Schlagwort-Archive: Seeßlen

Lückenpresse im Kampf mit sich selbst

Von , am Montag, 6. November 2017

Stefan Niggemeier ist wohl deswegen einer der besten deutschen Medienjournalisten, weil er sich manchmal beängstigend hartnäckig in einen Streitgegenstand verbeissen kann. Jedenfalls wählt er sich keine Schwächere als Opfer, sondern aktuell den Verband Deutscher Zeitungsverleger mit dem Multimilllionär und Friede-Springer-Liebling Matthias Döpfner. Respekt und Kompliment!

Georg Seesslen benutzt – unnötigerweise – die Konstruktion einer „fiktiven Filmbesprechung“ in der Jungle World, um nicht dem Menschen sondern dem Systemphänomen Harvey Weinstein zu Leibe zu rücken. Seesslen, immer lesenswert und intellektuell bereichernd.

Friedrich Küppersbusch, Leser dieses Blogs, kommentierte im Deutschlandfunk den Streit zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichen Journalist*inn*en. Er selbst ist als für private wie öffentlich-rechtliche Sender dienstleistender selbstständiger Produzent sein eigener Chef und pflegt wie immer das offene Wort. Subtil bricht er eine Lanze für das, was er selbst macht, gesellschaftspolitische Themen so boulevardesk zu verpacken, dass sie auch von dümmsten TV-Glotzer*inne*n verstanden und – so die Hoffnung – nicht ausgeknipst werden.

Thematisch gut anschliessend an einen vielgelesenen Text von Roland Appel im Extradienst beschäftigt sich ein Interview der in der Netzgemeinde meinungsführenden Kolleg*inn*en von netzpolitik.org mit Frank Pasquale mit den notwendigen politischen Regulierungen der Konzernmonopole im Netz.

Rechtsverschiebung – und alle machen mit?

Von , am Dienstag, 22. August 2017

Umfragen und Medien sagen, der AfD-Anhang schmilze – allzu langsam – weg. Die Gefahr war nie, dass diese rechten Spinner an die Macht kommen. Die Gefahr ist, dass sie das komplette Diskursspektrum unserer Gesellschaft nach rechts verschieben und entmenschlichen. Was das betrifft, kann man ihnen den „Respekt“ nicht versagen, da sind Greis Gauland und Co. schon weit vorangekommen.
Nichts Geringeres als die angeblichen „Fake-News“-Bekämpfer der ARD-Tagesschau dokumentierten das gestern auf klassische Weise. Mit vollgeschiessenen Hosen, von den Rechten als Lügenpresse und Staatsrundfunk geziehen zu werden, wurde einer AfD-Pressekonferenz mit der zentralen Botschaft, das Grundrecht auf Asyl im Art. 16 des Grundgesetzes endgültig zu beseitigen, breiter Berichtsraum gegeben. Selbstverständlich wird dabei von Gauland kein Eiertanz zur Verharmlosung der Naziverbrechen ausgelassen: das Grundrecht sei „eine Überkompensation unserer schwierigen Vergangenheit in den zwölf Jahren“. Naziverbrechen und Holocaust heissen also jetzt niedlich „die-zwölf-Jahre“. Der Ausgewogenheit der Tagesschau-Berichterstattung diente dann ein unbekannter CDU-MdB, der sagte, dass man das nicht vorhabe, was die AfD da wolle. Erst in der 20-Uhr-Ausgabe wurde dann noch ein Satz der Linken-Vorsitzenden Kipping in den Bericht reingeschnitten.

Es wird hier exakt der Fehler wiederholt, den Michael Haller jüngst in seiner Untersuchung „‚Flüchtlingskrise‘ und Medien“ nachgewiesen hat: Weiterlesen

Talkshows / Jurist*inn*en / Linksradikale

Von , am Montag, 10. Juli 2017

Ich gucke keine Talkshows, ausser „Schulz&Böhmermann„. Ich lese auch keine Talkshow-Nachbesprechungen, ausser von Hans Hütt/FAZ. Georg Seesslen/taz hat aber keine Nachbesprechung geschrieben, sondern eine Analyse, wie die heutigen Talkshows unsere Demokratie untergraben.

