Lokomotive China / Wer ist Macron?

Von , am Dienstag, 18. April 2017

Wolfgang Pomrehn versorgt uns schon viele Jahre über seine sparsames Zeilengeld zahlenden Arbeitgeber*innen telepolis und Junge Welt über volkswirtschaftliche Fundamentaldaten Chinas. Allerdings konnte weder er noch sonst jemand bisher erklären, wie ein nicht demokratisches und insbesondere in seiner Spitze extrem korruptes System in einem riesigen kaum lenkbaren Land ökonomisch doch so effizient gesteuert werden kann, und nebenbei jetzt sogar zum Weltmeister im Klimaschutz avancieren könnte.

So sehr deutsche Medien das Präsidialsystem der Türkei und den dortigen Machthaber dämonisieren, so sehr lieben sie das Gleiche in Frankreich, jedenfalls wenn es Emmanuel Macron wählen sollte. Hier ist es Bernhard Schmid, der uns seit Jahren über telepolis und Jungle World in einer angenehm differenzierten Tonlage auf dem Laufenden hält: hier über Macron.
Meine von mir sehr geschätzte Ex-Bloggerinnenkollegin Annika Joeres porträtiert in der Zeit den linken Macron-Konkurrenten Jean-Luc Melenchon.
Update 19.4.: Eine „böse Überraschung“ bei Frankreichs Präsidentenwahl befürchtet carta-Autor und hauptberuflicher Campaigner Mario Münster.

Radiokunst, aussterbende

Von , am Montag, 17. April 2017

Ich hatte hier bereits mehrmals die DLF-Sendung „Sonntagsspaziergang“ gelobt. Heute soll einer ihrer freien Mitarbeiter eine besondere Erwähnung finden. Franz Nussbaum kenne ich persönlich nicht. Suchmaschinen-Ergebnisse zu ihm sind sparsam, ein Preis der Bundeswehrreservisten könnte bedeuten, dass wir politisch oft auseinanderliegen.
Grund meiner Erwähnung: zum einen gelang es ihm vor einigen Jahren, mir in einer seiner Reportagen Duft und Aroma eines gute Espresso durchs Radio zu übertragen. Das war schon allein bemerkenswert. Hinzu kommt seine scheinbar radiountauglich „zu alte“ Stimme. Im Formatradio unserer Tage werden solche Autoren durch professionelle Sprecher ersetzt. Nichts gegen sie und ihre Handwerkskunst. Der Nussbaum-Stimme ist jedoch das Engagement des Autors für seine Sache anzuhören – Radioprogrammdirektoren hassen das wie die Pest und haben es bereits weitgehend ausgerottet.
Nussbaum nahm uns heute, im DLF-Osterspaziergang, mit auf die Reise Albrecht Dürers von Nürnberg nach Norditalien. Für so ein Thema hätte ich mich normal nicht interessiert. Heute habe ich zugehört.

Cuxhaven – Izmir

Von , am Sonntag, 16. April 2017

Zwei Städte, denen von ihrer inländischen Konkurrenz übel mitgespielt wird.
Warum liegt Deutschlands größter Seehafen über 100 km flussaufwärts im Landesinnern? Das ist Hamburg doch egal. Auch das Ausbaggern der Elbe; die Ablagerung von zahlreichen unbekannten Schadstoffen auf dem Elbegrund. Cuxhaven an der Elbmündung hätte sich geografisch für einen Seehafen angeboten, es hatte Hamburg sogar den realen – nicht die gleichnamige Kirmes am St.Pauli-Elbufer – Fischmarkt abspenstig gemacht. Mittlerweile ist das ebenfalls krisengeschüttelte Bremerhaven hier marktführend. Aber dass die Leute in Cuxhaven sich die Giftabfälle nicht von Hamburg in ihr Watt kippen lassen wollen, dafür kann man Verständnis entwickeln. Landes- und Kommunalpolitiker*innen wollen den Ball möglich flachhalten, damit nicht unnötige Unruhe in der Bevölkerung und unter potenziellen Tourist*inn*en befeuert wird. Obwohl es in Hamburg eine große Blase angeblich hochqualifizierter Medien gibt, musste eine Redaktion aus Frankfurt/M. einen Volontär den Stein ins Wasser werfen lassen. Ob die im Norden das totgeschwiegen kriegen? Kaum zu glauben. Aber Olaf Scholz wird Cuxhaven sicherlich ein Angebot machen, das es nicht ablehnen kann.

