Schlagwort-Archive: Tagesschau

GroKo à la française

Von , am Mittwoch, 24. Mai 2017

Das sozialpolitische Profil der neuen Regierung in Paris
Von Peter Wahl

Der französische Präsident hat seine Regierungsmannschaft zusammengestellt. Die Zusammensetzung der Ministerriege lässt einige Rückschlüsse auf den zukünftigen Kurs zu.

Einschränkend muss man allerdings festhalten, dass das Kabinett sich nach der Wahl zur Nationalversammlung (11. und 18. Juni) schon wieder ändern könnte. Dann nämlich, wenn Macron keine Mehrheit der Abgeordneten hinter sich bekommt. Er wäre dann zur Kohabitation gezwungen und müsste neben programmatischen Kompromissen auch personelle Zugeständnisse machen. Das kann so weit gehen, dass er einen Premierminister ernennen muss, den ihm eine Parlamentsmehrheit, anderer politischer Couleur diktiert.
Derzeit ist noch völlig offen, wie die Wahlen zur Nationalversammlung ausgehen. Fest steht auf alle Fälle, dass es für Macron nicht so leicht wird, wie bei der Präsidentschaftswahl, bei der mehr als die Hälfte seiner Wähler nur deshalb für ihn gestimmt haben, weil sie LePen verhindern wollten.
Vor diesem Hintergrund ist klar, dass die Zusammensetzung der Regierung ihrerseits für den Wahlkampf genutzt wird. So wird die Hofberichterstattung der großen Medien in Paris nicht müde, immer wieder zu verkünden, wie jung, dynamisch und innovativ der Neue sei. Übertroffen werden sie davon nur noch von ihren deutschen Kollegen. Weiterlesen

Spiel mit Medien & Polizei wie auf einer Kinderflöte

Von , am Montag, 24. April 2017

Der Kölner Parteitag einer Partei, die derzeitig auf dem absteigenden Ast ist, wurde von den Medien in einer völlig unangemessenen Weise weit über ihre wirkliche Bedeutung beachtet. Die Polizei, die das Tagungshotel Maritim der AfD und das halbe Zentrum von Köln in eine Festung verwandelte, hatte jede Verhältnismäßigkeit aus den Augen verloren – trotzdem blieb alles friedlich. Die Berichterstattung – auch in den öffentlich-rechtlichen Medien – gierte geradezu auf gewalttätige Auseinandersetzungen, berichtete vor dem Tagungsort völlig einseitig ausschließlich aus Sicht der Polizei und verschaffte dem kläglichen Geschäftsordnungs-Hickhack ausgebuffter ehemaliger CDU-, NPD- und Funktionäre rechter Splittergruppen im Parteitagssaal die Weihen einer scheinbaren Wichtigkeit. Die „Tagesschau“ und das ZDF machten sich völlig distanzlos zum Affen eines inszenierten Schmierentheaters um die Vorsitzende Petry, einer Frau, die den NSDAP-Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzen möchte, aber am Wochenende von anderen, noch rechteren Strippenziehern entmachtet wurde. Für die AfD insgesamt ein Publizitätserfolg, der nicht mit Millionenspenden aufzuwiegen ist.

Die Überbewertung der AfD begann bereits in der Vorberichterstattung über den Parteitag. So wie die RAF im „Deutschen Herbst“ Arbeitgeberpräsident Schleyer vor einem Plakat mit RAF-Parolen der Öffentlichkeit vorführte, Weiterlesen

Öffentlich-rechtliches Trash-TV

Von , am Freitag, 17. März 2017

Ende dieses Monats kommt die Umstellung von DVB-T auf DVB-T2. Die gebührenfreie technische Zusendung von TV-Programmen gilt – nach einer dreimonatigen Karenzzeit – dann nur noch für öffentliche-rechtliche Sender, für die wir bereits unsere monatliche Haushaltsabgabe von gut 17 Euro bezahlen. Ein großer Programmverlust wird das nicht. Um die „2 Broke Girls“ von Pro7 ist es ein bisschen schade, war ’ne schöne Zeit. Vielleicht sehen wir uns online wieder.
Umso empfindlicher reagiere ich, wenn unsere teuer bezahlten ARD und ZDF mit ihren Nebensendern uns als Revanche mit Müll vollsenden.
So fällt aktuell auf, dass die ARD die personalaufwendige 17-Uhr-Tagesschau gerne ausfallen lässt, um uns mit billigem und langatmigen Wintersport zu belästigen.
Und was das ZDF sich mit der „Goldenen Kamera“ geleistet hat, und beide sich mit allen möglichen privaten Preisverleihungen leisten ….. immerhin schämen sie sich so dafür, dass sie alle möglichen Einzelheiten dieser korruptiven Geschäftsbeziehungen vor uns geheim zu halten versuchen. Dank an Boris Rosenkranz und uebermedien.de, die sich für diesen Schrott so viel Recherchearbeit gemacht und seinen Text voll online gestellt haben.
Wenn es irgendwo in diesem Land noch demokratische Mediengesetzgebung geben sollte: hier wäre eine dankbare Aufgabe, mit solcher Verhöhnung der haushaltsabgabezahlenden Öffentlichkeit Schluss zu machen.

