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Talkshows / Jurist*inn*en / Linksradikale

Von , am Montag, 10. Juli 2017

Ich gucke keine Talkshows, ausser „Schulz&Böhmermann„. Ich lese auch keine Talkshow-Nachbesprechungen, ausser von Hans Hütt/FAZ. Georg Seesslen/taz hat aber keine Nachbesprechung geschrieben, sondern eine Analyse, wie die heutigen Talkshows unsere Demokratie untergraben.

In nichtöffentlichen Schiedsgerichten, wie sie die von unserer Bundesregierung und der EU propagierten „Freihandelsabkommen“ regelmässig vorsehen, können in einem einzigen Verfahren hunderte Millionen Steuergeld verbrannt werden. Nein, nicht verbrannt. Sie wandern aus unser aller Steuerkasse in die Kassen großer Anwaltskanzleien. Hier das Handelsblatt-Lehrstück, wie es zwischen der Bundesregierung Dobrindt und Toll Collect/Daimler/Telekom zugeht.

Meine Meinung zum Linksradikalismus habe ich hier bereits ausgedrückt. Bei aller Ablehnung muss man das, wenn man nicht dumm und hilflos bleiben will, verstehen lernen. Verstehen ist keine Bewertung, sondern kommt von Verstand. Den zu benutzen ist immer besser, als es zu lassen. Im diesem Sinne las ich heute Martin Kaul/taz und Rüdiger Suchsland/telepolis.

Asymmetrische Demobilisierung

Von , am Montag, 26. Juni 2017

Fangen wir mit dem Lob für Martin Schulz an. Gut, dass er das Spindoktorthema mal ins Licht des Mainstreams gezogen hat. Gut auch, der Anti-Berlin-Affekt, den er bedient. Seit dieser Ort Hauptstadt ist, hat sich die Selbstreferentialität von Politik und Medien demokratieschädlich verstärkt, durch schlichte geografische Effekte. Berlin liegt am Ostrand der Republik, 80 km vor Polen. Um es – halb so einwohnerstark wie das Ruhrgebiet – herum ist nichts, ausser ein bisschen menschenleeres Brandenburg, nach Westen folgt dann ebenso menschenleeres Sachsen-Anhalt, nach Norden Meck-Pom, nur voll zu Ferienzeiten. Wie Jürgen Becker es zu Westfalen sagt: „Da kannst Du stundenlang fahren, und triffs keinen.“

Das hat direkte Auswirkungen auf das Alltagsleben unserer Volksvertreter*innen: aus Berlin sind 24, aus Brandenburg 20. Die können abends nachhause, weniger als 10%. Zu Bonner Zeiten (vor 1999) waren es Weiterlesen

Reinecke / Marl / Tschirner

Von , am Mittwoch, 7. Juni 2017

Seit langem schätze ich die Lektüre der taz-Beiträge von Stefan Reinecke. Besonders gelungen: sein aktuelles Stück zum Antisemitismus und Antizionismus der Linken und derjenigen, die das zu bekämpfen vorgeben. Binäres Denken ist eben keine besondere Macke blöder „Amerikaner“, sondern hierzulande mindestens ebenso verbreitet.

Andreas Rossmann liebt aus sicherer Kölner Distanz seit Jahrzehnten das Ruhrgebiet. Eine seiner ganz besonderen Städte ist an seinem Nordrand die sogenannte Stadt Marl, die, man fasst es nicht, mit bildender Kunst auf sich aufmerksam zu machen weiss. Den großartigsten Film über Marl hat vor wenigen Jahren (2014) Dominik Graf gemacht.

Nora Tschirner hat mir lange absolut nichts gesagt. Mit Till Schweiger (oder gar Oliver Pocher) Filme drehen, oje, oje. Dann sah ich sie vor einiger Zeit (2016) bei „Schulz & Böhmermann“ (ZDFneo) und kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Einen so coolen Geradeaus-Auftritt, uneitel und durchdacht, hatte ich nicht erwartet. Im Kampf mit ihrem Körper scheint sie weiter als viele andere Frauen meiner persönlichen Umgebung gekommen zu sein. Sie hat dazu die Kino-/DVD-Doku „Embrace“ mitproduziert und dazu bei Spiegel-online ein hochpolitisches, im besten Sinne feministisches PR-Interview abgeliefert. Ich ziehe meinen Hut, mehr davon!