In nichtöffentlichen Schiedsgerichten, wie sie die von unserer Bundesregierung und der EU propagierten „Freihandelsabkommen“ regelmässig vorsehen, können in einem einzigen Verfahren hunderte Millionen Steuergeld verbrannt werden. Nein, nicht verbrannt. Sie wandern aus unser aller Steuerkasse in die Kassen großer Anwaltskanzleien. Hier das Handelsblatt-Lehrstück, wie es zwischen der Bundesregierung Dobrindt und Toll Collect/Daimler/Telekom zugeht.

Meine Meinung zum Linksradikalismus habe ich hier bereits ausgedrückt. Bei aller Ablehnung muss man das, wenn man nicht dumm und hilflos bleiben will, verstehen lernen. Verstehen ist keine Bewertung, sondern kommt von Verstand. Den zu benutzen ist immer besser, als es zu lassen. Im diesem Sinne las ich heute Martin Kaul/taz und Rüdiger Suchsland/telepolis.

Politische Sprache

Von , am Sonntag, 4. Juni 2017

Wie die Rechten uns Demokrat*inn*en die Sprache stehlen, wozu immer zwei gehören, also auch wir, die sie sich wegnehmen lassen, erläutert Georg Seesslen in der taz. Sein Text sollte Pflicht für die wahlkämpfenden Parteien und deren Kampagnenagenturen sein.

Dazu zwei aktuelle Beispiele aus den Tagesnachrichten.
In bester Orwellscher Manier haben irgendwelche Rechte in der CDU die Klimaforscher*innen zu „moralischen Erpressern“ umdefiniert. Nun lachen Sie nicht über diese Absurdität! Es geht nicht ums argumentieren und überzeugen, sondern darum, das komplette Spektrum ernstzunehmender Diskussion nach rechts zu verschieben. Wir werden so an die Weltsicht Trumps und der AfD gewöhnt, als sei das was Normales. So wird dieser Blödsinn weniger bescheuert, als er im ersten Moment wirkt.

Wo das schon vor 25 Jahren geklappt hat, war die Asyldebatte. Heute erklärte ein sächsischer Landesinnenminister – bei Nachrichten aus diesem Bundesland staunt man, dass es den wirklich gibt – Flüchtlinge müssten weiter abgeschoben werden, weil sonst „das Asylsystem“ zusammenbreche. Hätte der Mann an einem inklusiven Schulunterricht teilgenommen, hätte er vielleicht erfahren, dass Asyl kein System ist, das ein Innenminister kreiert und verwaltet, sondern ein Grundrecht, das zu verteidigen er einen Amtseid geschworen hat. Aber das ist nicht nur für ihn zu anspruchsvoll, sondern war es schon für CDU, FDP und SPD 1993 – damals unter aktiver Mitwirkung eines gewissen Oskar Lafontaine – als sie den Art. 16 des Grundgesetzes sturmreif demolierten. Und glauben Sie nicht, dass es Herrn Lafontaine heute peinlich ist – im Gegenteil.

Eribon / Seesslen

Von , am Mittwoch, 19. April 2017

Didier Eribon (in der FAS) und Georg Seesslen (in der taz) machen sich Gedanken um die politische Begriffswelt, und sorgen sich, dass auch die gesellschaftliche Linke doof genug sein könnte, sich von der rhetorischen Strategie der Rechten überwältigen zu lassen.

Seesslen auf dem Weg zum Klassiker

Von , am Montag, 10. April 2017

„Es wird erheblich mehr erzählt, als es Wirklichkeiten gibt.“ Gleichzeitig wird am politischen Diskurs hierzulande bemängelt, dass es „keine große Erzählung“, neudeutsch: „Narrativ“ mehr gebe. Bei diesem Vortrag vom Georg Seesslen im Deutschlandfunk fühlte ich mich zu Beginn als Blogger therapeutisch erwischt, bekam kurz vor dem Mittelteil das Gefühl, jetzt überhebt er sich gleich an politischer Welterklärung, um im Schlussdrittel zu merken, dass er doch in erster Linie eine Spitzenkraft in der Dekonstruktion medialer Machtverhältnisse ist.

Rechte Demagogen rauben unsere Sprache – Seesslen

Von , am Samstag, 11. Februar 2017

Georg Seesslen habe ich hier schon oft gelobt. Ich freue mich für ihn als freischaffenden Essayisten von überragender Qualität, dass er mit Spiegel-online nun in hohem Alter seinen vermutlich bisher bestzahlenden Auftraggeber gefunden hat. Sein Text ist aber auch jeden Zeilencent wert. Er gehört ins Pflichtenheft des Grundstudiums für alle Kommunikationsfachleute und Menschen, die irgendwas mit Medien machen wollen.