Nachtrag: unsere teuren Sender wären ihr Geld wert, wenn ein beeindruckendes Plädoyer gegen (linken) Weltuntergangspessimismus wie hier von Franziska Schutzbach, in Zürich als Rede gehalten und in den Blättern gedruckt, von ihnen in eine essayistische Bild- und Filmsprache übersetzt würde. Solche Fähigkeiten hat es alle beim TV mal gegeben, aber sie lassen sie aussterben.

Yücel – Erdogans wenig beachtetes Kalkül

Von , am Mittwoch, 1. März 2017

Jürgen Gottschlich hat schon mehrmals in der taz auf die paranoide Panik des Erdogan-Regimes hingewiesen, das Ermächtigungs-Referendum für Erdogan unter Umständen verlieren zu können. Diese Paranoia ist nicht unberechenbar. Einzige Voraussetzung dafür ist, sich wirklich für die Türkei zu interessieren. Da Millionen von uns ihre Herkunft in diesem Land haben, sollte das nicht zuviel verlangt sein.
Update 2.3.: hier ein ergänzender Telepolis-Bericht zum Zusammenhang von Wirtschaftskrise, Referendum und AKP-Kleptokratie-Panik

Ein deutsch-türkischer Journalist, arbeitend für die der größten deutschen Regierungspartei sehr nahestehenden „Welt“, ist für Erdogan nicht wirklich wichtig, aber ein berechenbares Objekt. Weiterlesen

Mediatheken-Ärger vor dem Ende?

Von , am Montag, 9. Januar 2017

Niemand blickt mehr durch, was und mit welcher Aufenthaltsdauer in den Mediatheken der von uns bezahlten Rundfunk- und TV-Sender abrufbar ist. Junge Leute glotzen überhaupt kein TV mehr. Selbst unsereiner guckt nur noch die 20-Uhr-„Tagesschau“, die Samstags-Sportschau und ausgewählte „Tatorte“ (Dortmund!, Tukur) live, wenn überhaupt.
Was nicht online steht, existiert auch nicht – für immer mehr Menschen, vor allem die Nachwachsenden.
Wenn die Mediatheken nicht bald verlässlich nutzbar sind, und wenn nicht endlich die sehr inhaltsreichen Archive, die wir auch alle schon bezahlt haben, zugänglich gemacht werden, dann werden auch die öffentlich-rechtlichen Sender bald nicht mehr existieren. Zu entscheiden haben das gemäss Verfassung die Ministerpräsident*inn*en der Länder. Jeder und jedem von ihnen ist vor allem „ihr“ Landessender ein besonderes Anliegen, denn nur dort kommen sie als Politiker*innen überhaupt verlässlich vor. Wenn sie also auch „ihrem“ Sender online die Luft abdrehen, dann ist das so eine Art politischer Selbstmord 😉
Die Blog-Kolleg*inn*en von netzpolitik.org haben eine Bestandsaufnahme der Diskussion zwischen den Bundesländern gemacht. Es besteht Hoffnung. Aber durch das Einstimmigkeitsprinzip kann es auch Dauern.

Fetisch Kamera

Von , am Montag, 19. Dezember 2016

Wird es nicht immer schlimmer mit der Gewaltkriminalität?
Falsch, wie kommen Sie darauf? Die Gewaltkriminalität in Deutschland hat in den letzten 10 Jahren um ein Siebtel abgenommen, von ca. 210.000 auf 180.000. Von 2014 auf 2015 ist die Zahl ungefähr gleichgeblieben (+0,2%). Also: wie kommen Sie darauf?
Man sieht doch so viel. Jetzt werden Gewalttaten nicht nur im Tatort, sondern sogar schon in der Tagesschau gezeigt.
Richtig! Das ist es, was sich geändert hat: wir bekommen die Gewalttaten jetzt live gesendet.

Das ist der „Gewinn“ der Kameraüberwachung: Weiterlesen

„Kopf-Ab-Jäger“ in NRW?