Katar-Saudis: Ist unser Bündnis mit dem Terror unvermeidlich?

Von , am Dienstag, 6. Juni 2017

Wenn Trump und Erdogan sich als „Vermittler“ anbieten, muss der Weltuntergang wohl kurz bevorstehen. Zunächst nur der Untergang der arabischen Welt, deren Feudalherren nicht nur ihre eigenen Gesellschaften trotz unermesslichen Reichtums sozial und humanitär ruinieren, sondern auch andere mit Krieg, Terrorismus und Massenmord überziehen. Und übrigens: die Riesenmehrheit ihrer Todesopfer sind Muslime.
Nun also Saudi-Arabien gegen Katar, ersteres mit Rückendeckung Trumps, Israels und Ägyptens, letzteres bisher mit Entspannungsbemühungen gegenüber Handels- und Gasfeldpartner Iran. Merken Sie? „Gute“ sind nicht beteiligt. Wohl aber failed states wie Libyen und Jemen, deren „Regierungen“ sich auf Seiten der Saudis verorten. Nach diesen Regierungen können sie lange suchen, in ihrem Land, das jeweils von marodierenden Mörderbanden durchzogen wird, werden sie sie nicht finden.
Es mangelt zu diesem Thema nicht an kritischen Analysen: Karim El-Gawhary (taz), mit dessen in München lebenden Vater ich Ende der 70er gut befreundet war, Martin Gehlen in zahlreichen Zeitungen und Onlineseiten, Update 7.6.: Thomas Pany auf Telepolis, Michael Lüders heute mittag auf wdr5 (keine Textfassung online) oder German Foreign Policy (dieser Text verschwindet in ein paar Tagen hinter einer Paywall). Letzterer Text nutzt lobend Stichworte des SWP-Experten Guido Steinberg. Der meint jedoch, auf ein strategisches Bündnis mit den Saudis, ganz wie sein geldgebendes Bundeskanzleramt, nicht verzichten zu können und verteidigt in einem weiteren Text sogar militärische Interventionen als Mittel der Politik. Lesen Sie das mal, und versuchen sie das zu verstehen. Ich bin inhaltlich gescheitert und werde das bleiben.

Politische Sprache

Von , am Sonntag, 4. Juni 2017

Wie die Rechten uns Demokrat*inn*en die Sprache stehlen, wozu immer zwei gehören, also auch wir, die sie sich wegnehmen lassen, erläutert Georg Seesslen in der taz. Sein Text sollte Pflicht für die wahlkämpfenden Parteien und deren Kampagnenagenturen sein.

Dazu zwei aktuelle Beispiele aus den Tagesnachrichten.
In bester Orwellscher Manier haben irgendwelche Rechte in der CDU die Klimaforscher*innen zu „moralischen Erpressern“ umdefiniert. Nun lachen Sie nicht über diese Absurdität! Es geht nicht ums argumentieren und überzeugen, sondern darum, das komplette Spektrum ernstzunehmender Diskussion nach rechts zu verschieben. Wir werden so an die Weltsicht Trumps und der AfD gewöhnt, als sei das was Normales. So wird dieser Blödsinn weniger bescheuert, als er im ersten Moment wirkt.

Wo das schon vor 25 Jahren geklappt hat, war die Asyldebatte. Heute erklärte ein sächsischer Landesinnenminister – bei Nachrichten aus diesem Bundesland staunt man, dass es den wirklich gibt – Flüchtlinge müssten weiter abgeschoben werden, weil sonst „das Asylsystem“ zusammenbreche. Hätte der Mann an einem inklusiven Schulunterricht teilgenommen, hätte er vielleicht erfahren, dass Asyl kein System ist, das ein Innenminister kreiert und verwaltet, sondern ein Grundrecht, das zu verteidigen er einen Amtseid geschworen hat. Aber das ist nicht nur für ihn zu anspruchsvoll, sondern war es schon für CDU, FDP und SPD 1993 – damals unter aktiver Mitwirkung eines gewissen Oskar Lafontaine – als sie den Art. 16 des Grundgesetzes sturmreif demolierten. Und glauben Sie nicht, dass es Herrn Lafontaine heute peinlich ist – im Gegenteil.

Manchester-Attentäter einer von den „Guten“?

