Schlagwort-Archive: Türkei

274. Tag U-Haft – Deniz Yücel

Von , am Dienstag, 14. November 2017

Erst gestern schaute ich mir die jüngste Ausgabe des „Neo Magazin Royale“ von ZDFneo an. Während sonst das Interview am Schluss auch der langweiligste Teil der Sendung ist, war es dieses Mal andersrum. Mely Kiyak, Extradienst-Gastautorin (mit freundlicher Hilfe der Otto-Brenner-Stiftung) erinnerte an den immer noch, und bisher ohne Anklageerhebung, in türkischer Untersuchungshaft sitzenden Deniz Yücel, einer von 160 inhaftierten Journalist*inn*en, und einer von 200.000 Knastinsassen, eine Verdreifachung in kurzer Zeit.
Ansehen, anhören – und nicht vergessen!

Und die Aussenpolitik?

Von , am Montag, 6. November 2017

Es muss nicht schlecht sein, wenn ein Thema aus den Koalitionsverhandlungen nicht nach aussen dringt. Geschwätzigkeit der Verhandler*innen ist in der Regel für die Sache kein gutes Zeichen. Andererseits: es scheint sich auch keine der Parteien mit aussenpolitischen Gegenständen profilieren zu wollen. Ein bisschen Türkei, in der Regel nur plakativ und oberflächlich, das wars dann.
Türkei ist natürlich ein gutes Beispiel, wie Aussenpolitik auch innenpolitisch wirksam ist, hier eine kleine Notiz von Andreas Rossmann von einer Veranstaltung in Solingen. Volker Perthes, Chef der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) weist heute in einem Gastkommentar in der SZ auf diesen Zusammenhang hin. Auf mich wirkt er etwas verzweifelt, weil die Verhandler*innen in Berlin anscheinend kaum merken, dass die Welt da draussen sich weiterdreht.
Verdeckte Kriege in Afrika, Drohnenkriege wo immer es beliebt (und beides aus Deutschland gesteuert?), Regime Change in Saudi-Arabien vor dem grössten Börsengang der Weltgeschichte, und vielleicht auch bald failed state? Krieg und Flüchtlingselend im Jemen. Drohender Nuklearkrieg in Ostasien?
Die Bürger*innen bekommen die wachsenden Unsicherheiten ja mit, selbst wenn sie hierzulande nur sparsam dosiert berichtet werden. Verschweigen lässt sich fast nichts mehr. Doch welche Orientierung gedenken unsere Regierenden anzuwenden? Gibt es unter ihnen vertrauenswürdige Personen, die willens und imstande sind, sich mit der Materie vertraut zu machen und nervenstark umzugehen? Perthes attestiert das den Aussenministern, mit denen er bisher zusammengearbeitet hat. Doch wer die/der Neue wird, weiss er auch nicht.

Glücklich in Europa zu leben

Von , am Freitag, 27. Oktober 2017

von Arzu Toker

Europa. Eine Geschichte von Verführung und Entführung. Die Geschichte einer schönen Frau. Wegen ihr bekam dieser Kontinent seinen Namen: Europa. Ich bin nicht entführt worden.
Ich bin freiwillig gekommen. Ich war eine junge Frau, 23 Jahre alt mit Visionen, mit Träumen, die keine Grenze kannten.

Ich bin an in einem Tal an der syrischen Grenze geboren. Dieses Grenzgebiet hat mich, meine Kindheit geprägt. Als meine Großmutter ein junges Mädchen war, gab es dort keine Grenzen. Als ich klein war, sah ich wie die Vögel die natürliche Grenze, die Berge überflogen. Auch ich hätte gern gewußt, was es auf der anderen Seite gab. Ich konnte, ich durfte nicht.
Jetzt lebe ich in einem Kontinent, in dem ich weiß, und jederzeit erkunden kann, was auf der anderen Seite zu sehen gibt. Immer, wenn ich in diesem unserem Europa in andere Länder fahre, berührt es mich die ehemaligen Grenzkontrollen, diese verlassenen Orte zu sehen. Ich jubele mit meinem 65 wie ein Kind und kann mich nicht zurückhalten meinen Mann zu nerven:
Schau mal, schau mal, schau mal! Das war mal eine Grenze, stell dir vor, das war mal ne Grenze! Er tut so als sei er genervt aber ich glaube er fährt extra langsam. Er gönnt mir diesen Genuß, den Moment der Freiheit. Weiterlesen

WM 2018 in Russland – jetzt noch mehr gefährdet

Von , am Mittwoch, 11. Oktober 2017

Gestern endete der letzte Spieltag der Gruppenphase der Fussball-WM-Qualifikation auf allen Kontinenten, ausser Afrika. Das Stattfinden der WM ist ungewisser denn je geworden, denn die noch größte politische Macht der Welt, der Fussballzwerg USA, hat sportlich alles getan, um auf keinen Fall nach Russland reisen zu müssen: eine 1:2-Niederlage beim Gruppenletzten Trinidad&Tobago, in der Tabelle eingereiht hinter den Grossmächten Mexiko, Costa Rica, Panama (alle qualifiziert) und Honduras (muss in Play-Offs gegen Australien, das mit 2:1 im Heim-Rückspiel Syrien rauswarf).

