Schlagwort-Archive: Sp-on

Frauen rollen Reste der Popindustrie auf

Von , am Dienstag, 23. Mai 2017

Seit Jahrzehnten habe ich keine Musik mehr gekauft. Meine Wohnung steht voll davon, ich schaffe es nicht mehr sie zu hören – ausser sporadisch im Radio. Die Produktionsverhältnisse für das, was unsereiner als Pop kennengelernt hat, haben sich radikal verändert. Die einstigen „Major Companies“ sind aufgefressen worden. Künstler*innen sind noch mehr auf sich selbst, Kapitalkraft, Ausdauer, Ellenbogen, Vermarktbarkeit und -fähigkeit angewiesen. Nach meiner Wahrnehmung steigt der Anteil der Frauen unter den wenigen, denen das gelingt.
Ich schäme mich, Informationen aus dem Boulevardmedium Spiegel-online zu beziehen, aber diese Reportage über Sevdaliza mag einerseits ultraclevere PR sein. Sie ist aber spannend, weil sie sehr viele miniaturisierte politische Signale setzt, und in diesem Falle keine schlechten. Beispielhaft für aktuelle Entwicklungen der Branche, dass sich hinter der Künstlerin eine kleine selbstgebaute Popfabrik verbirgt, als Unternehmensform vergleichbar mit der TV-Fabrik hinter Jan Böhmermann.
Politisch expliziter äussert sich das im taz-Interview mit der Libanesin Yasmine Hamdan, ein weiteres Beispiel für die kulturelle Überlebensfähigkeit eines Landes, das gemessen an seiner Einwohnerzahl vermutlich den Weltrekord an Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge hält.
Der neue Pop ist das Fussballbusiness, Sehnsuchtsziel globaler Kapitalströme. Marie Kilg analysiert in einer sehr gut analysierenden Reportage für die taz die PR-Strategie dieses Fussballkonzernes aus dem süddeutschen Raum. Was sie hier gesehen hat, beherrscht längst das gesamte Entertainment- und Politikgeschäft, es steht repräsentativ für kapitalgetriebene Strukturveränderungen in unserem Mediensystem, und für die Gefahr, die davon für unsere Informations- und Meinungsfreiheit ausgeht.

Update 24.5.: Wie politisch Pop heute ist, hat am Beispiel Arianna Grande und dem Bombenanschlag nach ihrem Konzert in Manchester, Dietmar Dath in der FAZ absolut zutreffend erfasst,

Linke Niederlagen – einige Lehren

Von , am Freitag, 19. Mai 2017

Vielleicht ist eine der ersten Lehren, dass Prof. Klaus Dörre, Spross der „Marburger Schule“ heute gleich in zwei verfeindeten Blogs vorkommt. Die nachdenkseiten, die immer noch sehr, sehr böse auf oxiblog-Chef Wolfgang Storz sind, bringen ein sehr ausführliches Interview mit dem klugen Mann. Oxiblog dokumentiert eine Rede von ihm.

DeutschlandradioKultur sendete vorgestern gesammelte Erfahrungen alter (Müller, Radunski) und junger Kampagnenhasen. Man fragt sich, wie das verloren gegangen ist, es ist zwar altes, aber kein Geheim-Wissen.

Thomas Fricke schreibt sich weiter bei Sp-on die Finger für eine friedlichere deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik wund.

Preisfrage: während man in SPD, Linkspartei und Grünen damit ausgelastet ist, übereinander herzufallen und „Schuldige“ zu identifizieren, wird es da noch Kräfte gegeben, die solchen Überlegungen zugänglich sind?

Lehren aus Frankreich – kommt jetzt die „Führerdemokratie“?

Von , am Mittwoch, 26. April 2017

Wie die Präsidentschaftswahl die politische Landschaft unserer Nachbar*inne*n durchpflügt hat, das wird früher oder später, in Deutschland meistens: später, auch uns nicht erspart bleiben.
Sachdienliche Hinweise liefern:
Nils Minkmar auf Sp-on, der beschreibt wie die politische Klasse Frankreichs durch ihre elitäre Abgeschlossenheit und Selbstreferentialität strunzdumm bleibt;
– Ronja Kempin von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), die in der von ihr gesehenen „Notwendigkeit wirtschaftlicher Reformen“ nebulöser bleibt, als Präsidentenfavorit Macron, die aber hier gründlich analysiert, wie der FN sich die Dummheit der anderen Parteien zunutze macht, und welche Verfassungskonflikte bis hin zur Demontage des Parlamentarismus, nicht zuletzt aufgrund der Parteienschwäche nach der Wahl folgen werden.
– dazu passt die Erläuterung der klugen Isolde Charim, wie der „Populismus“ uns die „Führerdemokratie“ einbrockt.