Von , am Freitag, 26. Mai 2017

In Libyen. Von den Guten in Libyen.
Man muss mit steilen Thesen im Angesicht solcher schrecklichen Ereignisse und Verbrechen zurückhaltend sein, und die Polizei ihre Arbeit machen lassen. Andererseits: das macht sowieso keine*r.
Merkwürdig bei den meisten Attentätern, dass sie den jeweiligen Sicherheitsbehörden schon „bekannt“ waren. Meistens im Land des Verbrechens aufgewachsen und ausgebildet, bzw. das gerade nicht oder kaum. Die Sicherheitsbehörden sind aber trotz aller Algorithmen nicht willens und/oder in der Lage, die Gefahr, die von solchen Menschen, meistens Männern, ausgeht, richtig einzuschätzen. Weder Vorratsdatenspeicherung noch die Weltmeisterschaft im Videokameras-Installieren haben geholfen, das Manchester-Verbrechen zu verhindern. Aber sie und die tausenden Smartphones sichern unserem Voyeurismus ausgezeichnete TV-Bilder und Internet-Clips zum Erschauern. Und diese Geilheit von uns und unseren Medien erschwert zusätzlich die polizeiliche Ermittlungsarbeit.
Der Täter von Manchester entstammt einer Familie, die in Libyen zu unseren Freunden von der dortigen Regierung (mit „Küstenwache“, Elendslagern etc. etc.), die aufrecht gegen das Böse Ghaddafi gekämpft haben, und uns jetzt, so wie unser Freund und Handelspartner Erdogan, Flüchtlingsmassen vom Hals halten sollen. So berichtet es der Libyen-kundige Marco Kilberth in der taz.

9/11 / Afrika-EPAs / Amri-Vertuschungen / Fehler der Trump-Gegner / Körperschönheit

Von , am Donnerstag, 25. Mai 2017

Waren Sie gestern nicht auf der Autobahn? Glückwunsch! Fürs lange Wochenende Empfehlungen fürs Hirn, die erste versaut Ihnen die Stimmung, mit der letzten geht es Ihnen wieder besser:

Arte zeigte diese Woche eine internationale Koproduktion zu 9/11, nicht wers gewesen sein soll, sondern was der „War On Terror“ danach angerichtet hat: definitiv den Terror gestärkt. Eine gute Figur gibt in dem Film Dominique de Villepin ab, ehemaliger konservativer Außenminister Frankreichs. In der Arte-Mediathek verfügbar bis Mitte August.

Auf Oxiblog analysiert Pit Wuhrer die Gemengelage um Freihandelsabkommen, die die EU den afrikanischen Staaten aufdrängen will. Nur für die Region südliches Afrika konnte schon eins inkrafttreten.

Thomas Moser, NSU-Experte von telepolis, nimmt sich, naheliegend, den vergleichbaren Vertuschungen im Fall Amri an. Es sollte nicht wundern, wenn auch die Brit*inn*en bald parallele Feststellungen um den gestrigen Bombenleger in Manchester treffen müssen.

Ulrich Teusch, einst ein anständig-bürgerlicher Journalist, hat sich aufs Bloggen verlegt. Er sieht, auf angenehm coole Weise, schwerwiegende Fehler der Anti-Trump-Propaganda beidseitig des Atlantiks, und bevorzugt – wie ich – harte Opposition.
Von den Silicon-Valley-Miiliardären ist die jedenfalls nicht zu erwarten, wie Adrian Daub heute in einem Deutschlandfunk-Essay analysierte.
Stefan Reinecke und Ulrich Schulte (taz) berichten aus der Heisseluftfabrik Berlin. Stefan Niggemeier kämpft unverdrossen gegen die Vereinfacher dort, die immer an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.

Magarete Stokowski hält ein argumentgesättigtes Plädoyer gegen Herabwürdigungen von Körpern für ein Selbstbewusstsein von Schönheit, klasse.

