Schlagwort-Archive: Sibylle Berg

Sibylle Berg – ich verneige mich

Von , am Sonntag, 16. Juli 2017

Dass Sibylle Berg klasse schreiben kann, ist allgemein bekannt und bisweilen preisgekrönt. Heute ist sie für mich zusätzlich die politische Durchblickerin des Tages.

Politmagazin des Tages ist – mal wieder – telepolis.
Ein pensionierter Richter, die haben Zeit und schreiben gerne, Peter Vonnahme schreibt, was Martin Schulz jetzt tun müsste, aber nicht tun wird.
Wolfgang Pomrehn macht auf einen gefährlichen Konflikt zwischen Indien und China aufmerksam. Beide sind Atommächte. Und der rechtshinduistische Regierung Modi fehlt es ausserdem an deeskalierender politischer Erfahrung. Die können nur Eskalation bis hin zum Faschismus.
Thomas Moser, hier schon oft genug gelobt, wirft seinen Schreibscheinwerfer auf den hessischen NSU-Mord. Dort will das Landesamt für „Verfassungsschutz“ eine besonders dicke Grabplatte auf alle Akten legen. Was darin gefunden würde, würde wohl noch unsere Ur-Urenkel zu gefährlichen Revolutionär*innen werden lassen.
Bei heise-online findet sich ausserdem diese spannende Betrachtung der Internetzensurpolitik in China, mglw. auch unsere Zukunft?

uebermedien.de hat heute zwei Beiträge seiner Macher paywallfrei gestellt.
Stefan Niggemeier analysiert die differenzierte Berichterstattung von BILD zum G20-Gipfel in Hamburg. Niggemeier hatte einst schon den bildblog mitbegründet.
Sein Kollege Boris Rosenkranz hat herausgefunden, was Trump nach Meinung der deutschen Qualitäts-Yellowpress zu Madame Macron hätte sagen müssen.

Die Jungfrauen werden euch auslachen

Von , am Samstag, 27. Mai 2017

Heute ist Pokalfinale. Wenn der BVB es gewinnt, was nicht so sicher ist, wie alle glauben, hat seine Führung ein Problem. Sie muss der Öffentlichkeit erklären, warum sie den Trainer trotzdem rausschmeisst und wie es so weit kommen konnte (Zitat Claudio Catuogno/SZ): „Es ist ein ungeheuerer, im Kern auch erstaunlich unsouveräner Vorwurf, der beim BVB die Runde macht: dass Tuchel den Anschlag instrumentalisiert habe, um sich auf Kosten seiner Chefs als Gutmensch und Spielerversteher zu profilieren. Das muss man erst mal denken von einem, der nur mit Glück unversehrt blieb – und der das Team dann so beieinanderhielt, dass es kurz darauf im Pokalhalbfinale die Bayern besiegte.“

Ohne Absicht öffnet der SZ-Sportredakteur hier den Blick ins Innere des konservativen deutschen Bürgers, der BVB-Boss Watzke nach Selbstauskunft ist. Der Andere, und sei er auch noch so gut, will mir von meinem hart Erarbeiteten was wegnehmen, das kann der von den Medien ausgeleuchtete genial-wahnsinnige Trainer sein, der faule Grieche, oder der massenhafte Flüchtling oder sogar unser bester Freund, der mit uns um den Weltmarkt und die Weltherrschaft konkurrierende Trump. Das ist die Leitkultur, der der so engagierte Bundesinnenminister eine Stimme gibt und auf der seine vorgesetzte Bundeskanzlerin surft, und der zu widersprechen sich die SPD bis heute nicht traut.

Jeremy Corbyn dagegen hat seine Sprache gefunden und steigt in den Umfragen. Doch am besten von allen schreibt die verehrte Sibylle Berg die Worte zum Wochenende, an alle Massenmörder, mehrheitliche männliche, dieser Welt: die Jungfrauen werden Euch auslachen, in der Hölle.

Hättest Du doch geschwiegen ….

