EXTRA-DIENST - Medien

Istanbul – Barcelona

Von , am Freitag, 24. März 2017

Die bis vor kurzem geilsten Hotspots Europas verändern sich gegenwärtig auf dramatische Weise. Vor kurzem hatte ich hier schon auf die gedrückte Stimmung in Istanbuls Stadtteil Beyoglu hingewiesen. Um Mitternacht versenkte der NDR diese Woche eine bedrückende Istanbul-Reportage von Yasemin Ergin und Katharina Willinger.

Zu dieser unbedingt sehenswerten Reportage folgende Manöverkritik, für die die Autorinnen vermutlich weniger verantwortlich sind als der auftraggebende Sender: Frau Ergin ist nicht nur eine kluge, sondern auch eine ausnehmend junge, gutaussehende Frau. Darum ist sie – gefühlt – auf 50% aller gesendeten Bilder gut zu sehen. Das wird in der Branche als „moderne Presenter“-Reportage bezeichnet; der entschieden eitlere, hässlichere und arrogantere Christoph Lütgert hatte sie im NDR quasi zu einer eigenen Kunstform entwickelt, die sich epidemisch im deutschen Fernsehen ausgebreitet hat. Ich gebe zu Protokoll: ich hasse das als egomanische Selbstbespiegelung der Medienmacher*innen, von der guten Sache lenkt es (meistens) ab. Fast alle Konfliktlagen werden personalisiert, dahinter liegende politische und ökonomische Strukturen werden so – oft – mehr verborgen als freigelegt.

In der Arte-Reportage über den Häuser- und Mieter*innen*kampf in Barcelona wird wohltuend darauf – auf die Presenter, nicht die Personalisierung – verzichtet, sie wird dadurch aber keinen Deut weniger informativ. Während Istanbul von seinem einstigen Bürgermeister Erdogan massiv bedrängt und von seiner globalen Vernetzung abgeschnitten wird, kämpft Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau mit ihren Bürger*inne*n gegen das Bündnis des neoliberalen von einer konservativen korrupten Clique regierten Zentralstaats mit dem globalen Immobilienbusiness.

Öffentlich-rechtliches Trash-TV

Von , am Freitag, 17. März 2017

Ende dieses Monats kommt die Umstellung von DVB-T auf DVB-T2. Die gebührenfreie technische Zusendung von TV-Programmen gilt – nach einer dreimonatigen Karenzzeit – dann nur noch für öffentliche-rechtliche Sender, für die wir bereits unsere monatliche Haushaltsabgabe von gut 17 Euro bezahlen. Ein großer Programmverlust wird das nicht. Um die „2 Broke Girls“ von Pro7 ist es ein bisschen schade, war ’ne schöne Zeit. Vielleicht sehen wir uns online wieder.
Umso empfindlicher reagiere ich, wenn unsere teuer bezahlten ARD und ZDF mit ihren Nebensendern uns als Revanche mit Müll vollsenden.
So fällt aktuell auf, dass die ARD die personalaufwendige 17-Uhr-Tagesschau gerne ausfallen lässt, um uns mit billigem und langatmigen Wintersport zu belästigen.
Und was das ZDF sich mit der „Goldenen Kamera“ geleistet hat, und beide sich mit allen möglichen privaten Preisverleihungen leisten ….. immerhin schämen sie sich so dafür, dass sie alle möglichen Einzelheiten dieser korruptiven Geschäftsbeziehungen vor uns geheim zu halten versuchen. Dank an Boris Rosenkranz und uebermedien.de, die sich für diesen Schrott so viel Recherchearbeit gemacht und seinen Text voll online gestellt haben.
Wenn es irgendwo in diesem Land noch demokratische Mediengesetzgebung geben sollte: hier wäre eine dankbare Aufgabe, mit solcher Verhöhnung der haushaltsabgabezahlenden Öffentlichkeit Schluss zu machen.