Die Korruptionsermittlungen der US-Justiz gegen die Fifa wird dieses Geschehen gewiss befördern, die Beziehungen zwischen den USA und Russland dagegen kaum verbessern.

Ein Überblick über Aspekte der bisherigen WM-Qualifikation: Weiterlesen

Kunst in Istanbul – Einfach mal durchatmen

Von , am Donnerstag, 21. September 2017

von Ingo Arend
Sie versuchen die Kunstfreiheit am Bosporus hochzuhalten: Über die Istanbul Biennale und die Kunstmesse Contemporary Istanbul.

Eine Zickzackform aus Stahl aus einem Sockel. In dem kleinen Maçka Sanatçılar Parkı im Istanbuler Norden stehen sonst nur bemooste Büsten von Herrschern aus der anatolischen Frühzeit, Spaziergänger ruhen sich aus, Katzen dösen. Umso verdutzter betrachteten vergangene Woche die Passanten in der kleinen Großstadtoase Tony Craggs Arbeit „Red Figure“ – eine fast futuristische Mischung aus Abstraktion und Figuration: halb Gesicht, halb Tornado.
Das „Fünfte Element“ hat die Istanbuler Kunstmesse „Contemporary Istanbul“ den harmlosen Skulpturenparcours betitelt, den sie sich für ihre 12. Ausgabe ausgedacht hat. Misst man sie an dem neuen Kunststandard am Bosporus, wurden seine neun Arbeiten plötzlich zu subversiven Objekten. Mit dem Diktum „Die Skulptur gehört nicht zu unseren nationalen Werten“ hatte Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zum Auftakt der Istanbuler Kunstwoche dieser gefährlichen Gattung eine Absage erteilt.

Die Szene zeigt türkische Kunst zwischen Druck und Selbstbehauptung. Weiterlesen

War früher alles besser?

Von , am Montag, 18. September 2017

Die Grünen z.B.?
Rüdiger Suchsland macht sich, etwas spät vielleicht, Gedanken, wie sie heute sein könnten.

Die SPD?
Jakob Augstein und Oskar Lafontaine – viele werden jetzt ausstossen: ausgerechnet! – erzählen, wie es mit Deutschland unter einem Bundeskanzler Lafontaine gekommen wäre. Komplett falsch liegt der dieses Mal einen überraschend milden Ton wählende Oskar mit seiner Willy-Brandt-Verherrlichung. Es gab für Willy nichts Wichtigeres als deutsche Einheit und Souveränität, und die hätte er nie ausserhalb der SPD gesucht. Die Willy-Anbetung alter und junger Sozialdemokraten bleibt skurril. Dass Jakob und Oskar in ihrer alltäglichen Arbeitsumgebung von Vielen nicht für Linke gehalten werden – geschenkt.

Was früher besser war, untersuchte letzten Freitag im NDR die sehenswerte „Panorama – die Show„, um 0 Uhr gesendet, trotzdem jugendfrei. Bemerkenswert, wie weit wir bis heute gekommen sind: heute sind schon 6,3% aller Vorstandssitze in DAX-Konzernen weiblich besetzt. Wieviele Frauen hätten das wohl in den 60er Jahren für möglich gehalten? Sollen sich die Türkei oder Ruanda da mal ein Beispiel dran nehmen? Da musste erst ein fünfjähriger Iraner aus Teheran kommen, um uns darauf hinzuweisen?

Cevdet Ereks Werk „Çın“

Von , am Donnerstag, 14. September 2017

von Ingo Arend
Besser als 100 Amnesty-Plakate – im Türkischen Pavillon zeigt es keine politische Botschaft. Trotzdem ist es ein subtiles Bild für die Lage in der Türkei.

Eine sanft aufsteigende Rampe aus rohen Holzbrettern, eingefasst von einem Stahlgerüst. Auf den ersten Blick weiß man nicht recht, ob in dem schmalen Durchgangsraum im ersten Stock der Sale d’Armi im Arsenale wirklich ein fertiges Kunstwerk steht. Ob hier einfach noch gebaut wird. Oder ob man auf einem Provisorium läuft.
„Ortsspezifische Installation“ ist eine schöne Untertreibung für den scheinbar simplen, aber reichlich ausgeklügelten Bau, den der türkische Künstler Cevdet Erek in das alte Gemäuer mit den freiliegenden Backsteinwänden gesetzt hat, das den Türkischen Pavillon der 57. Biennale von Venedig beherbergt. Zwar teilt es den schlauchartigen Raum in wohlproportionierte Rechtecke und Raumfolgen. Die lassen sich am Ende der Rampe von einer querlaufenden Kommandobrücke herab aus der Vogelperspektive betrachten.