Eine ganz andere blühende Stadt, vielleicht die mit der höchsten Lebensqualität in der Türkei ist Izmir, im Schatten unserer deutschen Wahrnehmung gedeiht es vielleicht umso besser – unabhängig vom Ausgang des heutigen Referendums. Jürgen Gottschlich (taz) scheint es dort jedenfalls gefallen zu haben.

Bärbel Höhn erklärt den Korea-Konflikt

Von , am Samstag, 15. April 2017

Welches politische Talent den Grünen mit der zukünftigen Ruheständlerin Bärbel Höhn verlorengeht, hat sie heute noch mal eindrucksvoll demonstriert. Der DLF interviewte sie zum Korea-Konflikt. Ich wusste offengestanden gar nicht, dass sie sich in der deutsch-koreanischen Parlamentarier engagiert hat. Das verrät aber schon ein verborgenes Talent: sie geht nicht mit allem, was sie tut, auf den öffentlichen Markt, um sich wichtigzutun. Sie hat das Format darauf verzichten zu können.

Das ist eine seltene Politiker*innen*eigenschaft, Weiterlesen

Rohstoffkriminalität

Von , am Samstag, 15. April 2017

In der Rohstoffpolitik sind Demokratie und Rechtsstaat abgemeldet. Die Räder, die hier gedreht werden, sind zu gross, um sie solchen Unberechenbarkeiten auszusetzen. Wir kleinen Wichte können schon froh sein, wenn der Kampf um Marktanteile – „Markt?“ Haben wir gelacht … – nicht als Krieg ausgetragen wird. In Syrien, Irak, Afghanistan wären sie froh darüber.
Selten genug wird darüber transparent berichtet, denn Transparenz ist in diesem Geschäft eine übel subversive Waffe. Telepolis tat es gestern mit einer Analyse zum Stand der Fracking-Strategien und zu einem über Italien geplanten Gaspipeline-Projekt.

Geiseln von Profit und Terrorkampf

Von , am Samstag, 15. April 2017

Beim Dortmunder Anschlag vom vergangenen Dienstag wurden die Spieler der Borussia, Menschen die sonst ständig unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, zu ganz gewöhnlichen Opfern eines Terroranschlags mit allen damit verbundenen Folgen. Schon von Wohnungseinbrüchen wissen wir, dass die Opfer oft monatelang traumatisiert sind. Bei Terrorangriffen lösen Explosionsknall, Ausnahmesituation und die Erkenntnis über die Folgen – auch nicht eingetretene – bei den unmittelbar Betroffenen wie auch bei Zeugen ein Trauma aus. Deshalb werden die Opfer nachhaltig psychologisch betreut, um ihnen zu ermöglichen, das Ereignis zu verkraften. Werden solche Erlebnisse verdrängt, kann es zu langfristigen psychischen Irritationen oder Störungen kommen. Schlaflosigkeit, Alpträume, einem Burn-Out ähnliche Symptome und letztich Arbeitsunfähigkeit sind möglich. Wichtig sind Gespräche, gemeinsame Aufarbeitung, psychologischer Rat in einem geschützten Raum ohne Druck. Ohne Druck bedeutet auch, selbst entscheiden zu können, wann man an den Ort des erlittenen Anschlags zurückkehren möchte. Auch seelsorgerische Betreuung kann für manche Betroffenen eine wichtige Hilfe sein. Für nichts davon wurde den Spielern von Borussia Dortmund genügend Zeit gelassen.

Berichte von Spielern, dass ihnen erst bei der Heimkehr zu ihrer Familie klar wurde, Weiterlesen

Europa – Istanbul

Von , am Freitag, 14. April 2017

Im christlich-fundamentalistischen Deutschland ist heute alles verboten, sogar Zeitungen. Zum Glück hat uns „der Amerikaner“ mit seiner brutalen Armee vieles Gutes gebracht, 1945 die Demokratie, in den 90ern das Internet. Dort können Sie nun, da Sie ihn sicher nicht gehört haben, den Essay von Thomas Lehr über Europa und die EU lesen. Lehr hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und die Geschichte gibt ihm gute Gründe dafür.
Morgen um 11 gibts auf dem gleichen Sender Deutschlandfunk in der regelmässig gut gearbeiteten Reihe „Gesichter Europas“ eine Sendung von Susanne Güsten über Istanbul. Können Sie auch zeitversetzt hören oder lesen – sie ist es gewiss wert.