Frauen rollen Reste der Popindustrie auf

Von , am Dienstag, 23. Mai 2017

Seit Jahrzehnten habe ich keine Musik mehr gekauft. Meine Wohnung steht voll davon, ich schaffe es nicht mehr sie zu hören – ausser sporadisch im Radio. Die Produktionsverhältnisse für das, was unsereiner als Pop kennengelernt hat, haben sich radikal verändert. Die einstigen „Major Companies“ sind aufgefressen worden. Künstler*innen sind noch mehr auf sich selbst, Kapitalkraft, Ausdauer, Ellenbogen, Vermarktbarkeit und -fähigkeit angewiesen. Nach meiner Wahrnehmung steigt der Anteil der Frauen unter den wenigen, denen das gelingt.
Ich schäme mich, Informationen aus dem Boulevardmedium Spiegel-online zu beziehen, aber diese Reportage über Sevdaliza mag einerseits ultraclevere PR sein. Sie ist aber spannend, weil sie sehr viele miniaturisierte politische Signale setzt, und in diesem Falle keine schlechten. Beispielhaft für aktuelle Entwicklungen der Branche, dass sich hinter der Künstlerin eine kleine selbstgebaute Popfabrik verbirgt, als Unternehmensform vergleichbar mit der TV-Fabrik hinter Jan Böhmermann.
Politisch expliziter äussert sich das im taz-Interview mit der Libanesin Yasmine Hamdan, ein weiteres Beispiel für die kulturelle Überlebensfähigkeit eines Landes, das gemessen an seiner Einwohnerzahl vermutlich den Weltrekord an Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge hält.
Der neue Pop ist das Fussballbusiness, Sehnsuchtsziel globaler Kapitalströme. Marie Kilg analysiert in einer sehr gut analysierenden Reportage für die taz die PR-Strategie dieses Fussballkonzernes aus dem süddeutschen Raum. Was sie hier gesehen hat, beherrscht längst das gesamte Entertainment- und Politikgeschäft, es steht repräsentativ für kapitalgetriebene Strukturveränderungen in unserem Mediensystem, und für die Gefahr, die davon für unsere Informations- und Meinungsfreiheit ausgeht.

Update 24.5.: Wie politisch Pop heute ist, hat am Beispiel Arianna Grande und dem Bombenanschlag nach ihrem Konzert in Manchester, Dietmar Dath in der FAZ absolut zutreffend erfasst,

Schulen – NRW katholischer als Bayern

Von , am Dienstag, 9. Mai 2017

Vielleicht droht bald der Denkmalsschutz oder Eintragung auf eine Rote Liste aussterbender Arten: die NRW-Bekenntnisschulen, die nicht nur ungläubige Kinder ihrer Umgebung ablehnen, sondern auch schon mal geschiedene Lehrer*innen feuern. Vor einiger Zeit hatten Katja Dörner, grüne Bundestagsabgeordnete, und Tim Achtermeyer, grüner Stadtverordneter, hier dazu geschrieben (am Tag der Veröffentlichung hatten wir leider einen mehrstündigen Serverausfall).
Heute berichtete der Deutschlandfunk in seinem täglichen Religionsmagazin – ja sowas gibt es da – aus Bonn über das Thema, anlässlich einer Veranstaltung der taz im Haus der Deutschen Welle.

Neuer BVB-Trainer schon ausgeguckt?

Von , am Montag, 8. Mai 2017

Wie unwichtig der DFB-Pokal für das Fussballgeschäft geworden ist, wird wohl nirgends deutlicher demonstriert, als von der Außendarstellung des Finalisten in Dortmund. Dort wird ein offener Bürgerkrieg ausgetragen; niemand versucht mehr das zu verbergen. Als Aussenstehender muss man wohl offenlassen, wer „angefangen“ hat.
Das Vorgehen der Vereinsführung ist jedenfalls zielstrebig. Ihre Offensive gegen den Trainer begann mit diesem Interview von Boss Watzke mit der WAZ.
Trotzdem hat die Mannschaft, mit schlechter Leistung und Schiri-Hilfe zwar, das wichtige Punktspiel um Platz 3 gegen Hoffenheim gewonnen. Da Platz 4 als CL-Quali-Platz aber sowieso nicht gefährdet ist, fallen wohl alle Hemmungen vor verbrannter Erde. Das Presseecho ist einhellig: Tuchel hat ausgeschissen. Theweleit (taz/FR) macht mit, und der viel in den Verein hineinhörende Röckenhaus (SZ) ebenfalls – alle volles Rohr.
Wer so offen(siv) agiert, muss einen Grand mit Vieren in der Hand haben, oder von Katastrophenangst angetrieben sein. Oder beides.

Gehört das auch zu deutscher Leitkultur? BVB-Fan Küppersbusch hat zu der heute jedenfalls in der taz das Richtige geschrieben: Weiterlesen