Schlagwort-Archive: Arend

documenta – „Eine geschlossene Gesellschaft“

Von , am Dienstag, 22. August 2017

Interview von Ingo Arend

Christina Dimitriadis kritisiert die problematische Inszenierung der Ausstellung im armen Athen und die unpassende Vokabel „Unlearning“.

Frau Dimitriadis, kürzlich wurde bekannt, dass die griechische Regierung die Wasserwerke von Athen und Thessaloniki privatisiert. Was haben Sie bei der Nachricht gedacht?

Das ist schrecklich. Wasser ist knapp und sowieso ein großes Problem in Griechenland. Denken Sie an die Inseln, wo es gar keins gibt. Wasser ist sehr teuer. Die Menschen haben Angst, dass es noch teurer wird. Natürlich werden die armen Leute darunter leiden. Viele können jetzt schon ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Deswegen gibt es inzwischen großen Widerstand dagegen.

Heißt „Von Athen lernen“, privatisieren lernen?

Ich verstehe den Sarkasmus. Aber für mich ging es bei der documenta nie um die Frage, ob Kunst wirklich etwas praktisch an den Verhältnissen ändern kann. Sondern immer mehr darum, ob sie eine Brücke hätte bauen können zwischen zwei Ländern, zwischen denen die Feindseligkeit in den letzten zehn Jahren dieser sogenannten griechischen Krise geradezu explodiert ist. Daraus ist leider nichts geworden.

Inwiefern?

Eine Kunstausstellung in einem krisengebeutelten Land zu machen, ist keine einfache Sache, klar. Es war auch ein großes Risiko, zumal in einem Land, das man wenig kennt. Weiterlesen

Die Gesellschaft des Spektakels

Von , am Samstag, 29. Juli 2017

Nein, das ist kein Titel von Adorno. Der Autor des gleichnamigen Werkes war Guy Debord, es erschien vor 50 Jahren. Sein deutscher Verleger Klaus Bittermannn, in seiner Freizeit BVB-Fan, widmete ihm heute in der Jungen Welt den besten Text des Tages. Die Subversivität des Spazierens begegnet uns hier wieder. Ich würde gerne eine Verfilmung dieses Lebens sehen; ich glaube, sie müsste in schwarz-weiß sein.
So beeindruckend die inhaltliche und sprachliche Radikalität von Bittermann und Debord ist, so unerbittlich realitätsorientiert und vernünftig argumentiert Albrecht von Lucke „Die neue Linke und die alte Gewaltfrage„. In einem wichtigen Argument stimme ich ihm besonders zu: Grund- und Menschenrechte, und seien sie auch noch so „bürgerlich“, sind kein strategisches oder taktisches Mittel zur Erreichung höherer Ziele, sondern sind selbst ein Zweck und Ziel. Türkische Oppositionelle verstehen das derzeit besonders gut. Wir dagegen müssen uns öfter daran erinnern.
Update 31.7.: Zu unserer Wahrnehmung von Gewalt weitere Hinweise von Charlotte Wiedemann.
Weitere bemerkenswerte Texte in der Jungen Welt:
Jörg Kronauer verdeutlicht, wie auch gestern schon Christoph Marischka auf telepolis, dass Uschi es nicht lassen kann: uns, der Öffentlichkeit, eine Erzählung weiszumachen, die von der brutalen Wirklichkeit von Kriegsführung und Großmachtstreben ablenken soll. Thomas Pany analysiert heute, wie Macron versucht, die europäische Pole Position in der Großmachtkonkurrenz zu erobern. By the way: was macht eigentlich Pulse of Europe? Antwort: nicht mehr wöchentlich, sondern „jeden ersten Sonntag im Monat“ soll demonstriert werden. Der Augusttermin in Köln „entfällt“ allerdings.
Reinhard Lauterbach, Osteuropa-Korrespondent der Jungen Welt, beeindruckt durch seine eigenständige Position. Heute erinnert er an die stalinistische Repression vor 80 Jahren; kaum zu glauben, wie dieses Land in diesem Zustand wenige Jahre später in der Lage war im „Großen Vaterländischen Krieg“ die deutschen Faschisten zurückzuschlagen.
Noch ein Hinweis für Trump-Analyst*inn*en: mehrere Besprechungen zum neuen Buch der Kanadierin Naomi Klein: von Ingo Arend, Arno Widmann und Lalon Sander. Positiv verhaltensauffällig in der Tagesberichterstattung ist für mich FAZ-Korrespondentin Frauke Steffens, besonders bemerkenswert ihre Würdigung der weiblichen Widerständlerinnen im Senat.

