide weit entfernt von verblendenden Ideologien, publizieren online nur selten, in der FAS aber überhaupt nicht. Das entwertet ihren vorderen Teil, den kann man sonntags direkt weglegen.

Weiter hinten ist es dagegen sporadisch interessant. So erfahre ich, dass meine Geburtsstadt Gelsenkirchen neben S04 noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hat: einen Lehrstuhl über die Wissenschaft vom Scheissen. Wie immer hat China auch zu dieser Wissenschaft Wichtiges beizutragen, als späte Lehre der „zehn chaotischen Jahre“, bei uns besser bekannt unter der Bezeichnung „Kulturrevolution“.

Relevant in der FAS ausserdem ein Lagebericht über den Spielerberatermarkt im deutschen Fussball, ein bisschen doll durchsetzt mit Marketing- und Rechtfertigungssprech der Branche selbst, aber auch mit harten ökonomischen Fakten.

Und bevor wir die FAS online wieder weglegen: die hochverehrte Senta Berger, die immer Interessantes zu sagen hat, im autobiografischen Interview.

ISM / NSU&BAW / Wirtschaft 4.0

Von , am Montag, 13. März 2017

ISM steht für „Institut Solidarische Moderne“, eine Gründung aus einer Zeit, als Medien noch nicht über rot-rot-grüne Politiker*innentreffen berichtet haben. Jetzt hat aber sogar die FAS den Institutsgeschäftsführer Thomas Seibert zum Interview gebeten. Ob es ihre Leser*innen fürchten werden?

Über Thomas Moser und seine NSU-Berichterstattung auf Telepolis habe ich mich hier schon oft lobend ausgelassen. Jetzt hat er sich die Arbeit, bzw. die Nichtarbeit, den sabotierenden Streik der Bundesanwaltschaft (BAW) vorgenommen. Neue blamable Tiefpunkte deutscher Rechtspflege.

Roland Appel beklagte gestern hier, dass die Grünen in ihrem Wahlprogrammentwurf keine ausreichenden Antworten auf die Probleme der Wirtschaft 4.0 geben. Ebenfalls auf Telepolis haben Matthias Weik und Marc Friedrich aktuell zusammengefasst, um welche Probleme es sich da im einzelnen handelt: wir werden alle arbeitslos!

BICC: was tun mit alten Militärgeländen

Von , am Samstag, 11. März 2017

Diese Überschrift kann sowohl mit einem Frage- wie mit einem Ausrufungszeichen gedacht werden.
Während die Botschafterin der Nato bei den Grünen Rebecca Harms heute im Deutschlandfunk für das Aufrüstungsziel 2% des Bruttoinlandsprodukts für den militärisch-industriellen Komplex warb und damit den aktuellen Wahlkampf ihrer Partei sabotierte, gibt es hier in Bonn mit dem BICC – Bonn International Center for Conversion einen Standortfaktor für Abrüstung.
Das BICC hat jetzt eine Tagungsdokumentation „Ehemalige militärische Liegenschaften im urbanen Raum – Konversion für die Zukunftsstadt?“ vorgelegt, die wie die Faust aufs Auge zu den Bonner Überlegungen um die Ermekeilkaserne passt.
Wäre schön, wenn Politker*inn*en wie Harms sowas überhaupt lesen würden.