Und das blank polierte Gestänge dürfte die Herzen von Minimalfans höher schlagen lassen. Die Installation ist aber auch ein Musterbeispiel des subtil Politischen. Weiterlesen

Was ist die Botschaft ….

Von , am Dienstag, 5. September 2017

… an die türkischen vielen Millionen Demokrat*inn*en? Hier bei uns und dort?
Ich hatte mir fest vorgenommen, zum „Duett“ nichts zu schreiben. Es ist alles geschrieben, nur nicht von mir 😉 Wer nur Günter Bannas gelesen hat, vorher und hinterher, ist voll informiert und hat nichts verpasst. Über 60 Mio. haben nicht zugeguckt.
Es gab aber eine politische Botschaft, und die ist verheerend in Form und Inhalt. Der Kanzlerkandidat glaubte sich in einem taktischen Vorteil, indem er sich als türkeikritischer zu geben versuchte als die Kanzlerin. In seiner Botschaft, und auch in der seiner Konkurrentin, war allerdings absolut Null Signal an die türkischen Demokrat*inn*en enthalten, weder an die Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei, und ebensowenig an die Menschen türkischer Herkunft, die hierzulande in Millionenzahl wahlberechtigt sind.
Die Journalistin Özlem Topcu hatte darauf bereits unmittelbar nach dem Duett in einer Auswertungsdiskussion des Deutschlandfunks hingewiesen (leider nicht online dokumentiert). Mein alter Jungdemokraten-Freund Pascal Beucker hat es in der taz absolut zutreffend kommentiert.
Die deutschen Türk*inn*en müssen sich nach dieser Veranstaltung wie mit dem Arsch nicht angeguckt fühlen. Rätselhaft, wie einem erfahrenen Europapolitiker so ein Fehler passieren kann, dessen Wirkung weit über den Wahltag hinausreicht. Gibt es in der SPD keine Coaches und Berater*innen mehr, die dafür ein Sensorium haben? Ihre türkischen Partei-Brüder und -Schwestern von der CHP befinden sich in einer hochdramatischen Transformation mit ständig lauernder Gefahr der Illegalisierung. Sie müssen das Antikurdische ihres kemalistischen Nationalismus reduzieren, sie müssen viel bündnisoffener werden, um Mehrheitsfähigkeit zu erreichen. Nichts wäre jetzt wichtiger als kritische Solidarität ihrer immer noch mächtigsten Schwesterpartei in Europa. Klar, kann sie unter Erdogan-Bedingungen nicht demonstrativ inszeniert werden. Es fehlt allerdings der Glaube und jedes Indiz, dass es wenigstens heimlich geschieht.

Katar „muss“ den Fussball kaufen

Von , am Freitag, 1. September 2017

Beruhigt Euch hat mein Vorbild Silke Burmester mal eins ihrer Bücher genannt. Auf den Fussball dieser Wochen gemünzt: so what? Katar investierte kräftig in seinen Stützpunkt PSG in Paris. Warum? Die dort regierende Feudalclique ist unbegrenzt liquide durch gehaltvolle Öl- und Gasfelder. Sie investiert also in den Vertrieb dieser Rohstoffe. Und weil die zwar reichhaltig, aber nicht unbegrenzt sind, diversifiziert sie gleichzeitig ihre Kapitalanlagen. Angesichts der Nullzinspolitik der US- und der europäischen Notenbank gibt es nur noch wenige Geschäftsfelder mit attraktiven Renditen. Dazu gehören aktuell die sich aufblasenden Branchen Immobilien und Fussball/Entertainment.

Katar wird derzeit vom neidischen größeren Nachbar Saudi-Arabien bedrängt. Es ist also darauf angewiesen, sich weltweit Freunde zu kaufen, Weiterlesen

CDU bereitet AfD-Koalition vor

Von , am Sonntag, 27. August 2017

Bundesinnenminister di Misere bezeichnete die „Sicherheitszusammenarbeit“ mit Erdogans Regime als „unverzichtbar“. Parallel erklärte seine dienstvorgesetzte Bundeskanzlerin Merkel, die kriminelle Vereinigung namens „libysche Küstenwache …. besser ausstatten“ zu wollen. Beide wollen damit diejenigen stärken, die jetzt schon tun, was einige AfD-Grössen für Deutschland erst fordern: an der Grenze auf Flüchtlinge schiessen. Das ist aktive Enttabuisierung praktischer AfD-Politik. Die vielen Freundinnen, die mir in letzter Zeit, ganz unter uns, bekannten, Merkel wählen zu wollen, müssen also wissen, dass die Dame jetzt den Boden bereitet für etwas, was sie ganz sicher nicht wollen. Spätestens 2021 wäre es dann soweit.

Die morgige ARD-Kirmes (21.15 h), u.a. mit Gauland und Jürgen Trittin, unter dem Titel „Wie umgehen mit Trump, Erdogan und Putin?“ ist also schon erledigt. Die regierungsamtliche Antwort lautet: so werden wie sie.

Unsere Opposition in Berlin scheint immer noch in Urlaub. Müssen wir wieder eine gründen?