Sorgenfalten des Kapitalismus

Von , am Donnerstag, 8. Juni 2017

von Ingo Arend

Politische Kunst der Documenta – in Athen will sie neoliberale Politik am Schauplatz der Austeritätspolitik kritisieren. Sie verliert sich dabei in Allgemeinplätzen.

„Documenta is the Botox of Capitalism“. Die Umhängetasche mit diesem Spruch, mit der ein Biennale-Aktivist zur Eröffnung über die Documenta 14 in Athen flanierte, war natürlich eine populistische Provokation. Ganz abwegig ist der böse Slogan indes nicht.
Viele, wenn auch nicht alle der derzeit fast 200 Biennalen auf der Welt verdanken sich politischen Instrumentalisierungen. Sie dienen dem Nation Building. Sie heizen die Spektakelkultur an, oder sie verdanken ihre Existenz dem lokalen Stadtmarketing. Und auch die Schau in Hellas ließe sich als Geste kultureller Wiedergutmachung für die von der Austeritätspolitik Angela Merkels und Wolfgang Schäubles hinterlassenen Wunden lesen. Stammt doch der überwiegende Teil des Geldes, das die Documenta dort konjunkturfördernd ausgibt, von den deutschen Steuerzahlern.

Doch wenn man der Schau des Kurators Adam Szymczyk etwas nicht nachsagen kann, dann dass sie als Nervengift eines Systems dienen würde, das seinen Verfallsprozess kaschieren will. Dazu legt die Documenta die Finger zu sehr in die Wunden, die ein solches System lieber übertünchen würde. Die geballte Ladung der dort noch bis Mitte Juli gezeigten „political and social engaged art“ lässt die Documenta eher wie die künstlichen Sorgenfalten des Kapitalismus erscheinen. Denn irgendetwas geändert an der Krise in Griechenland hat die Schau nicht. Wenige Wochen nach der Eröffnung musste die linke Syriza-Regierung Weiterlesen

Überraschende Kunst – in Dubai

Von , am Dienstag, 21. März 2017

Wissen die arabischen Feudalherren, worauf sie sich einlassen? So eine „Herrscherfamilie“ kann ja ganz schön heterogen sein. Ex-Bonner Ingo Arend berichtet in der taz von einer Kunstmesse in Dubai, die Freiräume ausreizt, die in mancher Demokratie nicht ermöglicht werden.

Kultur gegen rechts?

Von , am Donnerstag, 9. Februar 2017

von Ingo Arend

Was tun gegen rechts? Über kaum eine Frage streitet der Kulturbetrieb derzeit leidenschaftlicher. Reicht es noch, so das stete Memento, Ausstellungen zu eröffnen, Festivals zu besuchen oder neue Paul-Auster-Romane zu lesen, wenn gerade Demokratie, Europa und Menschenrechte geschleift werden?

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans beschwor dieser Tage pathetisch den „Kairos-Moment“: Historische Aufgabe der Stunde sei es, so der sonst eher zurückhaltende Liebhaber des subkulturellen Faltenwurfs, die libertäre gegen die autoritäre Gesellschaftsordnung zu verteidigen. Muss die Kultur also jetzt Aufstehen gegen rechts?