Update 27.4.: Bernhard Schmid (Jungle World) zur Lage zwischen den Wahlgängen.

Augstein

Von , am Dienstag, 4. April 2017

Zeitgemässes modernes mafiöses Agieren heisst heute: Gegner spalten, schwächen, zur Not kaufen, statt sie zu erschiessen. Erst- und Zweitgenanntes ist ihnen nun mit Jakob Augstein und Petra Reski gelungen. Bei Augstein frage ich mich: was soll nur aus ihm werden?

Veröffentlicht hat die Geschichte Andreas Rossmann, FAZ-Feuilletonkorrespondent für NRW mit Sitz in Köln und regelmässigem Urlaub in Sizilien. Ich kenne ihn gut genug, dass ich mich für seine journalistische Seriosität verbürge. Wie bei Journalisten-Geschichten üblich, verbreitet sie sich in der Medienbranche mit potenziertem Tempo und reichlicher Aufregung. Weiterlesen

Frankreich / Nazi-V-Mann / Wagenknecht / Jantschke

Von , am Donnerstag, 16. Februar 2017

Es ist unser Nachbar, Frankreich, unser bester Freund, wenn Deutschland überhaupt noch Freunde hat, aber unsere Medien sind seltsam desinteressiert. Weil es „nur“ um Rassismus geht? Um Rassismus bei und in der Polizei; die nimmt einen angenommenen Wahlsieg von Frau Le Pen schon vorweg, wie Bernhard Schmid in der Jungle World berichtet.
Der NSU-Untersuchungsausschuss vernimmt einen ehemaligen V-Mann in der Nazi-Szene, in nichtöffentlicher Sitzung und zwei Präsidenten (einer Ex-) des sog. „Verfassungsschutzes“. Bei solchen Zeugen ist die Wahrheitsfindung besonders schwer, wie Andreas Förster im Freitag erläutert.
Warum redet Sahra Wagenknecht nur noch so kariert daher, wenn es um Merkel, Flüchtlinge und internationale Solidarität geht? Weil sie vor allem von letzterem keine Ahnung hat, und damit als vorgeblich gelernte „Kommunistin“ auch keine von einer politischen Rolle, die die Arbeiterklasse gespielt hat und spielen könnte, wenn sie über kluge Parteien und Gewerkschaften verfügen würde, meint Michael Jäger im Freitag. Wagenknecht repräsentiert so „perfekt“ das Versagen deutscher linker Organisationen.
Tony Jantschke personifiziert die neue Abwehrstärke von Borussia Mönchengladbach in einem lesenswerten Sp-on-Interview. Es gibt also auch gute Nachrichten.

Rechte Demagogen rauben unsere Sprache – Seesslen

Von , am Samstag, 11. Februar 2017

Georg Seesslen habe ich hier schon oft gelobt. Ich freue mich für ihn als freischaffenden Essayisten von überragender Qualität, dass er mit Spiegel-online nun in hohem Alter seinen vermutlich bisher bestzahlenden Auftraggeber gefunden hat. Sein Text ist aber auch jeden Zeilencent wert. Er gehört ins Pflichtenheft des Grundstudiums für alle Kommunikationsfachleute und Menschen, die irgendwas mit Medien machen wollen.

Es gibt noch gute Medien

Von , am Donnerstag, 2. Februar 2017

Gestern berichtete das Deutschlandradio über ein selbstverwaltetes Krankenhaus im brandenburgischen Spremberg. Kannte ich nicht, gesundheitspolitisch sensationell, von der breiten Öffentlichkeit ausserhalb dieses dünn besiedelten Bundeslandes unbemerkt. There are alternatives!
Sonntag bereits sendete „Sport inside“, das sich zusehends zu einem „Weltspiegel“ des Sports entwickelt. Absolut sehenswert: die Gabun-Reportage. Das Tragische: es handelt sich um die einzige TV-Sendung, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, die überhaupt Sportjournalismus betreibt – alle anderen Sportformate sind Produktpräsentationen, die sogar weitgehend vertraglich über die Senderechte abgesichert werden, also bei Licht besehen eigentlich Werbefernsehen. Das ist das WDR-Format „Sport inside“ ganz sicher nicht, und, obwohl es nur normal-kritischen Journalismus betreibt, für dieses Alleinstellungsmerkmal grimmepreiswürdig.
Thomas Kistner ist auch ein richtiger Sportjournalist. Er berichtete diese Woche für SZ und DLF neue Vertuschungsmerkwürdigkeiten des DFB und der von ihm beauftragten Kanzlei Freshfields in Sachen „Sommermärchen“ 2006. Ex-DFB-Präsident Niesbach war offensichtlich besonders darauf erpicht, seinen Vorgänger Zwanziger, der verdächtig ist Jens Weinreich/Spiegel-online mit Infos gefüttert zu haben, in ein schlechtes Licht zu rücken. Kein Medium hat nachgesetzt. Eigene Recherche erfordert bezahlte Arbeit; wer will heute noch für Arbeit bezahlen?
Einige richtige Stichworte zur aktuellen Medienentwicklung gab Lutz Hachmeister der geschätzten Kollegin Ulrike Simon. Hachmeisters wacher Geist ermüdet, ich sah ihn vor ein paar Wochen bei einer Veranstaltung seines Instituts in Köln, weil die Berliner Hauptstadtpolitik an seinen Hinweisen komplett desinteressiert ist. Medienpolitik macht in der BRD eine kleine Gemeinde, fast alle kennen sich untereinander persönlich, Selbstreferentialität in potenzierter Form. Sie sollen die Kreise derer in Berlin nicht belästigen – die so besonders anfällig bleiben für Einflüsterungen strategisch agierender Milliardär*inn*e*n (Murdoch, Malone, Mohn, Springer, Zuckerberg etc.). Diese Provinzialität in der Hauptstadt ist erschütternd.