Von , am Sonntag, 9. April 2017

….wärst Du ein Weiser geblieben, sagte schon mein Lateinlehrer im Ruhrgebiet der 70er Jahre. In den 90ern im Vorzimmer eines Fraktionsvorsitzenden in Regierungskoalition übte ich 5 Jahre, zu einem scheissfreundlichen BILD-Reporter genauso scheissfreundlich zu sein wie er, und mit vielen netten Worten absolut nichts interessant-Zitierbares zu sagen. Ich habe es geschafft.
Jakob Augstein ist daran – Schweigen oder sprechend mal nichts sagen – fulminant gescheitert. Seinen Streit mit Petra Reski habe ich hier schon erwähnt. Andreas Rossmann berichtete nun erneut in der FAZ, wie Augstein das Problem nicht eindämmt und löst, sondern eskaliert. Ganz wie die herrschende Politik, die er doch oft selbst so treffend kritisiert. Vielleicht keine bessere politische Analystin, aber die bessere Schreiberin: Sibylle Berg.

Schulz

Von , am Samstag, 28. Januar 2017

Ist es nun eine einschneidende politische Wende, die diese Person verkörpert, oder nur ein umgefallener Sack Reis? Ich habe diese Woche Letzteres geglaubt. Das Umfragenstrohfeuer wird überbewertet, die Umfrager sagen in Interviews selbst gebetsmühlenartig, dass es sich dabei „nur um eine Momentaufnahme“ handelt, die für das publizistische Marketing ihrer Firma aber immer sehr wertvoll ist.
Besonders lächerlich machen sich die „Leitmedien“, insbesondere die unter ihnen, die längst als sinkende Tanker identifiziert sind, wenn sie dieses Geschehen offenbar selbst als Nabel der Welt wahrnehmen. Immer weiter weg bewegen sie sich damit von uns und unserem Alltag, in ihren Berliner und Hamburger Raumschiffen.
Dann fand sich jedoch 1 Publizist, der langjährig und mehrmals für die SPD gearbeitet hat, Frank Stauss, auf jeden Fall ein Meister persönlicher Eigen-PR, der mir erklärt hat, dass es mit Schulz zu einem Wendepunkt in der Autosuggestion der SPD gekommen ist. Kleine persönliche Stichproben, die ich unternommen habe, bestätigten mir das. Nun mag man das lächerlich finden; wen interessiert noch die innere Verfassung der wenigen übriggelassenen SPD-Mitglieder? Das kann jedoch eine Unterschätzung sein. Deprimierte Parteimitglieder sind eine Garantie für Wahlniederlagen. Motivierte Parteimitglieder sind nicht hinreichend für Wahlsiege; aber notwendig.
Misstrauenerregend ist allenfalls, dass ein Kampagnendienstleister es mir nun schon persönlich vermitteln muss, was seiner Kundin, der SPD selbst, bisher publizistisch nicht wirklich gelungen ist.
Jetzt müssten die Grünen und die Linkspartei in ihrem Innenleben auch eine solche Wende hinbekommen: dass ihre Mitglieder plötzlich Lust und Spass am Kämpfen gewinnen. Und Intelligenz entwickeln, um die Balance zwischen Bündnispolitik und Arbeitsteilung zu finden. Und siegen wollen.
Ist das zuviel verlangt?

Update 29.1.: Schöner als Sibylle Berg hätte ichs auch nicht schreiben können. Abgewogen klug wie meistens Stefan Reinecke in der taz.
Update 31.1.: Bei oxiblog schreibt ein linker Parteigenosse von Schulz, was seine Partei in der Europolitik bisher entscheidend falsch gemacht hat. Ist Schulz da dabeigewesen? Ich glaub‘ ja. Will er so weitermachen?
Update 7.2.: Eine radikale Abrechnung mit der Schulz-Nominierung liefert heute Wolfgang Michal, aus meiner Sicht mit einer Überdosis Bitterkeit, daraus zu erklären, dass so einer „zuviel“ über seine Partei weiss.