BSC 2:5 – es hätte auch anders laufen können

Von , am Donnerstag, 13. April 2017

Zum zweiten Mal in dieser Saison betrat ich zu einem Regionalligaspiel des Bonner SC den mit teurem Flutlicht ausgestatteten Sportpark Nord. In der Hinrunde beim 2:2 gegen den favorisierten BVB II hatte ich bereits eine überzeugende spielerische, strategische und kämpferische Leistung gesehen. Davon waren auch heute Elemente zu erkennen, die aber leichtfertig verschleudert wurden. Immerhin war das fussballerisch attraktiv anzuschauen, allerdings in erster Linie für die Gäste aus Oberhausen.
Man muss dazu wissen: RW Oberhausen gibt es nur deswegen noch, Weiterlesen

Abgang der Landwirtschaft

Von , am Donnerstag, 13. April 2017

„Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“. Was sollen die Kälber aber von deutschen Bauern halten, die sich nun schon seit vielen Jahrzehnten eine Verbandsführung zusammenwählten, die konsequent und radikal die Interessen agrarindustrieller Großstrukturen vertraten und durchsetzten? Folge: der Bauernberuf stirbt aus, wird bald durch Roboter ersetzt. Eine eindrucksvolle Bestandsaufnahme dieser Entwicklung lieferte vorgestern dieses Feature des Deutschlandradios.
Ergebnis: die Bauern sind abgemeldet. Die Macht über unsere Ernährung haben die Handelskonzerne übernommen, sie bestimmen die „terms of trade“. Es sind so wenige, dass man sie aufzählen kann: Aldi, Lidl, Edeka, Rewe.

Gnadenlos gegen junge Millionäre

Von , am Mittwoch, 12. April 2017

Angenommen, gestern trachtete Ihnen jemand nach dem Leben, Glassplitter flogen Ihnen um die Ohren, ein Arbeitskollege von Ihnen verletzte sich dabei ernsthaft. Was für einen Fussball würden sie 20 Stunden später auf den Platz bringen?
Den Gedanken machten sich einige Großschnauzen in meiner Fussballkneipe heute nicht, die über die zweifellos sichtbaren Unzulänglichkeiten des BVB, vor allem in der 1. Halbzeit, lästerten. Sie haben ja auch sonst nix, ausser ihrem Pils.
Moralisch hat sich die Mannschaft des BVB in der 2. Halbzeit auf jeden Fall rehabilitiert. Ein Unentschieden war möglich, die eingewechselten Pulisic und Sahin brachten exakt die erforderliche Mentalität für eine erkämpfte spielerische Wende mit, und bereiteten ein Tor beim 2:3 gemeinsam vor. Aber der Gegner AS Monaco war heute keine Wald-und-Wiesen-Mannschaft, sondern der französische Tabellenführer.
Die 19,20-25-jährigen Millionäre in den kurzen Hosen, die in jungen Jahren schon teure Spielerberater, Spielerfrauen, Eltern und andere Verwandte ernähren und ihnen Arbeit geben müssen, bestimmen die Spielregeln nicht. Sondern die mafiösen Milliardäre, denen TV-Sender, Ligen, Fussballorganisationen und Vereine gehören. Es war anständig vom Murdoch-Angestellten Dittmann (Sky), der vor dem Spiel für eine Verlegung um wenigstens eine Woche plädierte. Aber das hätte den Rahmenterminkalender seiner Bosse so durchgeschüttelt, neenee, was das alles wieder gekostet hätte.
Die Dortmunder sollten es als Ehre ansehen, dass sie mit solchen Spielregeln Probleme haben. Als Menschen macht sie das bedeutender, als es eine Halbfinalteilnahme in der Gazprom-Champions-League könnte. Und die ist zwar nicht mehr wahrscheinlich; aber möglich ist sie noch.

Update 13.4.: Eine gut informierte Analyse zur Lage in der BVB-Fanszene liefert Freddie Röckenhaus in der SZ.
Update 14.4.: weitere relevante Informationen in diesem taz-Bericht von Sebastian Weiermann.