Seesslen über Trump / Lachen über „Schwarze Null“ / wie wärs mit Journalismus?

Von , am Freitag, 20. Januar 2017

Georg Seesslen, in meinen Augen bester Essayist unter deutscher Sonne, hat ein Buch über Trump geschrieben. Und siehe da, neben seinen regelmässigen Arbeitgebern taz, Jungle World und DLF gibt jetzt sogar das FAZ-Feuilleton Texte bei ihm in Auftrag. Im Telepolis-Interview gibt es Auskunft über seine Trump-Sicht. Seine Berlusconi-Bezüge sind interessant und zutreffend – Trump ist zwar sehr US-amerikanisch, aber nicht nur. Das Problem, das er darstellt und repräsentiert, lässt sich in Europa nicht aussitzen. Ein Teil der herrschenden neoliberalen Klasse ist zum Bündnis mit Rassismus, Machismus und dem, was früher mal „Lumpenproletariat“ genannt wurde, entschlossen.
Ein Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung beschrieb im Deutschlandradio, wie der kluge Karl Marx die heutige strategische Lage – vielleicht – erfasst hätte.
Eine „Schwarze Null“ ist aus US-amerikanischer Sicht allenfalls Wolfgang Schäuble, und Ausweis für seinen lächerlichen Provinzialismus. Für die Politik einer Großmacht ist die Höhe der Schulden irrelevant – entscheidend ist Vertrauen in ihre Macht.

Die ganze Woche habe ich überlegt, was ich kluges zum allgemeinen „Fake-News“-Gequatsche schreiben könnte. Ausgeruhte kritische Einschätzungen gab es Weiterlesen

Politisches Prekariat VI / Vogelgrippe / Ahr-Rotwein

Von , am Donnerstag, 29. Dezember 2016

Eine geniale Ergänzung zu meiner Textreihe zum Problem „Politisches Prekariat“ fand ich im Freitag. Georg Seesslen veröffentlichte dort ein Glossar zur politischen Intrige. Die Namen der handelnden Personen muss sich jede/r dazudenken.
Hat Ihnen das Geflügel diese Weihnachten irgendwie anders geschmeckt? Dann können Sie reich werden, denn sie wären der erste Mensch, der den Grippevirus mit Zunge und Gaumen erkennen kann. Unsere industrielle Gefügelwirtschaft will an diesen Epidemien unschuldig bleiben, ist es aber nicht.
Wir in Bonn leben im Paradies, oder jedenfalls direkt daneben. Dort wächst Ahr-Rotwein, ein großes Geschenk für unsere Gesundheit, Wohlbefinden und Glück. Wenn Sie der FAZ-Reportage nachfahren wollen, empfehle ich folgende Abweichung: die dort gelobte Abfahrt nach Dernau erreichen Sie nur, wenn sie in Bonn den Venusberg erklimmen und von Ippendorf aus das idyllische „Ländchen“ durchqueren. Bequemer ist es unten rum: in zwei Fahrradstunden sind sie am Rhein entlang und von der Ahrmündung aus ahraufwärts in Sinzig um dort im Vieux Sinzig Mittagspause zu machen. Wenn Sie dann noch fahren können, gehts dann weiter am Fluss entlang, entweder mit dem Fahrrad oder der Bahn. Auto zuhauselassen versteht sich, es geht ja um Wein.

Seesslen / Jelinek 70

Von , am Donnerstag, 20. Oktober 2016

Wenige vereinigen Denkarbeit und Schreibkunst so gut wie Georg Seesslen. Wenn er das auch noch für ein taz-Honorar oder bisweilen auch für eins von der Jungle World tut, dann ist das wahre Großzügigkeit. Schon lange frage ich mich, wovon der Mann dann wohl lebt. Vielleicht von den Radiofeatures?
Wenn ich mir Schreibvorbilder vorstelle, dann wäre es eine Mischung aus Georg Seesslen, Günter Bannas und Ulrich Horn, mit einer großzügigen Prise Silke Burmester. A propos, was macht die eigentlich? Ihr Buch ist fertig. Ich vermisse sie.
Elfriede Jelinek dagegen kann für mich kein Vorbild sein. Ich wollte ihr Leben als eine Voraussetzung für ihre Kunst in Österreich (!) lieber nicht leben. Dass sie schon 70 wird, erinnert einen brutal daran, wie wenig Zeit einem selbst noch bleibt 😉