Nichts gegen Aktionen wie die „EcoFavela“, mit der sich das Hamburger Kampnagel-Theater vor zwei Jahren zur temporären Flüchtlingsunterkunft umfunktionierte. Wie wohl sie ästhetisch hinter Christoph Schlingensiefs „Ausländer raus“-Container zurückfiel. 2000 hatte der Regisseur in Wien Asylbewerber in einen Big Brother-Container gesperrt und das Publikum über deren Schicksal entscheiden lassen. Dennoch ist vor dem Trugschluss zu warnen, Kunst und Kultur ließen sich als schnelle Einsatztruppe gegen den Rechtsruck einsetzen. Weiterlesen

Türkei

Von , am Donnerstag, 13. Oktober 2016

Es gibt ein neues ambitioniertes Magazin namens „Renk“, vorgestellt in der taz.
Ingo Arend treibt sich lieber in Istanbul als in Berlin rum. Das kann ich nachvollziehen. Hier sein aktueller Rumtreiber-Bericht aus der Kunstszene, die sich nach dem Putschversuch in einem Kontrollvakuum freier bewegen kann als gedacht.
Diesen Eindruck macht auch eine vom Goethe-Institut mitinspirierte Initiative namens Actopolis, die sich an vielen Orten, u.a. in Ankara betätigt. Beeindruckende Bildsprache, auch aus dem Ruhrgebiet.
Lalon Sander erinnert an das Barbarentum des Weissen Mannes, der eben immer genau weiss, wovon er spricht.
Und der Slawe Trojanow versucht, zu befürchten ist: weitgehend vergeblich, uns Germanen die Sache mit der Angst noch mal zu erklären.

Ägäis-Inseln Samos & Lesbos: Flucht und Kunst verbindet

Von , am Mittwoch, 12. Oktober 2016

Vor einigen Wochen berichtete Ingo Arend in Deutschlandradio und taz von einem spannenden Kunstprojekt der solventen Schwarz-Foundation (nicht mit den Lidl-Eigentümern zu verwechseln) auf der griechischen Ägäis-Insel Samos. Erstaunlich, welche interessanten Initiativen die spannungsgeladene politische Situation auf Solitären wie den Ägäis-Inseln auszulösen vermag. Wie anders die Atmosphäre im Vergleich zum politischen Klima hierzulande, und das, obwohl die sozialen Probleme in Griechenland schon vor Ankunft der Flüchtlinge viel härter waren und sind als bei uns.
Ein Brennpunkt der Flüchtlingspolitik in Griechenland ist die Insel Lesbos, nördlich von Samos ähnlich nah vor der türkischen Westküste gelegen. Aus Molivos/Mithymna, einem der schönsten Orte der ganzen Ägäis, dessen auf Tourismus gebautes „Geschäftsmodell“ aktuell ökonomisch zusammengebrochen ist, wehren sich die Menschen jetzt ebenfalls gemeinsam, in diesem Fall mit klassischer Musik. In der FR berichtet Wolfgang Bauernfeind über das „Molyvos International Music Festival“.
Ich habe beide Inseln mehrmals für private Urlaube besucht, in den 80ern und 90ern. Einen Parlamentswahlkampf, es war der erste Wahlsieg von Andreas Papandreou/PASOK, erlebte ich als journalistischer Beobachter für die damalige Tageszeitung „Die Neue“ mit. Was daraus bis heute wurde, ist ein anderes Kapitel. Wer einmal auf Samos und/oder in Molivos/Lesbos war, wird es nie vergessen können. Die schönsten Bilder lagern auf der „Festplatte“ im Kopf. In Molivos hatte ich eindeutig das schönste aller Privatpensionszimmer, die ich jemals bewohnt habe. Wenn es Ihr Urlaub zulässt: fahren Sie hin! Die Gastgeber*innen werden es Ihnen herzlich danken, und Sie selbst werden lebenslange Erinnerungen mitnehmen.

Wir und der Moslem

Von , am Donnerstag, 22. September 2016

Hallo, jemand zuhause in Deutschland? Aufwachen. Der Moslem ist schon da, und er bzw. sie ist eine*r von uns. Nix gemerkt? Macht nix, tut nicht weh.
Angst vor Terror? Dann fahren Sie mal nach Beirut, wo mein Freund Ingo Arend gerade war. Da wissen die, was das ist. Unsere Angst hier ist jedenfalls was Anderes.
Und hier ist CSU-Scheuers „fussballspielender, ministrierender Senegalese“. Wie siehts aus mit Ihrer Angst, nach dem Lesen?
Die Nicht-Bekloppten sind immer noch in der Mehrheit und sind jetzt gezwungen, sich wieder stärker in der politischen Öffentlichkeit zu zeigen, meint Harald Welzer.