Trumps Lüge „America first“ treibt EU/Merkel in die Defensive

Von , am Dienstag, 17. Januar 2017

Wie ärmlich sich die deutschen „Qualitäts-“ und „Leitmedien“ darstellen und selbst verstehen, haben sie gestern und heute erneut bewiesen: von der „BILD-Zeitung“ liessen sie sich die Agenda diktieren und am Nasenring durch die Manege ziehen. Die Frage, was der zukünftige US-Präsident vorhat, ist natürlich relevant. Die Antwort hätten sie gestern billiger haben können. Gabriel Simon hat sie auf Telepolis beantwortet.
„America first“ wird sich als Lüge erweisen. Trump symbolisiert den Abstieg der USA als Weltmacht. Das irritiert ihre engsten Bündnispartner in Europa schon lange. Diese Irritation nimmt zu. Geländegewinne im Welthandelskrieg gibt es für die Schwellenländer, Simon nennt namentlich die „BRICs“ Brasilien, Russland, Indien, China, die einen Plan haben und ihn verhältnismässig stringent verfolgen.
Wer das genauer erklärt haben will, sollte sich das aktuelle Geschehen im globalen Fussballbusiness näher anschauen, Gunter Gebauer (FAZ) und Jens Weinreich (Sp-on) liefern dafür Hinweise.
Jetzt rächt sich die Ökonomie-Diktatur, die Wolfgang Schäuble in der EU errichtet hat, Weiterlesen

Information Warfare

Von , am Freitag, 16. Dezember 2016

Im Informationskrieg geht es heiß her. 2002 publizierte die „story“-Redaktion des WDR die Dokumentation „Es begann mit einer Lüge“, mit der der erste deutsche Angriffskrieg gegen das damalige Jugoslawien 1999 charakterisiert wurde. Der Film war so akkurat gearbeitet, dass er die Karriere seiner Autoren nicht wirklich beschädigte. Jo Angerer kuratiert weiterhin Dokumentarfilme für ARD und WDR, Mathias Werth besetzt einen attraktiven Auslandskorrespondentenposten in Paris. Dennoch liess der Film SPD- und CDU-Leute im WDR-Rundfunkrat nicht ruhen, bis sie endlich einen schwachen „Monitor“-Beitrag entdeckten, den sie demonstrativ mit Stimmenmehrheit rügen konnten. Angerer und Werth gehörten früher beide dieser Redaktion an.

Eine Botschaft, die dieser Film uns damals schon übermittelte: wenns in der deutschen Öffentlichkeit mal so richtig eskaliert und Aufmerksamkeit erregt werden soll, Weiterlesen

Holm / Barley / Lobo / Niggemeier

Von , am Donnerstag, 15. Dezember 2016

Christoph Twickel bewertet die Ernennung von Andrej Holm zum Staatssekretär im rot-rot-grünen Berliner Senat. (Freitag)
Ebenfalls im Freitag ein interessantes Porträt von SPD-Generalsekretärin Katarina Barley. Die Bewertung ihres Examensthemas (Kommunalwahlrecht für EU-Ausländer) durch die Autorin als „dröge“ halte ich allerdings für extrem abwegig.

Und nun zu den Fake News: Sascha Lobo (Sp-on) muss ich wohl bald zum Internet-Weisen aus dem Abendland erinnern.
Und eine illustrative Ergänzung von Stefan (erst hatte ich hier fälschlich „Horst“ geschrieben; von dem muss ich heut nacht wohl geträumt haben) Niggemeier, wie Presse ganz ohne Journalismus – schon lange – hergestellt wird.