Parteigründung / Digitalplattform / Osteuropa

Von , am Sonntag, 8. Januar 2017

Ich könnte schwach werden. Sibylle Berg will eine neue Partei gründen. Ich fürchte nur, und sie selbst wahrscheinlich auch, dass sie bei weitem nicht so gut politisch organisieren wie schreiben kann. Und auf ihren sympathisch radikalen Weltsichten beharren, statt Kompromisse schliessen und dann Solidarität üben will. Das ist das Spannungsfeld, das immer weniger Leute in unseren Gesellschaften beherrschen.
Die absolut zeitgemässen und richtigen Fragen zur Weiterentwicklung demokratischer Politik formulieren Georg Diez und Emanuel Heisenberg (lustig: diesen Nachnamen trug der Namensgeber meiner Schule und der Bösewicht in „Breaking Bad“) für eine neuzugründende digitale Diskussionsplattform „disrupt democracy“. Ich werde mit Interesse verfolgen, ob dort auch Antworten gefunden werden; oder ob es eine weitere akademisch-intellektuelle Selbstbespiegelung wird, Spannungsfeld s.o.
Sehr informativ für den provinziellen Horizont des deutschen Politdiskurses ist dieses Telepolis-Interview mit der in Ungarn arbeitenden Politikwissenschaftlerin Dorothee Bohle zur ökonomisch-politischen Lage der westlich Russlands gelegenen sonstigen osteuropäischen Staaten. Sie lassen sich nicht subsummieren; wer dort fortschrittlichen Einfluss nehmen will, muss sehr individuell zugeschnittene Strategien entwickeln. Gibt es in der EU jemand, der/die das kann? Ich zweifle.

Chance für Rot-Rot-Grün?

Von , am Sonntag, 25. Dezember 2016

Online geht immer, auch zu Weihnachten. Lesen können Sie ja wann sie wollen. Albrecht von Lucke, der sich einen Rang in der nervösen Zone Berlin erkämpft hat, sieht im Stile einer guten Kontermannschaft Chancen für Rot-Rot-Grün. Er belegt sie nur schwach, ganz wie sie in der Wirklichkeit sind. Aber der Text drumrum zu Merkels Problemen ist auch lesenswert.
Wenn Sie es im Moment besinnlicher brauchen, schlage ich Ihnen die großartige Sibylle Berg vor, Sie „Würstchen“ 😉

Staatsversagen NSU / Schlechtmenschenfeuilleton

Von , am Samstag, 5. November 2016

Bundesjustizminister Maas bezeichnete diese Woche die mangelhafte Aufklärung der NSU-Verbrechen zutreffend als Staatsversagen. Gut, es gäbe noch viele weitere Beispiele, aber dieses ist aktuell wirklich das Schlimmste. In einem Gespräch mit der taz ziehen Petra Pau (MdB Linke, Untersuchungsausschussmitglied), Stephan Kramer (von Rot-Rot-Grün neuernannter Verfassungsschutz-Chef in Thüringen) und Sebastian Scharmer (Nebenklägeranwalt im Zschäpe-Prozess) eine verheerende Zwischenbilanz. Wenn wir als Staatsbürger unserem Staat das durchgehen lassen, können wir uns wirklich von allem abmelden.
Da sie offenbar keine anderen Sorgen haben, regen sich die rechten Schlechtmenschen in den Feuilletons immer noch über die Gutmenschen-Rede von Carolin Emcke auf, die hier Dieter Bott schon gewürdigt hat. Rene Aguigah, zu besseren Zeiten des Senders noch im WDR zu hören, kommentierte das beim Deutschlandradio, Sibylle Berg wies bei Sp-on darauf hin. Ihr Aufruf zur Frauensolidarität in diesem Zusammenhang – keine Angst Männer, das könnte noch was dauern.

Endlich wieder Dienstboten & Gesinde / Siemons / Berg

Von , am Sonntag, 16. Oktober 2016

Mark Siemons vermeidet, seiner Arbeitgeberin FAZ gemäss, kunstvoll das Wort Kapitalismus, wenn er dennoch lesenswert das Fetischwort „Content“ in der Mediendebatte aufs Korn nimmt.
Wenn Sies gerne kürzer und polemischer haben, nehmen Sie doch Sibylle Berg. (Sp-on)
Im Zuge der Rückkehr des Feudalismus und des Brückenzolls bekommen wir nun endlich auch das Gesinde, die Diener, Boten, Butler, Chauffeure und Hausmädchen wieder zurück – die „gute alte Zeit“. (Telepolis)
Aber glauben Sie nicht, dass die Flüchtlinge weniger werden, nur weil das die Bundesregierung erzählt – im Gegenteil. (Telepolis)