Nachtrag: unsere teuren Sender wären ihr Geld wert, wenn ein beeindruckendes Plädoyer gegen (linken) Weltuntergangspessimismus wie hier von Franziska Schutzbach, in Zürich als Rede gehalten und in den Blättern gedruckt, von ihnen in eine essayistische Bild- und Filmsprache übersetzt würde. Solche Fähigkeiten hat es alle beim TV mal gegeben, aber sie lassen sie aussterben.

Lob der LeMonde diplomatique

Von , am Montag, 13. März 2017

Seit es sie in deutscher Sprache gibt, profitiere ich von dieser Monatszeitung. Mir war in der Schule Französisch-Unterricht nicht vergönnt, ich wurde stattdessen sinn- und nutzlos mit Latein gequält. So öffnete sich für mich das Fenster zur Welt erst, als die taz begann, die LMd in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Immer am 2. Freitag im Monat. Das ist von Bedeutung, weil sie dann nur 2,50 kostet, als taz-Beilage. Im Einzelverkauf danach ist sie teuerer, und zwar sogar als Download: 4,20.

Warum öffnete sich ein Fenster zur Welt? Während deutsche Medien, wenn sie über Internationales berichten, in der Regel eine Personengeschichte wählen, weil sie meinen, ihr Publikum sei sonst zu doof für solche Themen, Weiterlesen

Keine Panik – nur ein klitzekleiner Atomunfall in Norwegen

Von , am Donnerstag, 9. März 2017

Zuviel Information würde uns nur unnötig verunsichern. Wenn wir für so doof gehalten werden, werden wir erst richtig aggressiv, oder? In Norwegen gabs eine Panne in einem AKW. Danach wurde sogar eine radioaktive Wolke über Europa gemessen. Also wurden wir lieber mal überhaupt nicht informiert. Wie immer kommt irgendwann trotzdem alles raus: hier berichtet Detlef zum Winkel auf Telepolis.

Der Potemkinsche Gewerkschafter

Von , am Donnerstag, 9. März 2017

Wenn Maischberger, Frank Plasberg oder gar Anne Will einen Scharfmacher von rechts in Sachen Innere Sicherheit, Ausländerrecht oder Datenschutz brauchen, ist Rainer Wendt ein gerne gesehener Talkshowgast. Mit Formulierungen wie „Die deutsche Polizei ist es einfach leid“…egal ob dann kommt, dass es zu wenig Videoüberwachung, zuwenig Abschiebungen, zu lasche Gesetze gebe, fordert die Abschaffung jeder Privatheit im Internet und in der Regel verkauft er seine persönlichen Ansichten als Vorsitzender der „Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund“ als Meinung aller Polizisten. Es sei denn, Jürgen Trittin, Heribert Prantl oder andere kritische Mitdiskutanten stellen klar, dass er lediglich für eine kleine Minderheit der organisierten Polizeibeamten spricht. Die DPolG kommt etwa in Nordrhein-Westfalen nur auf einen kleinen Bruchteil der Stimmen bei Personalratswahlen und ist im Grunde keine Gewerkschaft, sondern eine Fachgruppe der Standesorganisation Beamtenbund. Sie tritt – anders als die Gewerkschaft der Polizei im DGB – traditionell gegen Streikrecht und gegen Lockerungen und Reformen des Beamtenrechts ein.

Weil aber viele fachfremde Journalisten den Etikettenschwindel, der bereits im Namen der DPolG steckt, nicht durchschauen Weiterlesen

Zum 80. Geburtstag – Danke Peter Rüchel, dir verdanke ich mein Leben!

Von , am Dienstag, 7. März 2017

Essen / Köln – Es gibt Menschen, die verändern das Leben anderer Menschen. Peter Rüchel ist so einer. Der ehemalige Leiter des WDR Jugendprogramms hat auf mein Leben einen Einfluß gehabt, der wahrscheinlich nur von dem meiner Eltern noch übertroffen wurde. Er war tatsächlich der einzige Erziehungsberechtigte, den ich mir selber ausgesucht habe. Weiterlesen

Selbstauflösung der Medien – sie werden Parteien

Von , am Donnerstag, 2. März 2017

Eine steile These von Wolfgang Michal, aber, wie meistens bei ihm, gut beobachtet.
Ich möchte ergänzen: als Medienkonzern hat man den Vorteil, die Vorschriften des Parteiengesetzes zur innerparteilichen Demokratie, die also auf innerbetriebliche Demokratie in Verlags-, Sender- und IT-Konzernen fortzuschreiben wären, souverän ignorieren zu können. Das ist für die nerdigen Welterlöser eine notwendige Bedingung. Dass der Staat zum Konzern umgebaut werden soll, darin sind sie sich mit Trump einig. Wer soll sie aufhalten?