Von , am Donnerstag, 15. Dezember 2016

Der verstorbene CSU-Bundestagsabgeordnete Richard Jaeger trat 1960 für die Abschaffung des Artikel 102 Grundgesetz und die Wiedereinführung der Todesstrafe für Mord und andere schwere Straftaten ein. Dies brachte ihm den Spitznamen „Kopf-ab-Jaeger“ ein. Mit seiner jüngsten Entscheidung, gerade jetzt kurzfristig zehn abgelehnte afghanische Flüchtlinge nach Kabul abzuschieben, hat Ralf Jäger, obwohl nicht verwandt und nicht verschwägert, seine Chancen signifikant erhöht, diesen zweifelhaften Ehrentitel von seinem Namensvetter zu übernehmen.
Angesichts einer militärisch immer schwierigeren Lage in Afghanistan, in der die Anschläge der Taliban und anderer religiöser Fanatiker täglich weiter zunehmen und die korrupte Regierung die Lage nicht unter Kontrolle hat, sind Abschiebungen dorthin mehr als problematisch. Bundesinnenminister de Maiziere räumt ein, dass zwei Drittel der Abgeschobenen sich haben nichts zu Schulden kommen lassen. Während ihnen zu Hause mit großer Wahrscheinlichkeit Gefahr für Leib und Leben drohen, wurden sie nicht abgeschoben, weil es dort jetzt sicher war, sondern, „um unser Asylsystem funktionsfähig zu halten“. Es ging also nicht um Menschen, sondern um ein politisches Zeichen. Toll, dass sich der Innenminister des rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen mit zehn Flüchtlingen an dieser ruhmreichen politischen Aktion beteiligt hat! Weiterlesen

Statt ARD-ZDF-Fusion: Dritte Programme abschaffen

Von , am Donnerstag, 1. Dezember 2016

Dietrich Leder, einer der klügsten Medienkritiker deutscher Sprache, brachte mich mit seinem aktuellen Kommentar auf die Idee. Er schreibt richtig, dass die Dritten Programme inhaltlich alle als Regionalprogramme angelegt sind, aber längst nicht mehr regional senden, sondern alle gleichermassen empfangbar sind. Dem Internet sei dank.

Warum dann „haben wir immer so gemacht“? Warum baut die ARD dann keine gemeinsame Plattform für alle „Dritten Programme“. Lustige Frage am Rande an die Jüngeren: warum heissen die überhaupt so? Sie müssen wissen: es gab eine Zeit, da wurden in diesen Programmen Experimente gemacht, Weiterlesen

Charisma / China

Von , am Freitag, 25. November 2016

Da war ich platt: gestern sagte einer in der Tagesschau, Martin Schulz habe „Charisma“. Da war ich doch sehr verblüfft und musste nachlesen, was uns dieses Fremdwort sagt. Ein Wikipedia-Satz scheint hier besonders zuzutreffen: „Dies birgt für das Unternehmen die Gefahr, dass äußere Informationen nicht mehr aufgenommen werden und die Gruppe nicht mehr bereichsübergreifend denkt, also über den Tellerrand schaut.“
Derzeit gehen von den deutschen Parteien keine Impulse für inhaltlichen Diskurs mehr aus. Sie sind alle zu stark mit ihren Innereien beschäftigt, die Kandidat*inn*en-Listen für die Bundestagswahl werden ausverhandelt. Früher war das bei den Grünen immer am spannendsten: es war nicht ausverhandelt, sondern eine unübersichtliche Schar von qualifizierten und weniger qualifizierten Menschen bewarb sich in einem wenig reguliertem Wettbewerb, der erst bei den listenaufstellenden Delegiertenkonferenzen der 16 Landesverbände endete. Medien saugten daraus mitunter wochenlang Stoff für Geschichten und Geschichtchen und heizten den Wettbewerb mit selbstfabrizierten Intrigen mit an. Heute ist es bei den Grünen am langweiligsten von allen. Ist es das, was mit Schulz‘ „Charisma“ gemeint ist, dass es selbst die SPD jetzt spannender macht? Die aktuellen tatsächlichen Dilemmata der SPD sind hier von Ulrich Horn zusammengefasst; und hier auf dieser Seite hatte Roland Appel Sigmar Gabriels Rolle auseinander genommen.
Erfreulich für uns, tragisch für sympathisierende Kreise in der FAZ-Redaktion, dass sich der größte Landesverband der AfD darüber mal wieder zerlegt. Wobei: deren Wähler*inne*n ist das ja egal. Wenn die sich für irgendwas interessieren würden, würden sie ja anders wählen.

Und dann noch was Wichtiges: der Sieger der US-Präsidentschaftswahl „Make Anerica Great Again!“ heisst: China!

Nachrichtengebung heute

Von , am Sonntag, 11. Oktober 2015

Hätte die FPÖ heute bei der Wiener Kommunal-/Landtagswahl vorne gelegen, hätte das sicherlich für eine Spitzenmeldung gereicht. Hat sie aber nicht. Rot-Grün wurde mit über 50% wiedergewählt. Marginalisiert wurde die CDU Österreichs, die ÖVP, die noch hinter den Grünen landete, Weiterlesen