Telepolis: Leitmedien – Ostafrika-Hungersnot – „Verfassungsschutz“

Von , am Donnerstag, 2. März 2017

Dem von mir sehr geschätzten Onlinemagazin Telepolis gelang gestern – journalistisch gesehen – wieder ein sehr guter Tag. Hier meine Kostprobeempfehlungen:
Paul Schreyer über die Angst unserer „Leitmedien“ vor …. uns.
Dirk Eckert über menschengemachte Hungersnot ist Ostafrika (Südsudan, Somalia, Ähtiopien, Nordkenia).
Ulrike Heitmüller im Interview mit einem Ex-„Verfassungsschützer“, darüber, was in der deutschen „Intelligence“ alles schiefläuft und einem sehr interessanten Link zu einer „NSU-Leak“-Seite.
Dahinter verbirgt sich die Autorenanwerbung und Agandasetting-Intelligenz des Chefredakteurs Florian Rötzer, der nach meiner Wahrnehmung im 24/7-Modus arbeitet. Kürzlich musste er einen Nachruf über einen verstorbenen Mitgründer schreiben, und erzählte dort ein bisschen über die Geschichte von Telepolis.

Yücel – Erdogans wenig beachtetes Kalkül

Von , am Mittwoch, 1. März 2017

Jürgen Gottschlich hat schon mehrmals in der taz auf die paranoide Panik des Erdogan-Regimes hingewiesen, das Ermächtigungs-Referendum für Erdogan unter Umständen verlieren zu können. Diese Paranoia ist nicht unberechenbar. Einzige Voraussetzung dafür ist, sich wirklich für die Türkei zu interessieren. Da Millionen von uns ihre Herkunft in diesem Land haben, sollte das nicht zuviel verlangt sein.
Update 2.3.: hier ein ergänzender Telepolis-Bericht zum Zusammenhang von Wirtschaftskrise, Referendum und AKP-Kleptokratie-Panik

Ein deutsch-türkischer Journalist, arbeitend für die der größten deutschen Regierungspartei sehr nahestehenden „Welt“, ist für Erdogan nicht wirklich wichtig, aber ein berechenbares Objekt. Weiterlesen

NRW & Bertelsmann

Von , am Donnerstag, 23. Februar 2017

Als Helmut Kohls CDU in den 80ern in Westdeutschland das Privatfernsehen durchsetzte und förderte, um dem im öffentlich-rechtlichen TV identifizierten „Rotfunk“ etwas entgegen zu setzen, suchten auch die großindustrieerfahrenen Sozialdemokraten nach Ankern in der neu entstehenden Branche. So entstanden neue Klischees: Kohlfreund Leo Kirch mit seiner Pro7Sat1-Gruppe war der Böse, und RTL/Bertelsmann (die Konzernmutter mit Sitz in Gütersloh!) waren die Guten. Insbesondere Wolfgang Clement, zunächst als Staatskanzlei-Chef von Johannes Raus, dann als sein Brutus und Nachfolger, liess sich nicht lumpen, wenn es um Einsatz für diese Lobby ging.

Konzernstrategien und ihre Ausdifferenzierungen haben die NRW-Sozialdemokraten dabei nie näher interessiert – Bertelsmann-Hauptaktionärin Liz Mohn ist, ebenso wie Friede Springer, eine „beste Freundin“ der Bundeskanzlerin. Der Aufwand an Zeit und Intelligenz für die SPD wäre zu hoch gewesen. Weiterlesen